Monika Helfer - Die Bagage - Seite
Buchdaten

Titel: Die Bagage
Autorin: Monika Helfer
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Roman / autobiografisch grundierter Familienroman
Worum geht es?
Monika Helfer erzählt von ihrer eigenen Familiengeschichte und richtet den Blick auf ihre Großeltern Maria und Josef.
Sie leben mit ihren Kindern am Rand eines österreichischen Bergdorfs. Schon ihre Bezeichnung durch die anderen sagt viel über ihren Platz innerhalb der Gemeinschaft: Sie sind die "Bagage" – eine Familie, über die gesprochen, geurteilt und verfügt wird.
Als Josef im Ersten Weltkrieg eingezogen wird, bleibt Maria mit den Kindern zurück. Sie ist schön, auffällig und den Blicken des Dorfes ausgesetzt. Als sie schwanger wird, entstehen Gerüchte darüber, wer der Vater des Kindes sein könnte.
Dieses Kind ist Grete, Monika Helfers spätere Mutter.
Aus dieser Unsicherheit entsteht eine Familiengeschichte, in der nicht nur entscheidend ist, was tatsächlich geschehen ist, sondern auch, was erzählt, vermutet und nie ausgesprochen wurde.
Warum dieses Buch geblieben ist
In Die Bagage wird Herkunft nicht nur durch Ereignisse hergestellt.
Sie entsteht durch Geschichten.
Durch das, was eine Dorfgemeinschaft über eine Familie sagt. Durch das, was Eltern ihren Kindern erzählen. Durch das, worüber geschwiegen wird. Und durch jene Deutungen, die irgendwann so selbstverständlich geworden sind, dass kaum noch jemand weiß, woher sie eigentlich stammen.
Besonders stark ist dabei die Figur Gretes.
Über ihrer Herkunft liegt eine Frage, die nie vollständig verschwindet. Josef behandelt sie anders als die anderen Kinder. Ob er ihr Vater ist, bleibt mit einer Unsicherheit verbunden, die weit über eine biologische Frage hinausgeht.
Denn für ein Kind kann entscheidend werden, was die anderen in ihm sehen.
So erzählt Helfer nicht nur eine Familiengeschichte. Sie zeigt, wie Menschen innerhalb einer Familie Bedeutungen erhalten: das schöne Kind, das schwierige Kind, das fremde Kind, das Kind, über dessen Herkunft gesprochen wird.
Solche Zuschreibungen können irgendwann Teil der eigenen Geschichte werden.
Auch dann, wenn man sie niemals selbst gewählt hat.
Psychologische Lesespur
Eine starke psychologische Lesespur führt deshalb über Familie als System der Bedeutungsproduktion.
Familien geben nicht nur Gene, Erinnerungen und materielle Bedingungen weiter.
Sie geben auch Erzählungen weiter.
Wer zu wem gehört. Wer wem ähnlich ist. Wer schwierig ist. Wer bevorzugt wird. Wer enttäuscht hat. Wer stark sein muss. Über wen gesprochen wird und mit wem nicht gesprochen werden kann.
In Die Bagage kommt eine zweite Ebene hinzu: Die Familie selbst steht bereits unter dem Blick des Dorfes.
"Bagage" ist keine neutrale Beschreibung. Es ist eine Zuschreibung.
Damit entsteht ein Geflecht aus äußeren und inneren Deutungen. Das Dorf erzählt etwas über die Familie. Die Familie erzählt etwas über ihre Mitglieder. Und die Einzelnen müssen innerhalb dieser Geschichten herausfinden, wer sie selbst eigentlich sind.
Psychologisch interessant wird deshalb nicht nur die Frage nach der Herkunft.
Sondern die Frage:
Was geschieht mit einem Menschen, wenn andere seine Geschichte schon erzählt haben, bevor er selbst Worte dafür finden konnte?
Die Psychologie kann für solche Prozesse Begriffe anbieten – etwa Familiensysteme, Scham, Bindung oder Differenzierung. Sie sollte den Roman dabei aber nicht erklären. Die Figuren bleiben literarische Figuren und keine psychologischen Fallbeispiele. Genau diese Grenze verlangt auch der Roman-Workflow von Lesespuren.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Die Bagage macht sichtbar, dass Herkunft etwas ist, das Menschen nicht nur haben.
Herkunft wird erzählt.
Manchmal erzählen Familien Geschichten darüber, wer wir sind, lange bevor wir selbst verstehen können, was diese Geschichten mit uns machen.
Manche dieser Erzählungen tragen.
Andere beschämen.
Und manche hinterlassen vor allem Unsicherheit: War ich gewollt? Wurde ich geliebt? Warum wurde über mich anders gesprochen? Warum wurde etwas nie ausgesprochen?
Vielleicht besteht eine der schwierigsten Bewegungen des Erwachsenwerdens deshalb darin, zwischen zwei Dingen unterscheiden zu lernen:
Das ist die Geschichte, die über mich erzählt wurde.
Und:
Das bin ich.
Die Herkunft verschwindet dadurch nicht.
Aber vielleicht muss sie auch nicht das letzte Wort darüber behalten, wer ein Mensch wird.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Herkunft und Familie
über Geschichten und Zuschreibungen, die innerhalb einer Familie über Generationen weitergetragen werden.
Scham
über die Wirkung gesellschaftlicher Abwertung auf eine Familie und auf das Bild, das Menschen von sich selbst entwickeln.
Nicht-Gesehen-Werden
über die Erfahrung, nicht als eigener Mensch wahrgenommen zu werden, sondern durch Erwartungen und Deutungen anderer.
Sprache und Zuschreibung
über Worte, die Menschen einen Platz zuweisen und irgendwann Teil ihrer Identität werden können.
Unausgesprochene Liebe
über Beziehungen, in denen Zuneigung vorhanden sein kann, ohne für den anderen sicher erkennbar zu werden.
Selbstwerdung
über die Möglichkeit, die eigene Herkunft anzuerkennen, ohne jede ihrer Geschichten übernehmen zu müssen.
Essays zu Die Bagage
– Nicht-Gesehen-Werden als primäre Traumadimension
– Sprache als Träger von Beschämung
– Familie als System der Bedeutungsproduktion
– Ausstieg aus dem System
– Die Unsicherheit der unausgesprochenen Liebe
– Die Gewalt der Zuschreibung
– Wenn Worte nicht mehr Dir gehören
– Die Falle der Deutung
– Ich bin nicht meine Herkunft
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Familiengeschichten über Generationen weiterwirken und wie schwer es sein kann, zwischen Herkunft und eigener Identität zu unterscheiden, führen von hier weitere Lesespuren:
Pachinko — Min Jin Lee
Zeigt über mehrere Generationen, wie Herkunft, gesellschaftliche Zuschreibung und familiäre Entscheidungen spätere Leben mitprägen.
Homegoing — Yaa Gyasi
Verfolgt, wie historische Erfahrungen und familiäre Brüche über Generationen in unterschiedlichen Lebensgeschichten weiterwirken.
Denkspur: Herkunft und Familie
Verbindet Bücher über das, was Familien weitergeben – durch Beziehungen, Schweigen, Erwartungen und Geschichten.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Herkunft und Familie · Dorfstrukturen · Cyclebreaking
Zur Übersicht
2 – Ich und die Welt · Bucharchiv