Wenn jemand Worte findet, wo eine Familie schweigt
Ausgangspunkt
Nicht alles, was Kinder in einer Familie lernen, wird ihnen erklärt.
Sie beobachten, wie Erwachsene miteinander sprechen, worüber sie lachen und bei welchen Themen plötzlich Stille entsteht. Sie bemerken, welche Gefühle willkommen sind und welche möglichst schnell verschwinden sollen. Sie spüren, wenn eine Frage Unruhe auslöst, auch wenn niemand ihnen sagt, weshalb.
Auf diese Weise entstehen Vorstellungen darüber, was innerhalb einer Familie erlaubt ist.
Und manchmal auch darüber, wofür man sich offenbar schämen muss.
Ein Kind kann jedoch kaum unterscheiden, ob eine solche Botschaft tatsächlich etwas über die Welt erzählt oder lediglich etwas über die Geschichte seiner Familie.
Vielleicht braucht es deshalb Menschen, die Worte finden für das, was ein Kind längst wahrnimmt.
Was Kinder verstehen, ohne es erklärt zu bekommen
Kinder sind auf ihre Bezugspersonen angewiesen.
Sie können familiäre Regeln deshalb nicht einfach von außen betrachten und entscheiden, welche davon sinnvoll sind und welche sie ablehnen möchten. Was in ihrer unmittelbaren Umgebung geschieht, bildet zunächst den Rahmen, innerhalb dessen sie die Welt verstehen.
Wenn bestimmte Gefühle regelmäßig abgewertet werden, kann ein Kind lernen, diese Gefühle lieber nicht zu zeigen.
Wenn über einen Menschen in der Familie nur mit Verachtung gesprochen wird, kann es die damit verbundenen Bewertungen übernehmen.
Und wenn eine bestimmte Geschichte niemals erzählt werden darf, versteht ein Kind vielleicht nicht, was geschehen ist. Es versteht aber sehr wohl, dass es etwas gibt, das offenbar nicht berührt werden soll.
Das Problem liegt dabei nicht allein im Schweigen.
Schwierig wird es dort, wo das Kind für das, was es wahrnimmt, keine andere Erklärung bekommt.
Dann kann aus einer familiären Reaktion allmählich eine vermeintliche Wahrheit werden.
Nicht:
"In meiner Familie wird dieses Gefühl abgelehnt."
Sondern:
"Dieses Gefühl ist falsch."
Nicht:
"Meine Familie schämt sich für diese Geschichte."
Sondern:
"Dafür muss man sich schämen."
Und vielleicht irgendwann:
"Wenn das zu mir gehört, stimmt etwas mit mir nicht."
Wenn jemand eine andere Sprache anbietet
An dieser Stelle kann ein einzelner Mensch innerhalb einer Familie einen erstaunlichen Unterschied machen.
Es braucht dafür nicht immer die vollständige Aufarbeitung einer Familiengeschichte. Es braucht auch keinen Menschen, der auf jede schwierige Frage eine Antwort kennt.
Manchmal genügt jemand, der bereit ist, das Wahrgenommene nicht zu leugnen.
Ein Mensch, der einem Kind vermitteln kann, dass seine Wahrnehmung richtig ist, auch wenn die Erwachsenen darüber nicht sprechen möchten.
Jemand, der sagen kann, dass Traurigkeit erlaubt ist, obwohl andere sie nicht aushalten. Dass eine Frage gestellt werden darf, obwohl sie Unruhe hervorruft. Oder dass die Scham eines Erwachsenen nicht automatisch zur Scham eines Kindes werden muss.
Damit verschwindet die Familiengeschichte nicht.
Aber etwas Entscheidendes verändert sich.
Das Kind erhält eine zweite Möglichkeit, das Erlebte zu verstehen.
Es muss die unausgesprochene Botschaft seiner Umgebung nicht mehr zwangsläufig für eine Wahrheit über sich selbst halten.
Verschiebung
Die Psychoanalytikerin Alice Miller hat beschrieben, wie stark Kinder darauf angewiesen sind, von ihren Bezugspersonen wahrgenommen und angenommen zu werden. Gerade diese Abhängigkeit kann dazu führen, dass sie Erwartungen übernehmen und Teile ihres eigenen Erlebens zurückstellen, wenn diese innerhalb der Familie keinen Raum bekommen.
