Kindheit – Tove Ditlevsen


Buchdaten

Titel: Kindheit
Originaltitel: Barndom
Autorin: Tove Ditlevsen
Erscheinungsjahr: 1967
Genre: Autobiografischer Roman · Autofiktion

Worum geht es?

Tove wächst in den 1920er-Jahren in einem Kopenhagener Arbeiterviertel auf. Die Familie lebt in engen materiellen Verhältnissen. Der Vater ist Arbeiter, die Mutter unberechenbar in ihrer Zuwendung, und für ein Mädchen wie Tove scheint der mögliche Lebensweg früh vorgezeichnet.

Doch Tove besitzt etwas, das in dieser Welt kaum einen vorgesehenen Platz hat:

Sie schreibt Gedichte.

Schon als Kind beginnt sie, Sprache als einen eigenen inneren Raum zu entdecken. Während ihre Umgebung bestimmte Vorstellungen davon hat, was aus ihr werden kann und soll, entsteht in ihr allmählich eine andere Vorstellung ihres Lebens.

Kindheit erzählt damit nicht nur vom Aufwachsen.

Es erzählt von dem Moment, in dem ein Kind zu ahnen beginnt, dass die Welt, aus der es kommt, vielleicht nicht die einzige Welt bleiben muss.

Warum dieses Buch geblieben ist

Ditlevsen beschreibt Kindheit nicht als verlorenes Paradies.

Kindheit ist bei ihr ein Zustand großer Abhängigkeit.

Erwachsene bestimmen die Wirklichkeit. Ihre Stimmungen verändern Räume. Ihre Worte können Sicherheit geben oder sie entziehen. Ein Kind besitzt nur begrenzte Möglichkeiten, sich dieser Welt zu entziehen.

Besonders eindrücklich ist dabei, wie genau Tove die emotionalen Bewegungen ihrer Umgebung beobachtet.

Sie versucht zu verstehen, wann Nähe möglich ist. Was gesagt werden darf. Welche Stimmung gerade herrscht. Was von ihr erwartet wird.

Auch der Vater ist dabei nicht einfach verschwunden.

Seine Abwesenheit ist subtiler.

Er ist Teil der Familie und zugleich in entscheidenden Bereichen von Toves innerem Leben kaum erreichbar. Gerade ihre literarische Begabung findet in der Welt der Erwachsenen zunächst wenig Raum.

Das macht Kindheit zu einem Buch über eine Form des Nicht-Gesehen-Werdens, die ohne spektakuläre Vernachlässigung auskommen kann.

Ein Kind kann versorgt sein.

Und trotzdem mit wesentlichen Teilen seiner selbst allein bleiben.

Psychologische Lesespur

Eine psychologische Lesespur führt über Bindung, Anpassung und die Entstehung eines inneren Raums.

Kinder sind darauf angewiesen, die Menschen zu lesen, von denen sie abhängig sind.

Wenn Zuwendung nicht selbstverständlich oder emotional schwer vorhersehbar ist, kann eine besondere Aufmerksamkeit für Stimmungen entstehen: Was braucht der andere gerade? Was darf ich zeigen? Was sollte ich lieber für mich behalten?

Bei Tove entsteht daneben jedoch noch etwas anderes.

Die Sprache.

Ihre Gedichte werden zu einem Ort, an dem Erfahrungen existieren dürfen, für die ihre unmittelbare Umgebung kaum Worte oder Interesse bereithält.

Damit bekommt Schreiben eine doppelte Bedeutung.

Es ermöglicht Rückzug.

Aber es ermöglicht auch Entwicklung.

Tove schafft sich in der Sprache einen Raum, in dem ihre Herkunft nicht vollständig darüber entscheiden kann, wer sie einmal sein wird.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Kindheit macht sichtbar, wie früh Menschen lernen, welchen Platz die Welt für sie vorgesehen hat.

Familie vermittelt solche Vorstellungen.

Aber auch Milieu, Geschlecht und soziale Herkunft tun es.

Was kann aus dir werden?

Was ist für Menschen wie uns möglich?

Welche Wünsche sind vernünftig?

Welche sind lächerlich?

Für Tove liegt zwischen der Welt ihrer Herkunft und ihrem eigenen inneren Leben zunächst kaum eine Brücke.

Vielleicht wird deshalb Bildung – und insbesondere Literatur – so bedeutsam.

Sie eröffnet nicht sofort einen anderen sozialen Ort.

Zuerst eröffnet sie überhaupt die Vorstellung, dass ein anderes Leben denkbar sein könnte.

Ditlevsen romantisiert diesen Aufbruch nicht. Herkunft lässt sich nicht einfach abschütteln. Die Familie bleibt in einem Menschen, auch wenn er beginnt, sich von ihren Erwartungen zu entfernen.

Aber irgendwo in diesem Kind entsteht bereits eine Gegenbewegung.

Noch kein fertiges Leben.

Nur ein Gedanke.

Ich könnte etwas anderes werden als das, was für mich vorgesehen ist.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Buch über:

Kindheit
über die besondere Abhängigkeit eines Kindes von den Menschen und Verhältnissen, in die es hineingeboren wird.

Abwesende Väter
über einen Vater, der körperlich Teil der Familie ist und für wesentliche Teile des inneren Lebens seiner Tochter dennoch schwer erreichbar bleibt.

Herkunft und Familie
über die Vorstellungen davon, welches Leben innerhalb eines bestimmten Milieus möglich erscheint.

Bildung als Ausweg
über Literatur und Sprache als erste Öffnung in eine Welt jenseits der vorgegebenen sozialen Möglichkeiten.

Anpassung
über die feine Aufmerksamkeit eines Kindes für Stimmungen, Erwartungen und die Bedingungen von Zugehörigkeit.

Selbstwerdung
über die frühe Entdeckung eines inneren Lebens, das sich nicht vollständig mit der Herkunft deckt.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Kindheit und Herkunft bestimmen, welches Leben ein Mensch zunächst für möglich hält, könnten von hier weitere Lesespuren führen:

Die Bagage — Monika Helfer
Zeigt, wie Familie, Milieu und die Geschichten anderer darüber mitbestimmen können, wer ein Kind innerhalb seiner Herkunft sein darf.

Jane Eyre — Charlotte Brontë
Erzählt von einem Mädchen, dessen Ausgangsmöglichkeiten eng sind und für das Bildung zu einem Weg in größere Selbstständigkeit wird.

Pachinko — Min Jin Lee
Zeigt über mehrere Generationen, wie Herkunft Lebensmöglichkeiten begrenzt – und wie Menschen innerhalb dieser Grenzen dennoch eigene Wege schaffen.

Denkspur: Abwesende Väter
Versammelt Bücher über väterliche Abwesenheit, die nicht erst dort beginnt, wo ein Vater tatsächlich fortgeht.

Regal
0 – Ursprung

Denkspuren
Abwesende Väter · Herkunft und Familie · Bildung als Ausweg

Essays zu diesem Buch
noch offen

Zur Übersicht
0 – Ursprung · Bucharchiv