Alessandro Baricco - Novecento


Buchdaten

Titel: Novecento
Originaltitel: Novecento. Un monologo
Autor: Alessandro Baricco
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Literarischer Monolog · Erzählung

Worum geht es?

Danny Boodmann T. D. Lemon Novecento wird als Säugling auf einem Ozeandampfer gefunden. Niemand weiß, wer seine Eltern sind oder woher er kommt.

Er wächst auf dem Schiff auf – und verlässt es niemals.

Novecento wird zu einem außergewöhnlichen Pianisten. Auf dem Schiff spielt er für Reisende, begegnet Menschen aus aller Welt und erlebt über ihre Geschichten etwas von jenem Leben, das sich jenseits des Atlantiks abspielt.

Doch während alle anderen Passagiere irgendwoher kommen und irgendwohin unterwegs sind, bleibt Novecento.

Das Schiff ist nicht nur sein Zuhause.

Es ist seine Welt.

Warum dieses Buch geblieben ist

Novecento erzählt zunächst von einem Menschen, der etwas nicht tut.

Er geht nicht von Bord.

Das könnte wie Angst erscheinen. Wie Vermeidung. Vielleicht sogar wie ein ungelebtes Leben.

Aber Baricco macht diese einfache Deutung zunehmend schwieriger.

Denn Novecento wirkt auf dem Schiff keineswegs unfrei. Dort besitzt er eine außergewöhnliche Sicherheit. Er kennt seine Welt, seine Musik und die Menschen, die durch sie hindurchziehen.

Die große Welt an Land verspricht ihm dagegen etwas, das gewöhnlich mit Freiheit verbunden wird: unendlich viele Möglichkeiten.

Gerade diese Unendlichkeit wird für ihn zum Problem.

Auf einem Klavier gibt es eine begrenzte Zahl von Tasten. Innerhalb dieser Grenze kann Novecento unendlich viel Musik erschaffen.

Die Welt an Land scheint dagegen keine erkennbare Begrenzung zu besitzen.

Damit stellt Baricco eine ungewöhnliche Frage:

Braucht Freiheit möglichst viele Möglichkeiten – oder braucht sie manchmal eine Grenze, innerhalb derer ein Mensch überhaupt handeln kann?

Psychologische Lesespur

Eine psychologische Lesespur führt über Sicherheit, Begrenzung und Selbstbestimmung.

Von außen lässt sich Novecentos Leben leicht als Mangel beschreiben.

Er kennt keine gewöhnliche Herkunft. Er besitzt keinen festen Platz an Land. Er gründet keine Familie, baut kein Haus, verfolgt keine Karriere und erfüllt kaum eine der biografischen Bewegungen, mit denen ein gelungenes Leben gewöhnlich beschrieben wird.

Und dennoch besitzt sein Leben eine eigene Ordnung.

Das Schiff begrenzt seine Welt – aber diese Begrenzung gibt ihr zugleich Kontur.

Interessant wird deshalb die Frage, wann eine Grenze zum Gefängnis wird und wann sie einem Menschen Halt gibt.

Novecentos Entscheidung lässt sich dabei nicht eindeutig psychologisch auflösen. Sie kann als Angst vor dem Unbekannten gelesen werden. Aber ebenso als radikale Entscheidung für die einzige Lebensform, die sich für ihn wirklich als seine eigene anfühlt.

Gerade diese Uneindeutigkeit sollte bleiben.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Novecento macht sichtbar, wie selbstverständlich wir bestimmte Bewegungen mit Leben verbinden.

Aufbrechen.

Mehr erleben.

Möglichkeiten nutzen.

Die eigene Welt vergrößern.

Wer stehen bleibt, scheint dagegen etwas zu verpassen.

Baricco dreht diese Vorstellung um.

Vielleicht besteht ein eigenes Leben nicht darin, möglichst viele Möglichkeiten auszuschöpfen.

Vielleicht besteht es manchmal darin, herauszufinden, welche Möglichkeiten überhaupt die eigenen sind.

Das macht Novecentos Entscheidung weder richtig noch falsch.

Denn die Frage bleibt bestehen, ob seine Begrenzung gewählt oder notwendig ist. Ob das Schiff ihm Freiheit ermöglicht oder ihn vor einer Welt schützt, die ihm zu groß geworden ist.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Melancholie dieses kleinen Buches:

Novecento kennt die Welt.

Er hat unzählige Menschen gesehen, ihre Geschichten gehört und ihre Bewegungen in Musik verwandelt.

Nur betreten möchte er sie nicht.

Lesespuren

Dieses Buch ist eine Erzählung über:

Leise Lebensformen
über ein Leben, das sich nicht an den üblichen Vorstellungen von Entwicklung und Erfolg orientiert.

Außenseitertum
über einen Menschen, der buchstäblich außerhalb der gewöhnlichen gesellschaftlichen Welt lebt.

Freiheit
über die Frage, ob Freiheit aus unbegrenzten Möglichkeiten oder aus einer selbst gewählten Begrenzung entsteht.

Herkunft
über einen Menschen ohne gewöhnliche Herkunftsgeschichte, der seinen Platz dennoch findet.

Möglichkeit
über das Versprechen und die Überforderung einer Welt, in der scheinbar alles offensteht.

Musik
über eine Ausdrucksform, in der Novecento die Welt betreten kann, ohne das Schiff verlassen zu müssen.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, ob ein gelungenes Leben wirklich möglichst viele Möglichkeiten braucht, könnten von hier weitere Lesespuren führen:

Die Wand — Marlen Haushofer
Zeigt ein radikal begrenztes Leben, in dem gerade durch die Reduktion eine neue Form von Alltag und Bedeutung entsteht.

Stoner — John Williams
Erzählt von einem äußerlich unspektakulären Leben und der Frage, nach welchen Maßstäben ein Leben eigentlich gelungen ist.

Der alte Mann und das Meer — Ernest Hemingway
Verdichtet ein Leben auf wenige elementare Dinge und fragt nach Würde jenseits äußerer Erfolge.

Denkspur: Leise Lebensformen
Versammelt Bücher über Leben, deren Bedeutung nicht aus Größe, Status oder einer möglichst langen Liste verwirklichter Möglichkeiten entsteht.

Regal
9 – Lebensformen

Denkspuren
Leise Lebensformen · Außenseiter

Essays zu diesem Buch

– Die kleine Welt, in der man jemand ist
– Außenseiter und kleine Welten
– Grenzen und Unendlichkeit
– Der Trompeter und der Pianist – zwei Lebensmodelle

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