Wer hält die Mutter?

15.08.2026

Maria Lactans, Zärtlichkeit und die Frage, wie eine Mutter mit ihrem Kind wachsen kann

Am 15. August richtet sich der Blick in der katholischen Tradition auf Maria. Mariä Aufnahme in den Himmel zeigt sie am Ende ihres irdischen Lebens, der gewöhnlichen Körperlichkeit enthoben und in eine Vorstellung von Vollendung aufgenommen.

Doch es gibt ein anderes, sehr viel körperlicheres Bild der Gottesmutter.

Maria Lactans. Die stillende Maria.

Maria hält das Kind an ihrer Brust. Es braucht Nahrung, Wärme und Nähe. Es kann sich nicht selbst versorgen und seine Abhängigkeit ist vollkommen selbstverständlich. Jemand muss es halten. Jemand muss auf seinen Hunger reagieren. Jemand muss mit dem eigenen Körper dafür sorgen, dass dieser kleine Mensch weiterleben kann.

Vielleicht berührt das Motiv deshalb noch Jahrhunderte später etwas Elementares an Mutterschaft: Bevor Fürsorge zur gesellschaftlichen Erwartung, moralischen Zuschreibung oder psychologischen Frage werden kann, gibt es diese ursprüngliche Erfahrung menschlicher Abhängigkeit.

Ein Mensch braucht einen anderen.

Und jemand hält.

Bild: Meister der Magdalenenlegende, Maria Lactans auf der Mondsichel, um 1490 · Public Domain · Wikimedia Commons

Die Zärtlichkeit der stillenden Maria

Papst Franziskus hat dieses alte Marienbild ausdrücklich aufgegriffen. Am Hochfest der Gottesmutter Maria am 1. Januar 2024 erinnerte er an die Virgo lactans von Montevergine und verband die stillende Maria mit Zärtlichkeit, Sorge und Nähe.

Diese Deutung ist bemerkenswert, weil sie Fürsorge nicht als nebensächliche oder schwache Tätigkeit behandelt. Das Nähren, Halten und Begleiten eines Kindes bekommt Würde. Zärtlichkeit erscheint nicht als sentimentaler Zusatz zur eigentlichen Stärke, sondern selbst als eine Form von Stärke.

Auch an anderer Stelle hat Franziskus die Körperlichkeit dieses Bildes ungewöhnlich selbstverständlich ernst genommen. Bei Tauffeiern ermunterte er Mütter dazu, ihre hungrigen Säuglinge auch in der Kirche zu stillen, und erinnerte daran, dass auch Maria Jesus gestillt habe.

Das Heilige steht damit nicht jenseits des Körpers.

Es sitzt gewissermaßen mitten im Hunger eines Kindes und in den Armen einer Frau, die darauf reagiert.

Gerade deshalb lohnt es sich, länger bei diesem Bild zu bleiben.

Denn aus der Schönheit dieser Zärtlichkeit entsteht eine schwierige Frage.

Muss eine Mutter immer so halten?

Ein Säugling braucht eine Form von Nähe, die vollkommen asymmetrisch ist. Er kann die Fürsorge seiner Mutter nicht erwidern. Er muss sie auch nicht erwidern. Seine Abhängigkeit gehört zu dieser Lebensphase.

Aber das Kind wächst.

Und damit muss sich etwas verändern.

Kann – und vor allem: muss – eine Mutter jene Form der Zärtlichkeit, Sorge und Nähe, die am Anfang notwendig war, durch alle Lebensphasen hindurch aufrechterhalten?

Vielleicht bleibt Zärtlichkeit.

Vielleicht sollte ihre Form aber gerade nicht bleiben.

Das Kleinkind braucht jemanden, der entscheidet und schützt. Ein älteres Kind beginnt, eigene Räume zu beanspruchen. Jugendliche brauchen häufig eine Form von Nähe, die ihre Distanz aushält. Und ein erwachsener Sohn oder eine erwachsene Tochter braucht möglicherweise gerade keine Mutter mehr, die das Leben ordnet, sondern eine, die anerkennen kann, dass dieses Leben inzwischen einem anderen Menschen gehört.

Dann müsste auch mütterliche Fürsorge wachsen.

Aus dem Halten wird Begleiten.

Aus dem Begleiten kann Zurücktreten werden.

Und manchmal besteht Zärtlichkeit vielleicht gerade darin, nicht festzuhalten.

Die Mutter muss ebenfalls wachsen

Wenn ein Kind selbstständiger wird, verändert sich nicht nur seine Aufgabe.

Auch die Mutter steht vor einer Entwicklungsbewegung.

Am Anfang besitzt sie eine Bedeutung, die kaum größer sein könnte. Das Kind ist tatsächlich auf Versorgung angewiesen. Es braucht jemanden, der Bedürfnisse erkennt, bevor es sie selbst benennen kann.

