Was du gesehen hast, darfst du nicht wissen
Ausgangspunkt
Verbote erzählen Kindern manchmal mehr, als Erwachsene beabsichtigen.
Wo etwas ausdrücklich nicht gesehen, gefragt oder berührt werden darf, entsteht ein Wissen um die Existenz des Verborgenen. Ein Kind kennt vielleicht weder seinen Inhalt noch die Gründe für das Verbot. Dennoch versteht es, dass es einen Bereich gibt, der seiner eigenen Erkundung entzogen bleiben soll.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Macht eines Tabus.
Es verbirgt etwas und macht gleichzeitig darauf aufmerksam.
Im Grimm'schen Märchen Marienkind findet sich dafür ein eindrückliches Bild: die dreizehnte Tür.
Zwölf Türen darf das Mädchen öffnen.
Die dreizehnte bleibt verboten.
Was hinter ihr liegt, soll es nicht sehen.
Doch irgendwann wird die Frage danach stärker als das Verbot.
Die dreizehnte Tür
Das Mädchen wächst im Himmel bei der Jungfrau Maria auf und erhält die Schlüssel zu dreizehn Türen. Zwölf davon darf es öffnen und die Herrlichkeit der Apostel betrachten. Nur die dreizehnte Tür bleibt ihm ausdrücklich verschlossen.
Natürlich weiß das Mädchen dadurch längst, dass hinter dieser Tür etwas Besonderes liegen muss.
Das Verbot schützt das Geheimnis nicht vollständig.
Es erschafft überhaupt erst das Bewusstsein dafür.
Schließlich öffnet das Mädchen die Tür und erblickt die Dreifaltigkeit in großer Herrlichkeit. Als Maria zurückkehrt und fragt, ob es die verbotene Tür geöffnet habe, leugnet das Mädchen.
Nicht nur einmal.
Es bleibt bei seiner Behauptung.
Damit verändert sich die Geschichte.
Es geht nicht mehr allein um die Frage, weshalb eine Tür verboten wurde.
Nun geht es auch darum, was mit einem Menschen geschieht, der etwas gesehen hat und anschließend nicht zu seinem Wissen stehen kann.
Eine Geschichte über das Erwachsenwerden?
Die dreizehnte Tür lässt sich als Bild für den Übergang von der Kindheit in eine Welt lesen, deren Bereiche dem Kind bisher verschlossen geblieben sind.
Gerade deshalb liegt auch eine Lesart über Adoleszenz und Sexualität nahe.
Mit dem Erwachsenwerden entstehen Fragen, die sich durch Verbote kaum dauerhaft fernhalten lassen. Der eigene Körper verändert sich, Neugier entsteht und bisher selbstverständliche Grenzen verlieren ihre Eindeutigkeit.
Was zuvor von Erwachsenen erklärt oder geregelt wurde, möchte ein junger Mensch zunehmend selbst erfahren und verstehen.
Die dreizehnte Tür könnte in dieser Lesart für einen Bereich stehen, dessen Existenz längst wahrgenommen wird, obwohl darüber nicht offen gesprochen werden darf.
Doch vielleicht reicht diese Deutung noch weiter.
Denn das Mädchen überschreitet nicht nur eine Grenze.
Es beansprucht das Recht, selbst zu sehen.
Wenn weibliche Neugier gefährlich wird
Gerade bei einem weiblichen Kind bekommt dieser Gedanke eine zusätzliche Bedeutung.
Über lange Zeit wurde weibliche Sexualität stärker kontrolliert, bewertet und mit Vorstellungen darüber verbunden, was ein Mädchen wissen, wünschen oder zeigen durfte. Neugier konnte dadurch schnell zu etwas werden, das nicht als selbstverständlicher Teil des Erwachsenwerdens erschien, sondern als Grenzüberschreitung.
In einer solchen Lesart erzählt die dreizehnte Tür nicht nur von Sexualität.
Sie erzählt von weiblicher Selbstbestimmung.
Das Mädchen wartet nicht darauf, dass ihm jemand erklärt, was hinter der Tür liegt.
Es sieht selbst nach.
Damit eignet es sich Wissen an, über dessen Zugang zuvor jemand anderes bestimmt hat.
Vielleicht liegt darin eine der tiefsten Spannungen des Märchens: zwischen einer Ordnung, die festlegt, was gesehen werden darf, und einem Menschen, der beginnt, dieser Ordnung seine eigene Neugier entgegenzusetzen.
Und wenn hinter dem Tabu eine Familiengeschichte liegt?
Doch die dreizehnte Tür lässt noch eine weitere Lesart zu.
Vielleicht steht hinter einem Verbot nicht nur etwas, das ein Kind noch nicht wissen soll.
Vielleicht liegt dort etwas, worüber grundsätzlich nicht gesprochen werden soll.
Familien kennen solche Türen.
Es gibt Ereignisse, deren Existenz Kinder spüren, obwohl niemand sie ihnen erklärt. Bestimmte Namen verändern die Stimmung im Raum. Fragen werden abgewehrt. Geschichten brechen an auffälligen Stellen ab oder werden immer in derselben verkürzten Form erzählt.