Das macht verständlich, weshalb das Benennen eine so große Bedeutung haben kann.
Wo ein Kind Worte für eine Erfahrung erhält, entsteht Abstand.
Aus einem schwer greifbaren Gefühl kann etwas werden, das betrachtet werden darf.
Das bedeutet nicht, dass eine verständnisvolle Erklärung jede familiäre Verletzung verhindern könnte. Auch ein Mensch, der aufmerksam begleitet wird, bleibt verletzlich. Keine Form von Erziehung und keine einzelne Bezugsperson besitzt die Macht, ein Kind vor allen späteren Erfahrungen zu schützen.
Doch Sprache kann Orientierung geben.
Sie kann einem Kind helfen zu unterscheiden zwischen dem, was es fühlt, und dem Urteil, das andere darüber gefällt haben.
Vielleicht liegt darin eines der wichtigsten Schutzpotenziale einer Beziehung, in der Gefühle nicht nur zugelassen, sondern auch benannt werden dürfen.
Cyclebreaking beginnt nicht immer mit einem Bruch
Wenn von Cyclebreaking gesprochen wird, entsteht schnell das Bild eines Menschen, der sich entschieden von seiner Herkunft abgrenzt.
Jemand erkennt schädliche Muster, verlässt sie und macht von nun an alles anders.
Doch familiäre Muster verändern sich selten so eindeutig.
Manchmal beginnt Cyclebreaking viel früher und wesentlich unspektakulärer.
Es beginnt vielleicht bei einer Mutter, die ihrem Kind erlaubt, traurig zu sein, obwohl sie selbst gelernt hat, Tränen möglichst schnell herunterzuschlucken.
Bei einem Vater, der sich entschuldigt, obwohl in seiner eigenen Kindheit Erwachsene niemals Fehler eingestanden haben.
Bei einer Großmutter, die eine Familiengeschichte erzählt, über die jahrzehntelang geschwiegen wurde.
Oder bei einem Menschen, der einem Kind sagt:
"Du hast richtig gespürt, dass hier etwas nicht stimmt."
In solchen Momenten wird die Vergangenheit nicht ausgelöscht.
Aber ihre automatische Weitergabe wird unterbrochen.
Leben
Vielleicht liegt darin eine der stilleren Formen von Veränderung innerhalb einer Familie.
Nicht jede Generation muss alles neu erfinden. Vieles aus unserer Herkunft möchten wir bewahren. Wir tragen Geschichten, Fähigkeiten, Eigenheiten und Formen von Verbundenheit weiter, weil sie zu uns gehören und weil sie unser Leben bereichern.
Cyclebreaking bedeutet deshalb nicht, die eigene Familie grundsätzlich abzulehnen.
Es bedeutet, unterscheiden zu lernen.
Was möchte ich weitertragen?
Was möchte ich verändern?
Und was soll mit mir enden?
Manchmal betrifft diese Entscheidung sichtbare Verhaltensweisen.
Manchmal betrifft sie lediglich einen Satz, der künftig nicht mehr gesagt wird.
Und manchmal beginnt Veränderung damit, dass etwas erstmals ausgesprochen werden darf.
Offenes Ende
Vielleicht braucht ein Kind keine Familie, in der niemals geschwiegen wird.
Vielleicht braucht es Menschen, die bereit sind zu sprechen, wenn Schweigen beginnt, die Wirklichkeit des Kindes infrage zu stellen.
Menschen, die nicht jede Antwort kennen müssen, aber den Mut haben, eine Erfahrung zu benennen.
Denn was Worte bekommt, lässt sich betrachten.
Und was betrachtet werden kann, muss vielleicht nicht mehr genauso weitergegeben werden.
Resonanz
Cyclebreaking beginnt nicht immer dort, wo jemand seine Herkunft verlässt.
Manchmal beginnt es mitten in einer Familie.
In dem Moment, in dem ein Mensch etwas benennt, das vorher nur gespürt werden durfte – und damit der nächsten Generation erlaubt, eine andere Geschichte daraus zu machen.
Denkspur
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Tags
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