Nora oder Ein Puppenheim


Buch der Woche
Diese Woche steht Nora oder Ein Puppenheim von Henrik Ibsen im Mittelpunkt von Lesespuren, weil das Stück eine Frage stellt, die weit über seine Ehegeschichte hinausführt: Was geschieht, wenn ein Mensch erkennt, dass die Rolle, in der er geliebt wird, nicht mit dem eigenen Selbst übereinstimmt? Nora lebt in einer Ordnung, die nach außen Geborgenheit, Ehe und Familie verspricht, während ihre eigene Wahrnehmung darin immer weniger Platz findet. Als diese Ordnung ins Wanken gerät, wird aus der Angst vor ihrem Zusammenbruch allmählich die Frage, wer sie jenseits der Erwartungen anderer überhaupt sein kann. Von hier führen mehrere Spuren zu Unglückliche Ehen, Starke Frauenlinien und der Frage, wie ein eigenes Leben beginnen kann, wenn Zugehörigkeit und Selbstwerdung nicht länger dasselbe versprechen.


Titel:
Nora oder Ein Puppenheim
Originaltitel: Et dukkehjem
Autor: Henrik Ibsen
Erscheinungsjahr: 1879
Genre: Drama · Gesellschaftsdrama

Worum geht es?

Nora Helmer lebt mit ihrem Mann Torvald und ihren Kindern in einer scheinbar glücklichen bürgerlichen Ehe. Torvald steht vor einem beruflichen Aufstieg, die finanziellen Sorgen der Familie scheinen sich zu lösen, und Nora erscheint zunächst als lebensfrohe Ehefrau, die sich in der vertrauten Ordnung ihres Hauses eingerichtet hat.

Doch diese Ordnung beruht auf einem Geheimnis.

Als Torvald schwer erkrankt war, beschaffte Nora heimlich Geld für eine Reise, die seine Gesundheit retten sollte. Weil sie als verheiratete Frau nicht ohne Weiteres selbstständig über die notwendigen finanziellen Möglichkeiten verfügte, fälschte sie die Unterschrift ihres Vaters.

Den Kredit hat sie über Jahre heimlich zurückgezahlt.

Als Krogstad, von dem sie das Geld erhalten hat, um seine Stellung bei Torvalds Bank fürchtet, beginnt er Nora unter Druck zu setzen. Was zunächst wie ein Konflikt um eine verborgene Schuld erscheint, bringt nach und nach etwas Größeres ins Wanken: Noras Vorstellung von ihrer Ehe, von Torvald und schließlich von sich selbst.

Warum dieses Buch geblieben ist

Nora wird häufig als Stück über die gesellschaftliche Stellung der Frau gelesen, und diese Ebene lässt sich kaum übersehen. Nora lebt in einer Ordnung, in der ihre rechtlichen und wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten wesentlich durch ihr Geschlecht und ihren Familienstand begrenzt sind.

Beim Lesen kann jedoch eine andere Spannung mindestens ebenso stark hervortreten.

Nora hat innerhalb dieser Ordnung längst gehandelt.

Sie hat eine Entscheidung getroffen, Verantwortung übernommen, Geld beschafft, eine jahrelange Rückzahlung organisiert und vor Torvald eine Wirklichkeit verborgen, von der sie überzeugt ist, dass er sie nicht tragen könnte. Gleichzeitig lässt sie sich von ihm weiterhin als sein "Eichhörnchen", seine kleine verschwenderische Frau behandeln.

Gerade dieser Widerspruch macht sie interessant.

Die Frau, die Torvald zu kennen glaubt, und die Frau, die tatsächlich handelt, sind längst nicht mehr vollständig dieselbe.

Das Puppenheim besteht deshalb nicht nur aus gesellschaftlichen Regeln. Es besteht auch aus Rollen, die von mehreren Menschen gemeinsam aufrechterhalten werden. Torvald braucht eine bestimmte Vorstellung von Nora, aber auch Nora bewegt sich lange innerhalb dieser Vorstellung und nutzt sie teilweise sogar.

Erst Krogstads Drohung zwingt die verschiedenen Wirklichkeiten aufeinander.

Dabei scheint Nora zunächst weniger die juristische Konsequenz ihrer Tat zu erschrecken als die Möglichkeit, dass Torvald erfahren könnte, was sie getan hat. Seine Wahrnehmung ihrer Person besitzt für sie eine enorme Bedeutung.

