Alessandro Baricco - Novecento - Grenzen und Unendlichkeit
Es gibt eine Stelle in Alessandro Bariccos Novecento, an der der Pianist erklärt, warum er das Schiff nie verlassen hat. Er spricht nicht von Angst, nicht von fehlenden Papieren, nicht von Geld oder Arbeit. Er spricht von Unendlichkeit.
Auf dem Schiff ist seine Welt begrenzt.
Es gibt Decks, Gänge, den Salon, das Klavier, den Ozean, der vorbeizieht.
Es ist keine kleine Welt, aber eine überschaubare Welt.
Eine Welt mit Rändern.
An Land, sagt er, gibt es Straßen ohne Ende, Häuser ohne Ende, Menschen ohne Ende, Möglichkeiten ohne Ende. Eine Welt, die kein Ende hat. Und er weiß nicht, wie man in einer Welt lebt, die kein Ende hat.
Das wirkt zuerst wie eine Ausrede.
Aber vielleicht ist es eine Beobachtung.
Wir glauben oft, dass Freiheit bedeutet, möglichst viele Möglichkeiten zu haben. Möglichst viele Wege, Möglichkeiten, Optionen, Entscheidungen. Aber je mehr Möglichkeiten es gibt, desto schwieriger wird es, sich für einen Weg zu entscheiden. Unendlichkeit ist nicht nur Freiheit. Unendlichkeit ist auch Überforderung.
Grenzen haben einen schlechten Ruf.
Sie wirken wie Einschränkung, wie Enge, wie Verzicht.
Aber Grenzen haben auch eine andere Seite:
Sie machen Entscheidungen möglich.
Sie machen Orte bewohnbar.
Sie machen Leben überschaubar.
Ein Klavier hat achtundachtzig Tasten.
Gerade weil es nicht unendlich viele sind, kann man darauf Musik machen.
Wenn ein Klavier unendlich viele Tasten hätte, könnte man vielleicht keine einzige Melodie mehr spielen.
Vielleicht gilt das nicht nur für Musik.
Auch ein Leben braucht Grenzen, damit überhaupt etwas entstehen kann: eine Arbeit, eine Familie, ein Ort, eine Freundschaft, ein Text, ein Garten, ein Haus, eine Gewohnheit, ein Rhythmus. Ohne Grenzen bleibt alles Möglichkeit, aber nichts wird Wirklichkeit.
Novecento entscheidet sich nicht gegen die Welt, sondern für eine begrenzte Welt.
Nicht weil er zu wenig Mut hat, sondern weil er weiß, dass er in einer begrenzten Welt leben kann und in einer unendlichen nicht.
Vielleicht besteht die eigentliche Frage des Textes nicht darin, ob man mutig genug ist, die Welt zu erobern, sondern darin, wie viel Welt ein Mensch überhaupt braucht, um leben zu können.
Manche Menschen wollen die Unendlichkeit.
Und manche Menschen brauchen einen Horizont.
Und vielleicht ist ein gutes Leben nicht das Leben mit den meisten Möglichkeiten, sondern das Leben mit den richtigen Grenzen.
📚 Dieser Beitrag gehört zur Reihe: Novecento – Alessandro Baricco
Weitere Beiträge zu diesem Thema:
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– Außenseiter und kleine Welten
– Der Trompeter und der Pianist – zwei Lebensmodelle
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🏷 Tags
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4 – Existenz / Sinn