Marlen Haushofer - Die Wand
Buchdaten

Titel: Die Wand
Autorin: Marlen Haushofer
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Roman
Worum geht es?
Eine Frau verbringt einige Tage in einem Jagdhaus in den österreichischen Bergen. Als sie eines Morgens allein zurückbleibt und ins Tal gehen möchte, stößt sie auf etwas Unbegreifliches: eine unsichtbare Wand.
Hinter ihr scheint alles menschliche Leben erstarrt zu sein.
Die Frau ist von der übrigen Welt abgeschnitten. Bei ihr bleiben einige Tiere, um die sie sich fortan kümmert. Aus einer zunächst kaum fassbaren Ausnahmesituation entsteht allmählich ein neuer Alltag.
Sie muss Nahrung beschaffen, Holz machen, Tiere versorgen und sich auf den Winter vorbereiten. Das frühere Leben verliert dabei zunehmend seine Bedeutung.
Die Wand wird so weniger zu einer Geschichte darüber, was geschehen ist, als zu einem Roman darüber, was von einem Leben übrig bleibt, wenn fast alles verschwindet, was es bisher bestimmt hat.
Warum dieses Buch geblieben ist
Das eigentlich Verstörende an Die Wand ist vielleicht nicht die Wand.
Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der nach ihr ein anderes Leben beginnt.
Die Frau wartet nicht dauerhaft auf Rettung. Sie versucht auch nicht, die verlorene Welt in verkleinerter Form wiederherzustellen. Nach und nach richtet sie sich in einer Wirklichkeit ein, die von vollkommen anderen Notwendigkeiten bestimmt wird.
Essen. Wärme. Wetter. Tiere. Arbeit. Jahreszeiten.
Damit verändert sich auch die Frage danach, was ein Leben ausmacht.
Vor der Wand existierte die Erzählerin innerhalb gesellschaftlicher Beziehungen, Erwartungen und Gewohnheiten. Hinter der Wand verlieren viele dieser Ordnungen ihre Bedeutung. Niemand beobachtet sie. Niemand bewertet sie. Niemand erwartet etwas von ihr.
Das bedeutet keine romantische Freiheit.
Ihr Leben ist körperlich anstrengend, gefährdet und von Verlust bedroht. Aber gerade in dieser Reduktion entsteht eine eigentümliche Klarheit.
Haushofer lässt damit eine radikale Frage entstehen:
Wer bleibt ein Mensch, wenn niemand mehr da ist, vor dem er jemand sein muss?
Psychologische Lesespur
Eine psychologische Lesespur führt über Anpassung, Selbstgefühl und Beziehung.
Die Erzählerin verliert beinahe alle sozialen Rollen, über die Menschen gewöhnlich auch sich selbst erfahren. Es gibt keine Gesellschaft mehr, in der sie funktionieren, gefallen oder Erwartungen erfüllen müsste.
Interessanterweise führt diese Isolation nicht einfach zum Verlust des Selbst.
Etwas anderes wird sichtbar.
Ihr Leben organisiert sich zunehmend über konkrete Beziehungen zur Welt: zu ihrem Körper, zur Arbeit, zu den Jahreszeiten und besonders zu den Tieren.
Damit verschiebt sich auch Zugehörigkeit.
Sie entsteht nicht mehr primär durch gesellschaftliche Anerkennung. Sie entsteht durch Fürsorge, Verlässlichkeit und Verantwortung.
Gerade deshalb wäre es zu einfach, Die Wand als Roman über Einsamkeit zu lesen.
Die Erzählerin ist allein unter Menschen.
Aber sie lebt nicht ohne Beziehung.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Die Wand macht sichtbar, wie viel eines Lebens aus Dingen besteht, die selbstverständlich erscheinen, solange sie vorhanden sind.
Gesellschaft. Termine. Erwartungen. Besitz. Rollen. Zukunftspläne.
Haushofer entfernt beinahe alles davon.
Was bleibt, ist zunächst erschreckend wenig.
Und dann erstaunlich viel.
Arbeit kann Bedeutung bekommen, ohne Karriere zu sein. Fürsorge kann Beziehung schaffen, ohne Gegenleistung zu verlangen. Ein Tag kann vollständig sein, obwohl nichts Außergewöhnliches geschieht.
Gleichzeitig verweigert der Roman jede einfache Idylle vom Rückzug aus der Gesellschaft.
Das Leben hinter der Wand ist kein gemütliches Aussteigerleben. Es kennt Erschöpfung, Angst, Einsamkeit und Tod.
Vielleicht liegt gerade darin seine eigentümliche Kraft.
Die Wand fragt nicht, ob ein einfacheres Leben automatisch ein besseres Leben wäre.
Der Roman fragt etwas Grundsätzlicheres:
Wie viel braucht ein Leben eigentlich, um noch ein eigenes Leben zu sein?
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Leise Lebensformen
über einen Alltag, dessen Bedeutung nicht aus gesellschaftlicher Anerkennung entsteht.
Außenseitertum
über ein Leben außerhalb menschlicher Gemeinschaft – zunächst unfreiwillig, später als eigene Wirklichkeit.
Fürsorge
über Verantwortung für andere Lebewesen als eine elementare Form von Beziehung.
Arbeit
über Arbeit, die unmittelbar mit Leben und Überleben verbunden ist.
Einsamkeit und Alleinsein
über den Unterschied zwischen fehlender menschlicher Gesellschaft und vollständiger Beziehungslosigkeit.
Selbstständigkeit
über die Frage, was vom eigenen Selbst bleibt, wenn soziale Rollen ihre Bedeutung verlieren.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie ein Leben aussieht, wenn gesellschaftliche Erwartungen ihre Macht verlieren, könnten von hier weitere Spuren führen:
Stoner — John Williams
Ein anderes stilles Leben, dessen Bedeutung weniger in äußerem Erfolg als in der Art liegt, wie es geführt wird.
Convenience Store Woman — Sayaka Murata
Fragt aus einer völlig anderen Richtung, warum ein Leben gesellschaftlich erst dann als richtig gilt, wenn es bestimmten Erwartungen entspricht.
Denkspur: Leise Lebensformen
Versammelt Bücher über Leben, deren Bedeutung nicht aus Lautstärke, Status oder außergewöhnlichen Ereignissen entsteht.
Regal
9 – Lebensformen
Denkspuren
Leise Lebensformen · Außenseiter
Essays zu diesem Buch
Die Wand schützt.
Die Wand als Arche - Überleben jenseits der alten Welt.
Warum die Frau den Mann erschießt.
Warum nicht jede Gemeinschaft möglich ist.
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9 – Lebensformen · Bucharchiv