Warum Scham oft ein Familienerbe ist
Ausgangspunkt
Scham gehört zu den Gefühlen, über die Menschen besonders ungern sprechen.
Sie berührt nicht nur die Frage, ob wir etwas falsch gemacht haben. Sie kann viel tiefer reichen und das Gefühl entstehen lassen, mit uns selbst sei etwas nicht richtig.
Gerade deshalb bleibt Scham selten auf einzelne Situationen begrenzt.
Sie kann sich mit Herkunft verbinden, mit sozialem Status, mit dem Verhalten der Eltern oder mit Ereignissen, auf die ein Kind selbst keinerlei Einfluss hatte. Manchmal schämen sich Menschen sogar für etwas, das lange vor ihrer eigenen Geburt geschehen ist.
Dann stellt sich eine schwierige Frage:
Wie kann ein Gefühl zu uns gehören, dessen Geschichte vielleicht gar nicht bei uns begonnen hat?
Beobachtung
Familien erzählen nicht nur Geschichten darüber, wer sie sind.
Sie entwickeln auch Vorstellungen davon, was nach außen sichtbar werden darf.
Es gibt Erfolge, auf die man stolz ist, und Erfahrungen, über die lieber nicht gesprochen wird. Vielleicht gab es Armut, eine Krankheit, eine Trennung, einen gesellschaftlichen Abstieg oder ein Familienmitglied, dessen Leben nicht den Erwartungen seiner Umgebung entsprach.
Was verborgen werden soll, ist dabei nicht automatisch verschwunden.
Kinder lernen früh, welche Themen Unbehagen auslösen. Sie bemerken, wenn Gespräche plötzlich abbrechen, wenn bestimmte Fragen unerwünscht sind oder wenn über einzelne Menschen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird.
Sie müssen die Geschichte dahinter noch nicht verstehen, um ihre Bedeutung wahrzunehmen.
Manchmal lernen sie auf diese Weise nicht nur, worüber eine Familie schweigt.
Sie lernen auch, wofür man sich offenbar schämen muss.
Eine Familie unter den Blicken der anderen
In Monika Helfers Die Bagage ist Herkunft von Anfang an mit dem Blick der anderen verbunden.
Maria und ihre Familie leben am Rand des Dorfes und werden von dessen Bewohnern nicht einfach als eine Familie unter vielen betrachtet. Sie sind "die Bagage". Schon diese Bezeichnung macht deutlich, dass Zugehörigkeit hier nicht selbstverständlich ist. Die Familie wird beobachtet, beurteilt und mit Vorstellungen belegt, die sich nicht allein daraus ergeben, was ihre Mitglieder tatsächlich tun.
Besonders Maria erlebt, wie stark der Blick einer Gemeinschaft bestimmen kann, wofür ein Mensch sich rechtfertigen soll. Während ihr Mann Josef im Ersten Weltkrieg abwesend ist, wird ihre Begegnung mit einem anderen Mann zum Gegenstand von Vermutungen. Als Maria schwanger wird, steht schließlich die Frage im Raum, wer der Vater des Kindes ist.
Doch die Unsicherheit bleibt nicht bei Maria.
Sie wird Teil der Familiengeschichte.
Monika Helfer erzählt diese Geschichte aus der Perspektive einer späteren Generation und macht gerade dadurch sichtbar, wie lange solche Zuschreibungen weiterwirken können. Was einmal mit Gerede, Verdacht und gesellschaftlicher Beschämung begonnen hat, gehört Jahrzehnte später noch immer zu der Geschichte, aus der die Nachkommen versuchen zu verstehen, wer ihre Familie war.
Vielleicht zeigt Die Bagage deshalb besonders eindrücklich, dass Scham nicht immer dort endet, wo sie entstanden ist.
Manchmal wird nicht das Ereignis selbst weitergegeben, sondern die Unsicherheit, die es umgibt. Das Schweigen darüber, die Blicke der anderen und die Frage, welche Geschichte einer Familie überhaupt erzählt werden darf, können noch lange später Teil ihrer Herkunft sein.
Verschiebung
Die Psychoanalytikerin Alice Miller hat sich intensiv damit beschäftigt, wie Kinder sich an die Erwartungen ihrer Bezugspersonen anpassen und dabei lernen können, bestimmte Gefühle oder Bedürfnisse zurückzustellen.
