Ich bin nicht meine Herkunft – zu Monika Helfer "Die Bagage"
In "Die Bagage"
entscheidet nicht das Leben der Menschen über sie, sondern das, was
über sie erzählt wird.Im Dorf sind sie die Bagage.
Das
bedeutet: Man weiß schon, wer sie sind, bevor man sie kennt.
Man
weiß schon, was aus ihnen wird, bevor sie etwas getan haben.
Man
weiß schon, was sie wert sind, bevor sie überhaupt sprechen.
Die
Kinder werden danach beurteilt, woher sie kommen, nicht danach, wer
sie sind.
Onkel Lorenz ist einer, aus dem vielleicht etwas
hätte werden können, heißt es einmal, wenn er nicht zur Bagage
gehört hätte.
Ein Satz, der ein ganzes Leben erklärt.
Nicht
Talent entscheidet.
Nicht Fleiß.
Nicht Charakter.
Sondern
Herkunft.In diesem Buch wird nicht gezeigt, wie Menschen
scheitern.
Es wird gezeigt, wie Menschen einsortiert
werden. Vielleicht geht es in diesem Buch gar nicht nur um
Armut oder Krieg oder Familie.
Vielleicht geht es um etwas
anderes.Vielleicht geht es darum,
dass Menschen oft
nicht an ihrem Leben scheitern,
sondern an den Geschichten, die
über sie erzählt werden. Es gibt Sätze, die begleiten
Menschen ein Leben lang:
"Aus dieser Familie kommt
nichts."
"Du bist wie deine Mutter."
"Ihr seid halt
so."
"Das wundert mich bei deiner Herkunft nicht." Das
sind keine Beschreibungen.
Das sind Festlegungen. Und
das Brutale an solchen Sätzen ist nicht, dass sie einmal gesagt
werden.
Das Brutale ist, dass sie zu inneren Stimmen
werden. Irgendwann sagt es niemand mehr von außen.
Aber
innen sagt man es sich selbst. Vielleicht besteht ein Teil
des Lebens darin, herauszufinden, welche Geschichten über die
eigene Familie nicht stimmen und welche Geschichten über einen
selbst man nicht weiter glauben muss. Man kommt aus einer
Familie.
Aber man ist nicht die Familie.
Man kommt aus
einer Geschichte.
Aber man ist nicht die Geschichte.Vielleicht
ist Erwachsenwerden am Ende nichts anderes,
als zum ersten Mal
zu sagen: Ich komme von dort.
Aber ich bin ich.
🏷 Tags
#DieBagage #MonikaHelfer #Herkunft #Zuschreibung #Familie #Identität #Lesespuren
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
– Nicht gesehen werden als
primäre Traumadimension
– Sprache als Träger von
Beschämung
– Familie als System der Bedeutungsproduktion
–
Ausstieg aus dem System
- Die Unsicherheit der unausgesprochenen Liebe
– Die Gewalt der Zuschreibung
–
Wenn Worte nicht mehr dir gehören
– Die Falle der Deutung
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📂 Einordnung im Regal
2 – Ich und die Welt