Warum nicht jede Gemeinschaft möglich ist – zu Marlen Haushofers Die Wand

18.03.2026

Gemeinschaft erscheint oft als etwas, das einfach entsteht, sobald Menschen aufeinandertreffen.

In Die Wand gibt es einen Moment, in dem diese Vorstellung kurz aufscheint – und sofort zerbricht. Nach langer Isolation taucht ein anderer Mensch auf. Für einen Augenblick steht die Möglichkeit von Verbindung im Raum. Doch noch bevor sie Gestalt annehmen kann, wird sie zerstört. Der Mann tötet die Tiere der Erzählerin. Ohne ersichtlichen Grund, ohne Zögern. Was hätte Begegnung werden können, kippt in eine Situation, die keine Fortsetzung mehr erlaubt.

Der Roman erklärt diesen Moment nicht. Er stellt ihn hin. Und genau darin liegt seine Wirkung. Die Begegnung scheitert nicht an Missverständnissen oder fehlender Zeit. Sie scheitert daran, dass hier zwei Ordnungen aufeinandertreffen, die nicht miteinander vereinbar sind.

Die Welt der Erzählerin ist klein geworden, aber sie funktioniert. Sie lebt im Rhythmus der Natur, eingebunden in ein Gefüge aus Fürsorge, Maß und Abhängigkeit. Alles, was sie tut, steht in Beziehung zu diesem System. Nichts ist überflüssig, nichts beliebig. In diese Ordnung tritt jemand ein, der sich nicht auf sie bezieht. Der nimmt, ohne zu sehen, was er zerstört.

An dieser Stelle verschiebt sich der Blick. Gemeinschaft ist nicht mehr das, was zwischen Menschen automatisch entsteht. Sie wird zu etwas, das Bedingungen hat. Nicht im moralischen Sinn, sondern strukturell. Es braucht eine geteilte Haltung zur Welt, ein Mindestmaß an Bezug, vielleicht auch die Fähigkeit, sich in etwas einzufügen, das schon da ist.

Diese Beobachtung reicht über den Roman hinaus. Auch außerhalb solcher Extremsituationen zeigt sich, dass Nähe allein keine Verbindung erzeugt. Menschen können sich begegnen, zusammenleben, sogar voneinander abhängig sein – und dennoch keine tragfähige Gemeinschaft bilden. Etwas fehlt. Oder etwas steht quer.

Tags: #Gemeinschaft, #Ordnung, #Grenze, #Unvereinbarkeit, #Beziehung, #Struktur 

Einordnung ins Regal
2 – Ich und die Welt

Weitere Lesespuren zu diesem Thema:

→   Die Wand als Arche – Überleben jenseits der alten Welt in Marlen Haushofers - Die Wand
(Hauptessay)
→   Warum die Frau den Mann erschießt – zu Marlen Haushofers Die Wand

👉 Zur Übersicht aller Beiträge zu diesem Buch

👉 Zur Übersicht aller Bücher



Share