Mutter werden und sich neu begegnen
Manchmal wird mit einem Kind nicht nur ein Kind geboren, sondern es beginnt zugleich eine Mutter zu entstehen.
Der Satz klingt zunächst selbstverständlich, vielleicht sogar ein wenig sentimental, als wäre Mutterschaft eine Identität, die mit der Geburt einfach zu einer bereits vorhandenen hinzukäme. Vorher war da eine Frau, danach ist da zusätzlich eine Mutter, und beides fügt sich nach und nach ineinander.
So einfach verläuft diese Bewegung jedoch nicht, denn ein Säugling stellt keine vorsichtige Anfrage an das bisherige Selbst. Er kommt mit einer Bedürftigkeit in die Welt, die zunächst absolut ist: Hunger wartet nicht auf einen günstigeren Zeitpunkt, Erschöpfung lässt sich nicht verhandeln und das Bedürfnis nach Nähe richtet sich nicht danach, ob ein anderer Mensch gerade einen Augenblick für sich bräuchte. Ein neugeborenes Kind kennt weder Autonomie noch persönliche Grenzen, weil es auf einen anderen Menschen angewiesen ist, der seine Bedürfnisse wahrnimmt und darauf antwortet.
Gerade für Menschen, deren eigene frühe Erfahrungen von unsicherer Bindung, starker Anpassung oder der Vorstellung geprägt wurden, Nähe könne immer auch Erwartungen mit sich bringen, kann darin ein eigentümlicher Widerspruch entstehen. Ausgerechnet die große Liebe zum eigenen Kind kann etwas berühren, das zunächst überhaupt nicht nach Liebe aussieht: den Wunsch, wegzukönnen, die Überforderung durch das ununterbrochene Gebrauchtwerden, die Sehnsucht nach einem Körper und einem inneren Raum, die wieder nur einem selbst gehören, oder sogar die Angst, in dieser neuen Rolle langsam zu verschwinden.
Vielleicht beginnt Mutterwerden deshalb nicht immer mit jener selbstverständlichen Gewissheit, von der so gerne erzählt wird, sondern manchmal mit einer Suche nach einer Sprache für etwas, das sich zunächst nur widersprüchlich anfühlt.
Diese Suche kann beim Kind beginnen. Man liest über Bindung, Regulation, kindliche Entwicklung und Bedürfnisse, weil man verstehen möchte, warum ein kleines Wesen nicht abgelegt werden möchte, weshalb es wieder aufwacht oder warum es Nähe verlangt, obwohl es doch gerade versorgt wurde. Zunächst richtet sich der Blick dabei nach außen, auf dieses rätselhafte kleine Gegenüber, dessen Verhalten verstanden werden soll.
Irgendwann kann sich die Richtung jedoch verändern, und während man versucht, das Kind zu lesen, beginnt man unversehens auch das eigene Erleben neu zu lesen.
Was vorher vielleicht nur als anstrengend, fordernd oder kaum auszuhalten erschien, bekommt plötzlich eine andere Bedeutung. Ein Säugling manipuliert nicht, wenn er Nähe sucht, und seine Bedürftigkeit ist weder übertrieben noch ein Charakterfehler, sondern eine Entwicklungsbedingung. Er muss nicht erst angenehm, vernünftig, angepasst oder dankbar werden, damit sein Bedürfnis nach Trost berechtigt wäre.
Genau an dieser Stelle kann sich eine Tür in die eigene Vergangenheit öffnen, denn sobald die Bedürftigkeit eines Kindes selbstverständlich sein darf, entsteht beinahe zwangsläufig die Frage, warum die eigene Bedürftigkeit irgendwann weniger selbstverständlich erschienen sein könnte. Wenn ein Kind nichts leisten muss, um getröstet zu werden, wird plötzlich sichtbar, wie tief die Vorstellung reichen kann, Liebe müsse durch Anpassung, Vernunft oder Rücksichtnahme gesichert werden.
Mutterschaft kann die eigene Kindheit deshalb auf eine eigentümliche Weise neu vermessen, nicht weil sich die Vergangenheit verändert, sondern weil ein anderer Maßstab an sie angelegt wird. Wer einen kleinen Menschen im Arm hält, versteht nicht nur gedanklich, sondern beinahe körperlich, wie klein ein Kind tatsächlich ist, wie wenig es wissen kann und wie vollständig es darauf angewiesen bleibt, dass Erwachsene seine Welt nicht gegen es verwenden.
Manchmal geschieht in diesen Augenblicken noch etwas anderes. Während eine Mutter ihr Kind hält, es wiegt, seinen warmen Körper an ihrem spürt und wartet, bis seine Atmung wieder ruhiger wird, stellt sie Halt für einen anderen Menschen her und befindet sich gleichzeitig selbst mitten in dieser Erfahrung.