Mit zunehmender Selbstständigkeit wird genau diese Fähigkeit immer weniger benötigt.

Vielleicht liegt darin eine der schwierigsten inneren Bewegungen von Mutterschaft:

Die Mutter muss zulassen können, dass gelingende Fürsorge ihre eigene Unentbehrlichkeit verringert.

Aus einem frühen Ich weiß, was du brauchst muss irgendwann ein Du kannst mir sagen, was du brauchst werden.

Später vielleicht:

Du darfst etwas brauchen, das ich nicht verstehe.

Und irgendwann sogar:

Du darfst mich nicht brauchen.

Das bedeutet nicht, dass die Beziehung bedeutungslos geworden wäre. Aber ihre Bedeutung kann nicht dauerhaft davon abhängen, dass das Kind auf dieselbe Weise angewiesen bleibt.

Darin steckt eine besondere Form von Loslassen. Eine Mutter muss möglicherweise lernen, Distanz nicht automatisch als Zurückweisung zu verstehen. Sie muss Entscheidungen aushalten können, die sie selbst anders getroffen hätte. Sie muss dem Kind Beziehungen, Überzeugungen und Lebensformen zugestehen können, in deren Mittelpunkt sie nicht mehr steht.

Und vielleicht muss sie dabei etwas wiederentdecken, das in den Jahren großer Abhängigkeit tatsächlich zeitweise zurücktreten konnte:

sich selbst als einen vom Kind getrennten Menschen.

Das Kind wächst aus seiner Abhängigkeit heraus.

Die Mutter muss aus ihrer Unentbehrlichkeit herauswachsen.

Wer hält diejenige, die hält?

Doch diese Bewegung hat noch eine andere Seite.

Denn während viel darüber gesprochen wird, was ein Kind von seiner Mutter braucht, bleibt erstaunlich leicht unsichtbar, was die Mutter braucht, damit sie all das überhaupt geben kann.

Das Bild der Maria Lactans zeigt ein versorgtes Kind.

Es zeigt nicht, wer Maria versorgt.

Hat sie geschlafen?

Wer nimmt ihr das Kind ab, wenn ihre Arme müde werden?

Wer hört ihre Angst?

Wo darf sie selbst bedürftig sein?

Wer hält sie, während sie hält?

Hier kann Donald Winnicotts Vorstellung einer haltenden Umwelt vorsichtig eine zusätzliche Sprache anbieten. Ein kleines Kind braucht einen verlässlichen Raum, in dem seine Abhängigkeit aufgefangen wird. Dieses Halten besteht nicht nur aus körperlichen Armen. Es entsteht durch Versorgung, Verlässlichkeit und eine Umwelt, die das Kind noch nicht selbst herstellen kann.

Doch ein solcher Raum entsteht nicht aus dem Nichts.

Ein Mensch stellt ihn her.

Und dieser Mensch besitzt ebenfalls einen Körper, Bedürfnisse, Grenzen, Ängste und eine eigene Geschichte.

Vielleicht beginnt eine problematische Vorstellung von Mutterschaft deshalb nicht dort, wo Fürsorge besonders wichtig genommen wird. Sie beginnt dort, wo aus einer kostbaren Form menschlicher Zuwendung eine selbstverständliche mütterliche Ressource wird.

Als wäre diejenige, die hält, selbst nicht auf Halt angewiesen.

Ein Zimmer voller Licht

Yūko Tsushimas Roman Territory of Light öffnet dafür einen anderen Erfahrungsraum.

Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann mit ihrer kleinen Tochter lebt. Sie muss weiterhin Mutter sein, während der bisherige Zusammenhang ihres eigenen Lebens auseinandergeraten ist.

Das Kind braucht Alltag. Es braucht Versorgung und Aufmerksamkeit. Es braucht einen Erwachsenen, der einen einigermaßen verlässlichen Raum herstellt.

Aber diejenige, die diesen Raum herstellen soll, steht selbst auf unsicherem Boden.

Tsushima idealisiert ihre Mutterfigur nicht. Gerade dadurch wird etwas sichtbar, das in idealisierten Mutterbildern leicht verschwindet: Eine Mutter hört nicht auf, ein Mensch mit Einsamkeit, Erschöpfung, Wünschen, Widersprüchen und einem eigenen Begehren nach Leben zu sein, nur weil jemand anderes von ihr abhängig ist.

Das macht die Fürsorge nicht weniger wertvoll.

Es macht sichtbar, was sie kostet.

Neben Maria Lactans entsteht dadurch ein bemerkenswerter Kontrast.

Auf dem alten Bild sehen wir das Kind, das bekommt, was es braucht.