Genau darin liegt vielleicht eine der stärksten Spannungen des Stücks:

Was geschieht mit einer Identität, wenn sie wesentlich davon abhängt, in den Augen eines anderen eine bestimmte Person bleiben zu können?

Psychologische Lesespur

Man könnte Noras zunehmende Panik deshalb auch als eine Form von Identitätspanik lesen.

Damit ist keine Diagnose gemeint, sondern eine Spannung, die das Stück sichtbar macht: Nora lebt gleichzeitig in mehreren Selbstbildern, die sich immer schwerer miteinander vereinbaren lassen.

Da ist Torvalds Nora, die beschützt und angeleitet werden muss.

Da ist die heimlich handelnde Nora, die eine weitreichende Entscheidung getroffen und deren Folgen jahrelang getragen hat.

Da ist die Ehefrau, die auf die Liebe ihres Mannes vertraut.

Und da ist zunehmend eine Frau, die sich fragen muss, ob Torvald überhaupt den Menschen liebt, der hinter seiner Vorstellung von ihr existiert.

Lange hofft Nora auf das "Wunderbare": auf einen Augenblick, in dem Torvald angesichts der Wahrheit für sie einstehen wird.

Als dieser Augenblick tatsächlich kommen könnte, geschieht etwas anderes.

Torvald reagiert zunächst nicht auf das, was Nora für ihn getan hat, sondern auf die Bedrohung seiner eigenen gesellschaftlichen Stellung. Erst als diese Gefahr verschwindet, möchte er zur bisherigen Ordnung zurückkehren.

Für Nora ist das nicht mehr möglich.

Denn inzwischen ist nicht nur ein Geheimnis enthüllt worden.

Eine Beziehung hat gezeigt, auf welcher Vorstellung voneinander sie beruhte.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Nora zeigt, wie lange Menschen innerhalb einer Rolle leben können, bevor sie überhaupt bemerken, dass diese Rolle nicht mit ihrem ganzen Selbst übereinstimmt.

Dabei muss eine solche Rolle nicht ausschließlich von außen aufgezwungen werden. Sie kann Sicherheit geben, Zugehörigkeit ermöglichen und über Jahre Teil einer Beziehung werden. Gerade deshalb ist es so schwer, sie zu verlassen.

Das Stück berührt damit Fragen, die weit über seine historische Situation hinausreichen:

Wie viel Anpassung verträgt Nähe?

Was geschieht, wenn ein Mensch sich innerhalb einer Beziehung entwickelt, die Beziehung selbst aber weiterhin auf einer älteren Version dieses Menschen beruht?

Und woran erkennt man, ob man als Person gesehen wird – oder hauptsächlich in der Rolle, die man für einen anderen erfüllt?

Noras berühmte letzte Entscheidung lässt sich deshalb nicht nur als Weggehen aus einer Ehe lesen.

Sie ist auch der Beginn einer Frage:

Wer bin ich, wenn ich mich nicht länger ausschließlich aus den Erwartungen anderer heraus verstehe?

Darauf gibt Ibsen keine beruhigende Antwort.

Die Tür fällt ins Schloss.

Was dahinter beginnt, muss Nora erst herausfinden.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Drama über:

Identität und Selbstwerdung
Nora beginnt zu unterscheiden zwischen der Person, als die sie behandelt wird, und derjenigen, die sie möglicherweise selbst werden könnte.

Unglückliche Ehen
Nicht fehlende Zuneigung allein macht die Ehe problematisch, sondern die Frage, ob zwischen zwei Menschen überhaupt eine Beziehung auf Augenhöhe entstanden ist.

Starke Frauenlinien
Noras Stärke liegt nicht darin, von Anfang an unabhängig zu sein. Sie entsteht in dem Moment, in dem sie bereit wird, die Unsicherheit eines eigenen Lebens der Sicherheit einer fremdbestimmten Rolle vorzuziehen.

Anpassung und Zugehörigkeit
Das Puppenheim bietet Schutz und Zugehörigkeit, verlangt dafür jedoch eine bestimmte Form des Selbst.

Weggehen
Noras Fortgehen beendet nicht einfach eine Geschichte. Es öffnet einen Raum, in dem noch vollkommen unklar ist, wer sie außerhalb der bisherigen Ordnung sein wird.

Regal
1 – Ich

Denkspuren
Unglückliche Ehen · Starke Frauenlinien · Zärtlichkeit lernen

Essays zu diesem Buch
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