Warum nicht jede Gemeinschaft möglich ist – zu Marlen Haushofers Die Wand
Über Die Wand von Marlen Haushofer und die Bedingungen von Verbindung.
Gemeinschaft erscheint oft als etwas, das beinahe von selbst entsteht.
Menschen begegnen sich.
Sie verbringen Zeit miteinander.
Sie teilen einen Ort.
Und irgendwann, so scheint es, wird daraus Gemeinschaft.
Die Wand stellt diese Vorstellung radikal infrage.
Nach langer Isolation taucht am Ende des Romans ein anderer Mensch auf.
Zum ersten Mal seit langer Zeit scheint Begegnung wieder möglich.
Doch noch bevor daraus Beziehung entstehen kann, zerbricht diese Möglichkeit.
Der Mann tötet die Tiere der Erzählerin.
Ohne erkennbaren Grund.
Ohne Zögern.
Was ein Neubeginn sein könnte, wird innerhalb weniger Augenblicke unmöglich.
Marlen Haushofer erklärt diese Szene nicht.
Sie stellt sie einfach hin.
Gerade dadurch entfaltet sie ihre Wirkung.
Die Begegnung scheitert nicht an einem Missverständnis.
Nicht an mangelnder Zeit.
Nicht daran, dass sich zwei Fremde erst kennenlernen müssten.
Sie scheitert tiefer.
Hier treffen zwei Ordnungen aufeinander, die nicht miteinander vereinbar sind.
Die Welt der Erzählerin ist klein geworden.
Aber sie trägt.
Sie folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten, sorgt für ihre Tiere und richtet ihr Leben nach dem aus, was dieser Ort verlangt.
Nichts erscheint selbstverständlich.
Alles steht in Beziehung.
Der Mann bringt eine andere Haltung mit.
Er tritt in diese Ordnung ein, ohne sie wahrzunehmen.
Er nimmt, ohne zu sehen, was sein Handeln zerstört.
Vielleicht beginnt Gemeinschaft deshalb nicht dort, wo Menschen zusammenkommen.
Sondern dort, wo sie eine gemeinsame Weise entwickeln, in der Welt zu sein.
Nicht dieselben Interessen.
Nicht dieselben Meinungen.
Sondern ein gemeinsames Verhältnis zu dem, was sie umgibt.
Gemeinschaft hat Voraussetzungen.
Nicht als moralische Forderung.
Sondern als Struktur.
Sie entsteht dort, wo Menschen sich auf etwas beziehen können, das größer ist als sie selbst.
Diese Beobachtung reicht weit über den Roman hinaus.
Auch außerhalb solcher Extremsituationen leben Menschen Tür an Tür, arbeiten zusammen oder verbringen Jahre miteinander.
Und dennoch entsteht keine tragfähige Gemeinschaft.
Nähe allein genügt nicht.
Gemeinschaft wächst nicht automatisch aus Anwesenheit.
Sie entsteht dort, wo Menschen ein gemeinsames Verhältnis zur Welt entwickeln.
Und manchmal zeigt gerade ihr Scheitern, was dafür eigentlich notwendig gewesen wäre.
Regal
Ich und die Welt (2) → Existenz / Sinn (4)
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