Warum die Frau den Mann erschießt – zu Marlen Haushofers Die Wand
Am Ende von Die Wand taucht ein anderer Mensch auf.
Und genau in dem Moment, in dem Begegnung wieder möglich scheint, wird sie unmöglich.
Die Szene ist knapp. Fast nüchtern.
Ein Mann erscheint. Er sagt wenig. Er handelt schnell.
Er tötet die Tiere.
Und die Erzählerin erschießt ihn.
Man kann das als Selbstschutz lesen. Die Tiere sichern ihr Überleben. Ohne sie wäre sie verloren.
Aber diese Erklärung reicht nicht ganz aus. Dafür ist die Szene zu klar gesetzt, zu entschieden.
Denn hinter der Wand ist im Laufe der Zeit etwas entstanden, das sich nicht sofort zeigt.
Kein neues System. Keine große Idee.
Eher ein Gleichgewicht.
Die Erzählerin lebt nicht gegen die Welt, sondern in ihr.
Sie arbeitet, wartet, sorgt.
Sie nimmt nicht einfach — sie antwortet.
Alles, was bleibt, steht in Beziehung.
Der Mann bringt etwas anderes mit.
Er tritt nicht in Beziehung, sondern in Verfügung.
Seine Gewalt hat keinen erkennbaren Zweck. Sie stellt nichts her. Sie zerstört.
Und plötzlich wird sichtbar:
Hier treffen nicht zwei Menschen aufeinander.
Hier treffen zwei Arten aufeinander, in der Welt zu sein.
Die eine ist gebunden, aufmerksam, begrenzt.
Die andere nimmt, ohne zu sehen, was sie damit berührt.
Damit verschiebt sich auch die Frage der Szene.
Es geht nicht mehr nur darum, ob die Frau überlebt.
Es geht darum, was überhaupt überleben darf.
Fast unmerklich steht hinter dieser Begegnung eine alte Erwartung:
Zwei Menschen in einer leeren Welt — ein Anfang.
Eine neue Menschheit.
Ein Echo von Adam und Eva.
Aber Die Wand verweigert genau das.
Aus der Begegnung wird kein Anfang.
Weil nicht jede Nähe schon Verbindung ist.
Gemeinschaft entsteht nicht, weil jemand da ist.
Sondern weil etwas geteilt wird.
Eine Haltung.
Ein Verhältnis zur Welt.
Die Erzählerin hat dieses Verhältnis gelernt.
Der Mann nicht.
Er bleibt fremd — nicht nur ihr.
Auch dem Ort, an dem er steht.
Und so ist der Schuss am Ende mehr als Verteidigung.
Er ist eine Entscheidung.
Vielleicht sogar die stillste und härteste im ganzen Roman:
Dass nicht jede Form des Menschlichen bewahrt werden muss, nur weil sie menschlich ist.
Hinter der Wand entsteht keine neue Menschheit.
Sondern ein Raum, in dem Leben nur bleibt, wenn es sich begrenzt.
Vielleicht liegt genau darin die Zumutung dieses Romans.
Dass Zukunft nicht dort beginnt, wo der Mensch sich fortsetzt.
Sondern dort, wo er aufhört, alles um sich herum zu verbrauchen.
Und vielleicht erschießt die Frau den Mann am Ende nicht nur, weil er gefährlich ist.
Sondern weil mit ihm etwas zurückkehrt, das in dieser Welt nicht mehr bestehen kann.
Tags: #Marlen Haushofer, #Die Wand, #Gewalt, #Gemeinschaft, #Natur, #Existenz, #Grenze, #Menschsein
Regal:
2 Ich und die Welt
4 Existenz / Sinn
5 Leben
📚 Dieser Beitrag gehört zur Reihe: Buch Marlen Haushofer - Die Wand
Weitere Lesespuren zu diesem Thema:
→ Die Wand als Arche – Überleben jenseits der alten Welt in Marlen Haushofers - Die Wand (Hauptessay)
→ Warum nicht jede Gemeinschaft möglich ist – zu Marlen Haushofers Die Wand
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