Alessandro Baricco - Novecento - Außenseiter und kleine Welten
Es gibt Menschen, die in großen Welten leben.
Und es gibt Menschen, die kleine Welten brauchen.
In Alessandro Bariccos Novecento lebt ein Mann sein ganzes Leben auf einem Schiff. Während tausende Menschen nach Amerika auswandern, neue Städte sehen, neue Leben beginnen, bleibt er zwischen Deck, Maschinenraum und Salon. Für die meisten Menschen wäre das ein zu kleines Leben. Für ihn ist es groß genug.
Vielleicht liegt darin ein Missverständnis:
Wir glauben oft, ein großes Leben brauche eine große Welt.
Aber wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass viele Menschen nicht an der Größe der Welt scheitern, sondern an ihrer Unüberschaubarkeit. In einer großen Welt ist man leicht austauschbar. In einer kleinen Welt hat man einen Platz, einen Namen, eine Geschichte.
Außenseiter sind oft nicht deshalb Außenseiter, weil sie nicht dazugehören wollen, sondern weil sie in den großen, schnellen, lauten Welten keinen Platz finden. Sie funktionieren nicht gut in großen Systemen, großen Gruppen, großen Erwartungen. Aber in kleinen Welten funktionieren sie oft sehr gut.
Das können sehr unterschiedliche kleine Welten sein:
eine Werkstatt, ein Bauernhof, eine Bibliothek, ein Schiff, ein Garten, ein Labor, ein Atelier, ein Klassenzimmer, ein Verein, ein Haus mit Kindern, ein Schreibtisch mit Büchern.
Von außen sehen solche Leben oft unspektakulär aus.
Aber innen können sie sehr reich sein.
Novecentos Schiff ist eine solche kleine Welt. Dort ist er nicht irgendein Mann, sondern der Pianist. Die Menschen kommen seinetwegen in den Saal, hören ihm zu, erinnern sich an ihn. Auf diesem Schiff ist er nicht austauschbar. An Land wäre er nur einer unter Millionen.
Vielleicht ist das ein Gedanke, den man nicht nur auf Literaturfiguren anwenden kann. Auch im wirklichen Leben suchen viele Menschen nicht die große Welt, sondern eine Welt, in der sie jemand sind. Eine Welt, die überschaubar ist. Eine Welt, in der man gebraucht wird, in der man Spuren hinterlässt, in der man nicht ständig ersetzt werden kann.
Vielleicht besteht ein gutes Leben nicht darin, möglichst viele Orte zu sehen, möglichst viele Möglichkeiten zu haben oder möglichst viel zu erreichen. Vielleicht besteht ein gutes Leben manchmal einfach darin, eine Welt zu finden, die groß genug für das eigene Leben und klein genug für das eigene Herz ist.
Novecento verlässt das Schiff nie.
Aber vielleicht hat er etwas verstanden, das viele Menschen erst sehr spät verstehen:
Dass man nicht die ganze Welt braucht, um ein ganzes Leben zu leben.
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📂 Einordnung im Regal
2 – Ich und die Welt
📚 Dieser Beitrag gehört zur Reihe: Novecento – Alessandro Baricco
Weitere Beiträge zu diesem Thema:
– Die kleine Welt, in der man jemand ist
– Grenzen und Unendlichkeit
– Der Trompeter und der Pianist – zwei Lebensmodelle
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