Was Familien verschweigen, verschwindet nicht
Ausgangspunkt
Familien prägen uns weit über das hinaus, was sie ausdrücklich weitergeben.
Wir übernehmen Sprache, Gewohnheiten und Erinnerungen. Wir lernen, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Manche Geschichten werden immer wieder erzählt. Andere verschwinden aus den Gesprächen, als hätte es sie nie gegeben.
Doch verschwindet etwas wirklich, nur weil niemand mehr davon spricht?
Oder bleibt es auf andere Weise im Leben einer Familie gegenwärtig?
Beobachtung
In Michael Endes Momo verändert sich die Welt nicht durch ein einzelnes großes Ereignis. Die Grauen Herren treten leise auf. Sie verändern nach und nach den Alltag der Menschen. Was früher selbstverständlich war, verliert seinen Platz. Zeit füreinander wird knapper, Begegnungen oberflächlicher und Beziehungen kälter.
Viele Menschen bemerken diese Veränderung zunächst gar nicht. Sie spüren ihre Folgen, ohne ihre Ursache benennen zu können.
Auch Familien kennen solche Erfahrungen.
Nicht alles, was eine Familie erlebt, findet Worte. Manches ist zu schmerzhaft, manches zu beschämend und manches scheint längst vergangen zu sein. Trotzdem kann es den Umgang miteinander weiter prägen.
Kinder nehmen Stimmungen wahr, lange bevor sie ihre Bedeutung verstehen. Sie spüren Spannungen, Unsicherheit oder Trauer, selbst wenn niemand darüber spricht.
Das Schweigen verhindert deshalb nicht unbedingt die Weitergabe einer Erfahrung. Es verändert lediglich die Form, in der sie weiterwirkt.
Verschiebung
Die Psychotherapeutin Alice Miller beschreibt, dass Kinder sich oft erstaunlich fein auf ihre familiäre Umgebung einstellen. Sie versuchen, unausgesprochene Erwartungen zu erfüllen und Spannungen auszugleichen, ohne deren Ursprung zu kennen.
Was in einer Familie keinen Ausdruck findet, muss deshalb nicht bedeutungslos werden.
Es kann sich in einem übergroßen Verantwortungsgefühl zeigen. Es kann als Scham oder als Angst vor Zurückweisung wiederkehren. Manchmal entsteht das Gefühl, für etwas Verantwortung zu tragen, dessen Geschichte man selbst nie erlebt hat.
Miller beschreibt diesen Zusammenhang nicht als unabwendbares Schicksal. Vielmehr macht sie darauf aufmerksam, dass Verstehen häufig dort beginnt, wo das Schweigen endet.
Leben
Fast jede Familie kennt Themen, die über viele Jahre unausgesprochen bleiben.
Manchmal betrifft das Verluste, die nie betrauert wurden. Manchmal Konflikte, über die niemand mehr sprechen möchte. Manchmal Erfahrungen von Gewalt, Krankheit oder Flucht, deren Spuren zwar sichtbar bleiben, deren Geschichte jedoch im Verborgenen liegt.
Schweigen kann zunächst eine verständliche Form des Selbstschutzes sein.
Auf Dauer löst es die Vergangenheit jedoch nicht auf.
Menschen reagieren oft auf das, was in einer Familie spürbar ist, auch wenn sie die Hintergründe nicht kennen. Sie übernehmen Rollen, entwickeln Vorsicht oder tragen Schuldgefühle, ohne genau sagen zu können, woher diese kommen.
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht erst mit einer vollständigen Aufarbeitung der Vergangenheit.
Vielleicht beginnt sie bereits dort, wo jemand den Mut findet, eine lange vermiedene Frage zu stellen.
Offenes Ende
Nicht jede Familiengeschichte lässt sich vollständig rekonstruieren.
Es wird immer Erfahrungen geben, über die niemand mehr Auskunft geben kann.
Doch vielleicht braucht Heilung nicht in jedem Fall vollständige Gewissheit.
Vielleicht genügt manchmal schon die Entscheidung, das Schweigen nicht länger mit Vergessen zu verwechseln.
Resonanz
Familien geben weit mehr weiter als Erinnerungen.
Sie geben auch Formen des Schweigens weiter.
Vielleicht besteht der erste Schritt nicht darin, jede Antwort zu finden.
Sondern darin, wahrzunehmen, dass manches unser Leben noch immer berührt, obwohl lange niemand mehr darüber gesprochen hat.
Denkspur
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