Das Kind kennt den Inhalt der verschlossenen Tür nicht.
Aber es weiß, dass sie existiert.
Gerade dort können sich die Themen von weiblicher Selbstbestimmung und Familiengeheimnis berühren.
Denn vielleicht schützt eine Familie ihre Geheimnisse nicht nur durch Schweigen.
Vielleicht schützt sie sie auch dadurch, dass bestimmte Menschen lernen, nicht zu fragen.
Dass sie ihrer Neugier misstrauen.
Dass sie akzeptieren, bestimmte Dinge nicht wissen zu dürfen.
Und möglicherweise auch dadurch, dass besonders Frauen lernen, ihre eigene Wahrnehmung zurückzustellen, wenn diese eine bestehende Ordnung infrage stellen könnte.
Wenn das eigene Wissen verleugnet werden muss
An diesem Punkt wird das Märchen besonders interessant.
Das Mädchen hat die Tür geöffnet.
Es hat gesehen, was dahinterliegt.
Doch anschließend leugnet es seine Erfahrung.
Damit entsteht ein Konflikt, der weit über die ursprüngliche Grenzüberschreitung hinausgeht.
Auf der einen Seite steht das eigene Erleben.
Auf der anderen Seite steht eine Ordnung, innerhalb derer dieses Erleben nicht ausgesprochen werden kann.
Der Psychologe Carl R. Rogers hat beschrieben, wie problematisch es werden kann, wenn Menschen lernen, ihrem eigenen Erleben weniger zu vertrauen als den Bewertungen und Erwartungen ihrer Umgebung.
Das bedeutet nicht, dass Marienkind eine psychologische Theorie vorwegnimmt.
Doch Rogers gibt uns eine Sprache für eine Spannung, die das Märchen sichtbar macht:
Was geschieht, wenn das, was ein Mensch selbst wahrgenommen hat, nicht mit dem übereinstimmt, was er wahrgenommen haben darf?
Gerade für Kinder kann diese Spannung kaum allein aufgelöst werden.
Sie sind auf Erwachsene angewiesen, die ihnen helfen, Erfahrungen einzuordnen.
Wo diese Sprache fehlt, kann aus einem äußeren Tabu allmählich eine innere Grenze werden.
Cyclebreaking beginnt mit einer anderen Antwort
Vielleicht liegt genau hier eine Verbindung zum Cyclebreaking.
Familiäre Muster werden nicht ausschließlich durch sichtbares Verhalten weitergegeben. Sie können auch darin bestehen, welche Fragen gestellt werden dürfen, welche Gefühle einen Namen bekommen und welche Geschichten lieber hinter verschlossenen Türen bleiben.
Eine andere Generation muss deshalb nicht jede Tür gewaltsam aufbrechen.
Aber sie kann anders reagieren, wenn ein Kind bemerkt, dass dort eine Tür ist.
Sie kann Fragen zulassen.
Sie kann altersgerechte Worte für Erfahrungen finden, die früher ausschließlich mit Schweigen beantwortet wurden.
Und sie kann einem Kind vermitteln, dass seine Wahrnehmung nicht falsch wird, nur weil ein Erwachsener gerade keine Antwort geben kann oder möchte.
Vielleicht ist das eine der stillsten Formen von Cyclebreaking.
Nicht alles sofort erklären zu können.
Aber das Kind mit seiner Wahrnehmung nicht allein zu lassen.
Leben
Natürlich braucht jedes Kind Grenzen.
Nicht jede Information gehört zu jedem Zeitpunkt in Kinderhände, und nicht jedes Verbot ist Ausdruck von Unterdrückung oder eines Familiengeheimnisses.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht, ob es verschlossene Türen geben darf.
Sondern wie wir mit ihnen umgehen.
Ob wir einem Kind vermitteln:
"Dafür bist du noch zu jung, aber deine Frage ist richtig."
Oder ob die Botschaft lautet:
"Darüber spricht man nicht."
Zwischen diesen beiden Antworten liegt möglicherweise ein großer Unterschied.
Die erste setzt eine Grenze und lässt die Wahrnehmung bestehen.
Die zweite kann aus einer Grenze ein Tabu machen.
Offenes Ende
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht endgültig entscheiden, wofür die dreizehnte Tür in Marienkind steht.
Für Sexualität.
Für weibliche Selbstwerdung.
Für verbotenes Wissen.
Für ein Familiengeheimnis.
Oder einfach für die menschliche Neugier auf das, was uns verschlossen wird.
Gerade ihre Offenheit macht das Bild so stark.
Denn vielleicht kennen viele Menschen eine solche Tür.
Nicht unbedingt eine, die sie tatsächlich geöffnet haben.
Aber eine, von deren Existenz sie immer wussten.
Resonanz
Vielleicht beginnt Selbstwerdung dort, wo ein Mensch seiner eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen darf.
Und vielleicht beginnt Cyclebreaking manchmal genau dort, wo die nächste Generation nicht mehr hört:
"Diese Tür gibt es nicht."
Sondern:
"Ja, da ist eine Tür. Du darfst danach fragen."
Denkspur
Cyclebreaking
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Tags
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