Ein Kind ist auf Zugehörigkeit angewiesen. Es kann die Regeln seiner Familie deshalb nicht aus der Distanz betrachten, wie ein Erwachsener es vielleicht könnte. Was innerhalb der Familie als richtig, falsch, erwünscht oder beschämend gilt, wird zunächst Teil seiner eigenen Orientierung.
Dadurch kann Scham weitergegeben werden, ohne dass jemand sie ausdrücklich vermittelt.
Ein Kind muss nicht hören, dass bestimmte Gefühle unerwünscht sind, wenn es erlebt, dass auf sie mit Ablehnung reagiert wird. Es muss nicht erklärt bekommen, dass über eine bestimmte Familiengeschichte nicht gesprochen werden darf, wenn jede Frage danach Unruhe hervorruft.
So entsteht möglicherweise etwas, das später nur schwer zuzuordnen ist.
Ein Mensch schämt sich, ohne genau zu wissen, weshalb. Er versucht, Erwartungen zu erfüllen, deren Ursprung ihm nicht bewusst ist. Oder er verbirgt Teile seiner eigenen Persönlichkeit, weil er früh gelernt hat, dass Zugehörigkeit davon abhängen kann, welche Seiten von ihm sichtbar werden dürfen.
Familienerbe ohne bewusste Weitergabe
Wenn von einem Familienerbe die Rede ist, denken wir meist an etwas, das bewusst weitergegeben wird.
An Namen, Traditionen, Werte oder Erinnerungen.
Doch Familien geben auch Haltungen weiter, ohne sie auszusprechen.
Die Vorstellung davon, was als erfolgreich gilt, kann dazugehören. Ebenso die Frage, welche Gefühle gezeigt werden dürfen, welche Lebenswege Anerkennung finden oder welche Erfahrungen besser verborgen bleiben.
Scham kann sich genau in diesen Zwischenräumen festsetzen.
Sie wird nicht wie eine Geschichte von einer Generation zur nächsten erzählt. Sie wird eher in Blicken, Reaktionen, Erwartungen und im Schweigen vermittelt.
Das bedeutet nicht, dass jede Scham auf die Familie zurückgeführt werden kann. Menschen erleben Beschämung auch in der Schule, in Beziehungen, im Beruf oder durch gesellschaftliche Erwartungen.
Doch die Familie ist häufig der erste Ort, an dem ein Mensch lernt, mit welchen Teilen seiner selbst er willkommen ist und welche Seiten besser verborgen bleiben sollen.
Leben
Vielleicht erklärt das, weshalb Scham so hartnäckig sein kann.
Wer Schuld empfindet, kann fragen, was er getan hat.
Wer Scham empfindet, fragt dagegen möglicherweise, was mit ihm selbst nicht stimmt.
Gerade deshalb kann es schwierig sein, ein solches Gefühl zu hinterfragen. Wenn Scham früh Teil des eigenen Selbstbildes geworden ist, erscheint sie nicht unbedingt wie etwas, das irgendwann entstanden ist.
Sie fühlt sich vielmehr wie eine Wahrheit über die eigene Person an.
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb mit einer anderen Frage.
Nicht:
"Was stimmt mit mir nicht?"
Sondern:
"Woher habe ich eigentlich gelernt, dass ich mich dafür schämen muss?"
Diese Frage nimmt das Gefühl ernst, ohne seine Botschaft automatisch für wahr zu halten.
Und manchmal führt sie zurück zu einer Geschichte, die älter ist als der Mensch, der sie heute noch trägt.
Offenes Ende
Nicht jedes Familienerbe muss weitergegeben werden.
Vielleicht gehört zum Erwachsenwerden auch die Möglichkeit, neu zu betrachten, was wir aus unserer Herkunft übernommen haben.
Manche Werte möchten wir bewahren, manche Geschichten möchten wir weitererzählen und manche Erfahrungen werden immer ein Teil unserer Herkunft bleiben.
Doch nicht alles, was eine Familie über Generationen getragen hat, muss auch von der nächsten Generation weitergetragen werden.
Manche Formen der Scham dürfen vielleicht dort enden, wo zum ersten Mal jemand fragt, ob sie überhaupt zu ihm gehören.
Resonanz
Vielleicht beginnt Freiheit nicht damit, sich für nichts mehr zu schämen.
Vielleicht beginnt sie dort, wo wir unterscheiden lernen, welche Scham aus unserem eigenen Handeln entstanden ist und welche wir übernommen haben, ohne sie je bewusst gewählt zu haben.
Denn nicht alles, was sich tief in uns vertraut anfühlt, hat auch bei uns begonnen.
Denkspur
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