Daraus folgt nicht, dass ein Kind seine Mutter heilt, denn kein Kind sollte die Aufgabe bekommen, eine Geschichte zu reparieren, die vor seiner Geburt begonnen hat. Dennoch kann das Halten selbst eine Erfahrung werden, die zwei Menschen umfasst. Eine Mutter gibt etwas, das sie möglicherweise selbst einmal gebraucht hätte, und erfährt gerade im Geben, wie sich Verlässlichkeit, Zärtlichkeit oder bedingungslose Zuwendung überhaupt anfühlen können.
Vielleicht liegt darin eine der stillsten Formen später Erkenntnis: Ein Mensch kann etwas herstellen, das ihm selbst einmal gefehlt hat.
Aus dieser Erfahrung entsteht allerdings noch keine sichere Mutteridentität, denn gerade am Anfang besteht sie aus Versuchen, Entscheidungen, angelesenem Wissen, Intuition, Irrtümern und der langsam wachsenden Erfahrung, eine eigene Haltung entwickeln zu können. Erst nach und nach entsteht ein inneres Wissen darüber, wie man mit einem Kind leben möchte, was man für richtig hält und welcher Wahrnehmung man vertrauen kann.
Gerade deshalb können Urteile von außen in dieser Phase eine besondere Macht entfalten. Vordergründig geht es vielleicht um Schlafen, Stillen, Tragen, Trösten, Grenzen oder die alte Befürchtung, ein Kind könne durch zu viel Zuwendung verwöhnt werden, doch unter diesen konkreten Fragen liegt häufig eine wesentlich größere: Wer darf bestimmen, was für eine Mutter ich bin?

Bild: Berthe Morisot, Le Berceau (Die Wiege), 1872, Musée d'Orsay, Paris. Public Domain.
Partner, Eltern, Schwiegerfamilie, Ratgeber und gesellschaftliche Vorstellungen können jeweils eigene Bilder davon mitbringen, wie Mutterschaft auszusehen hat. Das Kind braucht etwas, die Partnerschaft erwartet etwas anderes, die Familie bewertet Entscheidungen und über allem steht ein kulturelles Ideal der guten Mutter, das erstaunlich viele widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig stellen kann. Mitten darin versucht ein eigenes Selbst erst herauszufinden, was es eigentlich wahrnimmt, denkt und vertreten möchte.
Vielleicht lässt sich diese Erfahrung als eine Form von Identitätspanik verstehen, die über die gewöhnliche Frage nach dem eigenen Selbst hinausgeht. Bedrohlich wird nicht nur die Unsicherheit darüber, wer man geworden ist, sondern die Frage, wie ein eigenes Selbst bestehen kann, wenn verschiedene Beziehungen gleichzeitig verschiedene Versionen dieses Selbst verlangen.
Bindungsorientiertes Wissen kann in einer solchen Situation mehr sein als bloßes Erziehungswissen, weil es zunächst wie ein Geländer funktioniert und Worte für Erfahrungen anbietet, die vorher nur als Überforderung wahrgenommen wurden. Wenn ein Kind Bedürfnisse haben darf, Nähe keine Manipulation ist, Abhängigkeit zur frühen Entwicklung gehört und Trost keinen Menschen verdirbt, entsteht daraus allmählich nicht nur eine Haltung zum Kind, sondern auch eine neue Haltung zur eigenen Wahrnehmung.
Aus dem Wissen darüber, was ein Kind braucht, kann deshalb langsam etwas anderes wachsen: das Vertrauen darauf, selbst beurteilen zu dürfen, was in einer Beziehung geschieht. Eine Mutter kann ihrem Kind antworten, obwohl andere diese Antwort für falsch halten, und sie kann eine Form von Mutterschaft entwickeln, für die es in ihrer eigenen Herkunft möglicherweise kein Vorbild gegeben hat.
Gerade darin liegt jedoch eine weitere Spannung, denn der Wunsch, es anders zu machen, schützt nicht automatisch davor, die Vergangenheit weiterhin zum Maßstab der Gegenwart werden zu lassen. Wer unbedingt alles anders machen möchte, kann das eigene Kind unbemerkt zum Gegenentwurf der eigenen Geschichte machen. Die neue Familie soll dann beweisen, dass die alte überwunden wurde, das Kind soll sicher gebunden sein, sich frei entwickeln und möglichst niemals erfahren müssen, was frühere Generationen erfahren haben.
Aus Liebe kann auf diese Weise eine neue Form von Absolutheit entstehen.
Cyclebreaking bedeutet deshalb vermutlich weniger, niemals alte Muster zu berühren, als die automatische Weitergabe dieser Muster zu unterbrechen. Das kann sich in sehr unspektakulären Momenten zeigen, etwa wenn ein vertrauter Reflex rechtzeitig bemerkt wird, ein Streit nicht in dieselbe Richtung weitergeführt werden muss oder eine Grenze gesetzt werden kann, ohne den anderen abzuwerten. Es kann bedeuten, nach einem Fehler zurückzukehren, sich zu entschuldigen und einem Kind deutlich zu machen, dass die Gefühle eines Erwachsenen nicht zu seiner Verantwortung gehören.