Tsushima lässt uns länger bei der Frau bleiben, die geben soll, obwohl ihr eigener haltender Raum brüchig geworden ist.

Vielleicht braucht es beide Bilder, um über Mutterschaft sprechen zu können.

Das Kind, das gehalten werden muss.

Und die Mutter, die nicht allein deshalb unerschöpflich wird, weil jemand sie braucht.

Wenn aus Zärtlichkeit eine Erwartung wird

Gerade darin liegt die Ambivalenz eines so schönen Ideals wie der mütterlichen Zärtlichkeit.

Es wäre zu einfach, das Ideal abzulehnen.

Ein Säugling braucht Fürsorge. Kinder brauchen Verlässlichkeit. Zärtlichkeit kann Sicherheit schaffen, Beziehung ermöglichen und einem Menschen die Erfahrung geben, mit seinen Bedürfnissen willkommen zu sein.

Aber aus der Würdigung dieser Fürsorge kann unmerklich eine Forderung entstehen.

Eine gute Mutter ist geduldig.

Eine gute Mutter versteht.

Eine gute Mutter ist verfügbar.

Eine gute Mutter stellt ihre Bedürfnisse zurück.

Eine gute Mutter hält.

Und weil all diese Sätze für einzelne Situationen sogar wahr sein können, lässt sich schwer erkennen, wann aus ihnen ein Mutterbild entsteht, in dem für die Mutter selbst immer weniger Platz bleibt.

Vielleicht liegt die Ambivalenz mütterlicher Fürsorge deshalb nicht darin, dass eine Mutter zu viel liebt.

Sie beginnt dort, wo aus einer kostbaren Form von Zuwendung eine selbstverständliche Verfügbarkeit wird – und niemand mehr danach fragt, was diejenige braucht, die sie ermöglicht.

Maria noch einmal ansehen

Vielleicht lohnt es sich deshalb, am 15. August nicht nur zur erhöhten Gottesmutter aufzublicken.

Vielleicht kann man für einen Moment zu einer anderen Maria zurückkehren.

Zu der Frau mit dem Kind an ihrer Brust.

Maria Lactans zeigt etwas Schönes und Unverzichtbares: Ein Mensch hält einen anderen, weil dieser sich noch nicht selbst halten kann.

Papst Franziskus sieht darin Zärtlichkeit, Sorge und Nähe.

Daran muss nichts kleiner gemacht werden.

Vielleicht wird diese Zärtlichkeit sogar größer, wenn wir sie nicht zur grenzenlosen Pflicht erklären.

Denn das Kind auf Marias Arm wird nicht immer ein Säugling bleiben.

Es wird wachsen.

Und mit ihm müsste auch die Beziehung wachsen dürfen.

Eine Mutter müsste halten dürfen, wenn Halten notwendig ist. Sie müsste begleitet werden, während sie selbst Halt gibt. Und sie müsste loslassen dürfen, wenn aus Fürsorge sonst Festhalten würde.

Vielleicht besteht mütterliche Zärtlichkeit über ein ganzes Leben hinweg deshalb nicht darin, immer dasselbe zu geben.

Vielleicht besteht sie darin, immer wieder neu zu erkennen, welche Form von Nähe der andere jetzt braucht – und welche nicht mehr.

Und vielleicht gehört zu einer Kultur, die mütterliche Fürsorge wirklich würdigt, noch eine zweite Bewegung.

Nicht nur auf das Kind zu schauen, das gehalten wird.

Sondern auch auf die Arme, die es halten.

Und zu fragen:

Wer hält die Mutter?

Literarischer Resonanzraum

Yūko Tsushima – Territory of Light
Eine junge Mutter versucht, ihrem Kind einen verlässlichen Alltag zu geben, während ihr eigener Lebenszusammenhang brüchig geworden ist. Der Roman macht sichtbar, dass die Person, die hält, selbst Bedürfnisse, Grenzen und ein eigenes Leben besitzt.

Quellen

Papst Franziskus: Predigt zum Hochfest der Gottesmutter Maria, 1. Januar 2024. Bezug auf die Virgo lactans von Montevergine und Maria als Bild von Sorge und Zärtlichkeit.

Papst Franziskus: Predigten und Ansprachen zur Mutterschaft Marias sowie zum Stillen während der Tauffeiern in der Sixtinischen Kapelle.

Donald W. Winnicott: Schriften zur frühen Mutter-Kind-Beziehung, zur "holding environment" und zur "good enough mother".

Yūko Tsushima: Territory of Light.

Bild: Meister der Magdalenenlegende, Maria Lactans auf der Mondsichel, um 1490 · Public Domain · Wikimedia Commons

Regal
4 – Existenz / SinnMutterschaft

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