Alice Miller – Das Drama des begabten Kindes


Autorin: Alice Miller
Titel: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst
Ersterscheinung: 1979
Genre: Psychologie / Psychoanalyse

Worum geht es?

Mit dem "begabten Kind" meint Alice Miller nicht in erster Linie ein intellektuell hochbegabtes Kind. Gemeint ist das sensible, wache Kind, das früh gelernt hat, die Bedürfnisse und Erwartungen seiner Eltern wahrzunehmen.

Es spürt, was gebraucht wird. Es merkt, welche Gefühle willkommen sind und welche nicht. Und es entwickelt die Fähigkeit, sich entsprechend anzupassen.

Was nach außen wie besondere Reife, Vernunft oder Selbstständigkeit aussehen kann, hat jedoch eine andere Seite: Das Kind orientiert sich zunehmend daran, was seine Umgebung von ihm braucht – und verliert dabei möglicherweise den Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen.

Alice Miller beschreibt diese frühe Anpassung als einen möglichen Ursprung von Selbstverlust. Das Kind wird gesehen für das, was es leistet, ermöglicht oder für andere darstellt. Die Frage, wer es selbst ist und was es selbst empfindet, kann dabei in den Hintergrund treten.

Warum dieses Buch geblieben ist

Die eigentliche Kraft dieses Buches liegt in einer unbequemen Verschiebung.

Nicht jedes angepasste Kind ist einfach nur "pflegeleicht".

Nicht jedes vernünftige Kind ist einfach nur besonders reif.

Und nicht jede frühe Selbstständigkeit entsteht aus innerer Sicherheit.

Manchmal liegt gerade in der Fähigkeit eines Kindes, sich außergewöhnlich gut auf seine Umgebung einzustellen, eine Form des Verlustes.

Das Kind lernt sehr früh, andere zu lesen.

Aber vielleicht lernt es dabei nicht, sich selbst zu lesen.

Damit berührt Alice Miller eine Frage, die weit über Kindheit hinausführt: Was geschieht mit einem Menschen, der Zugehörigkeit vor allem dadurch erfahren hat, dass er den Erwartungen anderer entspricht?

Psychologische Lesespur

Im Zentrum steht die Entstehung eines Selbst, das sich stark an den Bedürfnissen seiner Umgebung orientiert.

Das Kind braucht Beziehung und Zugehörigkeit. Wenn es erlebt, dass bestimmte Seiten seines Wesens erwünscht sind und andere wenig Raum bekommen, kann Anpassung zu einer Form des Beziehungsschutzes werden.

Die eigene Wahrnehmung tritt zurück.

Gefühle werden nicht unbedingt bewusst unterdrückt. Sie werden vielmehr zunehmend schwerer zugänglich, weil andere Fähigkeiten wichtiger geworden sind: Erwartungen erkennen. Stimmungen wahrnehmen. Bedürfnisse vorwegnehmen. Funktionieren.

Gerade darin liegt eine der interessantesten Verbindungen innerhalb des Lesespuren-P-Systems.

Zu Donald Winnicotts Gedanken vom wahren und falschen Selbst führt die Frage, wie ein Selbst entsteht, das sich an die Umwelt anpasst.

Zur Bindungstheorie führt die Frage, welche Strategien ein Kind entwickelt, um Beziehung und Nähe zu sichern.

Zu Murray Bowen führt die Frage, wie familiäre Erwartungen und emotionale Muster über Generationen weiterwirken.

Und zu Carl Gustav Jung führt schließlich die Frage, was geschehen muss, wenn ein erwachsener Mensch beginnt, sich aus diesen frühen Erwartungen herauszulösen und ein eigenes Leben zu entwickeln.

Das Drama liegt dann vielleicht nicht allein darin, dass ein Kind sich angepasst hat.

Es liegt darin, dass diese Anpassung so gut funktioniert haben kann, dass sie lange Zeit gar nicht als solche erkennbar war.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Das Drama des begabten Kindes macht eine Erfahrung sichtbar, die von außen leicht übersehen werden kann:

Dass ein Mensch sehr gut funktionieren und sich dennoch weit von den eigenen Bedürfnissen entfernt haben kann.

Dass Anerkennung und Gesehenwerden nicht dasselbe sind.

Und dass die Suche nach dem eigenen Selbst manchmal dort beginnt, wo ein Mensch erstmals fragt:

Was von dem, was ich bin, gehört eigentlich zu mir?

Und was habe ich einmal gelernt zu sein, damit Beziehung möglich bleibt?

Lesespuren

Dieses Buch ist ein psychologischer Text über:

Selbstverlust
Anpassung
Kindheit
elterliche Erwartungen
unterdrückte Gefühle
Bindung
wahres und falsches Selbst
Identität
Herkunft
Selbstwerdung

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie frühe Beziehungen das spätere Selbst prägen, könnten auch diese Seiten Resonanz entfalten:

Donald Winnicott – Familie und individuelle Entwicklung — über die Bedingungen, unter denen ein Kind ein eigenes Selbst entwickeln kann.

Carl Gustav Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken — über den langen Weg der Individuation und die Frage, wie ein Mensch zu dem wird, der er selbst ist.

Murray Bowen – Family Therapy in Clinical Practice — über familiäre Systeme, emotionale Verflechtungen und die Möglichkeit, innerhalb von Beziehungen ein eigenes Selbst zu entwickeln.

Denkspur: Cyclebreaking — über die Frage, was geschieht, wenn Menschen beginnen, übernommene Muster zu erkennen und nicht selbstverständlich weiterzugeben.

Einordnung im P-System

P0 – Ursprung / Bindung
P1 – Selbst / Identität
P2 – Herkunft / Familie / Systeme

Denkspuren

Herkunft und Familie · Cyclebreaking

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