Wenn Anerkennung Identität wird
Anerkennung gehört zu den grundlegenden Erfahrungen menschlichen Lebens.
Wir möchten gesehen werden. Gehört werden. Wir möchten erleben, dass das, was wir denken, fühlen oder erschaffen, für andere Bedeutung hat. Ohne Anerkennung könnten Beziehungen kaum entstehen. Kinder entwickeln sich im Blick ihrer Bezugspersonen. Freundschaften leben davon, wahrgenommen zu werden. Auch unsere Arbeit gewinnt ihren Wert oft dadurch, dass sie von anderen geschätzt wird.
Gerade deshalb fällt kaum auf, wenn Anerkennung beginnt, ihren Platz zu verändern.
Dann ist sie nicht mehr etwas, das wir erfahren.
Sondern etwas, von dem wir glauben, nicht mehr ohne leben zu können.
Vielleicht beginnt Anerkennung genau dort, Identität zu werden.
Beobachtung
In Michael Endes Momo begegnen wir Gigi Fremdenführer.
Zu Beginn erzählt Gigi Geschichten, weil sie in ihm entstehen. Seine Fantasie folgt keinem Plan. Er beobachtet die Welt und schenkt anderen neue Bilder. Seine Geschichten sind Ausdruck seiner Freude am Erzählen.
Dann treten die Grauen Herren in sein Leben.
Sie erkennen sein Talent sofort. Sie versprechen ihm Erfolg, Aufmerksamkeit und ein großes Publikum. Zum ersten Mal scheint die ganze Welt ihm zuzuhören.
Nichts davon wirkt zunächst bedrohlich.
Denn die Grauen Herren zerstören Gigi nicht.
Sie knüpfen an eine zutiefst menschliche Sehnsucht an.
Mit der Zeit verändert sich jedoch etwas.
Gigi erzählt seine Geschichten nicht mehr nur, weil sie erzählt werden wollen. Er erzählt sie, weil sie erwartet werden. Der Beifall wird allmählich wichtiger als der Ursprung seiner Geschichten.
Vielleicht verliert Gigi deshalb nicht sein Talent.
Vielleicht verliert er vorübergehend den Kontakt zu dem Menschen, der dieses Talent einst hervorgebracht hat.
Verschiebung
Der Psychologe Carl R. Rogers beschreibt einen ähnlichen Prozess.
Für Rogers entwickelt sich ein Mensch gesund, wenn er seinem eigenen Erleben vertrauen kann. Anerkennung gehört selbstverständlich zum Leben. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie zum einzigen Maßstab für den eigenen Wert wird.
Der Wunsch, gesehen zu werden, ist nichts Krankhaftes.
Er begleitet vermutlich jeden Menschen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob wir Anerkennung suchen.
Sondern woran wir unseren Wert festmachen.
Wenn Lob wichtiger wird als die eigene Erfahrung, wenn Zustimmung darüber entscheidet, ob wir uns selbst vertrauen, verschiebt sich der innere Maßstab.
Vielleicht beginnt genau hier Selbstentfremdung.
Nicht weil andere Menschen uns verändern.
Sondern weil wir aufhören, unserem eigenen Erleben zu vertrauen.
Leben
Vielleicht begegnet uns diese Frage häufiger, als wir glauben.
In Familien.
Im Beruf.
In sozialen Medien.
In religiösen oder politischen Gemeinschaften.
Überall dort, wo Anerkennung verteilt wird, entsteht auch die Versuchung, sie zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen.
Das Tragische daran ist nicht, dass Menschen Anerkennung wünschen.
Das Tragische beginnt dort, wo wir ohne sie nicht mehr wissen, wer wir sind.
Dann richten wir unser Leben nicht mehr nach dem aus, was wir für wahr oder sinnvoll halten.
Wir richten es nach dem aus, was Zustimmung verspricht.
Vielleicht verlieren wir uns dabei nicht plötzlich.
Vielleicht geschieht es langsam.
Fast unbemerkt.
Offenes Ende
Vielleicht besteht Reife deshalb nicht darin, keine Anerkennung mehr zu brauchen.
Vielleicht besteht sie darin, Anerkennung annehmen zu können, ohne von ihr abhängig zu werden.
Denn erst dort, wo unser Wert nicht vollständig vom Urteil anderer abhängt, können wir frei entscheiden, wer wir sein möchten.
Resonanz
Vielleicht erkennen wir den Unterschied zwischen gesunder und ungesunder Anerkennung nicht daran, wie viel Lob ein Mensch erhält.
Sondern daran, ob er sich selbst auch dann noch vertrauen kann, wenn es einmal ausbleibt.
Tags
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