Das Neue besteht dann nicht darin, dass die Vergangenheit verschwunden wäre, sondern darin, dass sie nicht mehr selbstverständlich darüber entscheidet, was als Nächstes geschieht.
Mit der Zeit verändert sich damit auch die Beziehung zwischen Mutter und Kind noch einmal. Was am Anfang ineinander verschränkt sein durfte, muss sich langsam wieder lösen, denn selbst wenn das Halten des Kindes zeitweise auch für die Mutter zu einer neuen Erfahrung von Halt geworden ist, gehört das Kind nicht zu ihrer Heilung. Es darf eine eigene Geschichte bekommen, anders sein, sich entfernen und Entscheidungen treffen, die nicht bestätigen müssen, dass seine Mutter alles richtig gemacht hat.
Vielleicht liegt gerade darin eine der reifsten Formen von Bindung: einen Menschen so sehr zu lieben, dass er nicht zum Beweis der eigenen Geschichte werden muss.
Mutterwerden müsste dann weder bedeuten, durch die eigenen Kinder heil geworden zu sein, noch das frühere Selbst zugunsten einer neuen Rolle hinter sich gelassen zu haben. Vielleicht bedeutet es vielmehr, durch diese Beziehung Teilen des eigenen Selbst zu begegnen, die vorher kaum sichtbar werden konnten: der Bedürftigkeit und der Überforderung, der Zärtlichkeit und der Wut, dem Wunsch nach Flucht und der Fähigkeit zu bleiben, dem Bedürfnis nach Halt und der überraschenden Erfahrung, selbst Halt herstellen zu können.
Ein Kind wird geboren, während eine Mutter erst nach und nach entsteht. Vielleicht liegt die eigentliche Entwicklung deshalb auch nicht darin, irgendwann vollkommen zu wissen, wie ein Kind gehalten werden sollte, sondern darin, innerhalb dieser Beziehung ein eigenes Selbst zu entwickeln, das Nähe geben kann, ohne darin zu verschwinden.
Und irgendwann vielleicht zu entdecken, dass die Hände, mit denen ein anderer Mensch gehalten wurde, auch für das eigene Leben einen Halt finden können.
Literarische Resonanzräume
Literatur erzählt Mutterschaft selten nur als Beziehung zwischen Mutter und Kind. Gerade dort, wo Herkunft, Bindung und die Entstehung eines eigenen Selbst ineinandergreifen, wird sichtbar, dass mit einem Kind auch frühere Erfahrungen in eine neue Gegenwart geraten können.
Elena Ferrante – Frau im Dunkeln
Ferrante führt an die unbequeme Seite von Mutterschaft: an Überforderung, Ambivalenz und den Wunsch, dem ununterbrochenen Anspruch des Mutterseins zeitweise zu entkommen. Gerade dadurch widersetzt sich der Roman der Vorstellung, mütterliche Liebe müsse jede andere Bewegung des eigenen Selbst zum Schweigen bringen.
Tove Ditlevsen – Kindheit
Ditlevsen erzählt nicht aus der Perspektive einer Mutter, sondern aus der eines Kindes, und gerade deshalb kann der Text den Blick zurück öffnen. Er macht erfahrbar, wie früh Kinder Stimmungen, Erwartungen und Formen von Nähe aufnehmen und wie lange solche Erfahrungen Teil des späteren Selbst bleiben können.
Doris Lessing – Das fünfte Kind
Lessing führt Mutterschaft an eine ihrer verstörendsten Grenzen: Was geschieht, wenn die erwartete Selbstverständlichkeit von Nähe und mütterlichem Verstehen ausbleibt? Der Roman verweigert die beruhigende Vorstellung, Fürsorge müsse sich allein aus Liebe immer richtig anfühlen, und macht sichtbar, unter welchem Druck eine Mutter geraten kann, wenn ihre tatsächliche Erfahrung nicht zum gesellschaftlichen Bild von Mutterschaft passt.
Marilynne Robinson – Haus ohne Halt
Robinson erzählt Fürsorge jenseits einer einfachen Vorstellung davon, wie Familie aussehen sollte. Gerade dadurch öffnet der Roman die Frage, ob Halt ausschließlich aus vertrauten Formen entsteht oder auch dort hergestellt werden kann, wo Menschen erst eine eigene Form des Bleibens füreinander finden.
Diese Romane geben darauf keine gemeinsame Antwort. Sie zeigen vielmehr verschiedene Stellen derselben Spannung: Ein Kind bringt seine eigene Bedürftigkeit mit, während der Erwachsene ihm mit einer Geschichte begegnet, die bereits lange vorher begonnen hat. Zwischen beidem kann etwas Neues entstehen, ohne dass das Frühere deshalb verschwinden muss.
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Mutterschaft · Cyclebreaking
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