Wenn Stärke zur Pflicht wird
Stärke gehört zu den Eigenschaften, die wir selten hinterfragen. Wir bewundern Menschen, die viel tragen können, die auch dann noch funktionieren, wenn es schwierig wird, die Lösungen finden, Verantwortung übernehmen, organisieren, durchhalten und weitermachen. Menschen, von denen man sagt: Auf sie ist Verlass.
Von außen sieht das nach Stärke aus. Vielleicht ist es das auch.
Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage: Ist Stärke noch eine Stärke, wenn man keine andere Wahl hat?
Es gibt Menschen, die früh lernen, dass ihr eigenes Brauchen keinen besonders sicheren Ort hat. Nicht unbedingt, weil niemand sie liebt. Nicht einmal unbedingt, weil sie vollkommen auf sich allein gestellt wären. Manchmal ist die Wirklichkeit viel widersprüchlicher.
Da ist Zuwendung, aber sie ist an Erwartungen gebunden. Da ist Versorgung, aber wenig Raum für die eigenen Gefühle. Da ist Anerkennung, besonders dann, wenn ein Kind vernünftig, unkompliziert, angepasst oder erstaunlich selbstständig ist.
Psychologisch kann sich darin emotionale Vernachlässigung zeigen. Sie bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Kind materiell unversorgt oder offensichtlich ungeliebt ist. Auch ein versorgtes Kind kann mit wesentlichen Gefühlen und Bedürfnissen alleinbleiben. Entscheidend ist dabei vielleicht weniger, ob grundsätzlich Hilfe vorhanden wäre, sondern welche Erfahrung ein Kind mit seinem eigenen Brauchen macht. Wird es damit gesehen? Darf es abhängig, überfordert oder trostbedürftig sein? Oder erlebt es Beziehung vor allem dann als sicher, wenn es wenig verlangt?
Dann beginnt Stärke nicht unbedingt mit dem Wunsch, stark zu sein. Sie kann mit der Erfahrung beginnen, dass Selbstständigkeit verlässlicher erscheint als Abhängigkeit.
Ein Kind kann daraus etwas lernen, das ihm zunächst tatsächlich hilft: Ich komme zurecht.
Das Problem beginnt vielleicht erst später, wenn aus Ich komme zurecht unmerklich Ich muss zurechtkommen wird. Und irgendwann: Ich darf niemanden brauchen.
Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied und ein gewaltiger psychischer. Denn Selbstständigkeit ist etwas anderes als die Überzeugung, auf sich allein gestellt zu sein. Resilienz ist etwas anderes als permanentes Durchhalten. Und Stärke ist etwas anderes als die Unfähigkeit, sich fallen zu lassen.
Wenn Kinder zu früh stark werden
Manche Kinder entwickeln unter solchen Bedingungen eine erstaunliche Pseudoreife. Wo Erwachsene Verantwortung nicht zuverlässig übernehmen können oder ein Kind emotional zu viel mittragen muss, können parentifizierende Strukturen entstehen. Das Kind wird früher vernünftig, verantwortlich oder fürsorglich, als es seiner eigentlichen Entwicklungsposition entspricht.
Es wirkt stark. Aber ein Teil dieser Stärke ist geliehenes Erwachsenenalter.
In Familien entstehen solche Rollen nicht im luftleeren Raum. Oft bekommen sie eine Funktion innerhalb des gesamten Gefüges. Das vernünftige Kind macht wenig Sorgen, das verantwortliche übernimmt, was liegenbleibt, das aufmerksame bemerkt Spannungen früh und das fürsorgliche versucht vielleicht auszugleichen, was andere nicht auffangen können.
Stärke wird damit nicht nur zu einer persönlichen Eigenschaft. Sie kann zu einer Rolle innerhalb eines Beziehungssystems werden.
Und solche Rollen können weitergegeben werden, ohne dass jemals ausdrücklich gesagt werden müsste: Du musst stark sein. Die Weitergabe geschieht oft viel leiser – durch Vorbilder, Erwartungen und das, was innerhalb einer Familie so selbstverständlich geworden ist, dass niemand mehr danach fragt.
Wer trägt, wenn es schwierig wird? Wer hält zusammen? Wer darf ausfallen? Wer sorgt dafür, dass es weitergeht?
Gerade entlang weiblicher Linien kann Stärke so gleichzeitig bewundert und vorausgesetzt werden. Eine Tochter erlebt vielleicht eine Mutter, die selbstverständlich trägt, organisiert, auffängt und weitermacht. Diese Mutter wiederum kann mit einer ähnlichen Vorstellung davon aufgewachsen sein, was von ihr erwartet wird. Nicht jede dieser Frauen wird ihre Stärke als Last erleben, und nicht jede starke Frau hat ihre Stärke aus Belastung entwickelt. Trotzdem kann sich über Generationen eine Vorstellung davon weitertragen, was eine Frau aushalten und bewältigen können sollte.
Das macht die Stärke selbst nicht weniger wirklich. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Krisen auszuhalten, Lösungen zu finden und für andere da zu sein, bleibt eine Fähigkeit. Man sollte sie niemandem nachträglich wegdiagnostizieren.
Die entscheidende Frage liegt deshalb an einer anderen Stelle: Darf diejenige, die stark sein kann, auch einmal nicht stark sein?
Wenn Funktionieren Sicherheit schafft
Menschen, die früh funktionieren mussten, entwickeln oft beeindruckende Fähigkeiten. Sie beobachten genau, erkennen Stimmungen schnell, übernehmen Verantwortung, planen voraus, finden Lösungen und halten Krisen aus.
Psychologisch können solche Fähigkeiten auch als Coping-Strategien verstanden werden: als Verhaltensweisen und innere Strategien, mit denen ein Mensch Belastungen bewältigt. Organisieren, vorausdenken, kontrollieren und selbstständig handeln können ausgesprochen wirksame Formen des Copings sein. Problematisch werden sie nicht dadurch, dass sie existieren, sondern dort, wo sie alternativlos werden.
Vielleicht war das aufmerksame Kind nicht einfach besonders empathisch, sondern musste früh wissen, wie die Stimmung im Raum war. Aus Aufmerksamkeit kann dann eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber Stimmungen, Veränderungen und möglichen Gefahren werden.
Vielleicht war das selbstständige Kind nicht einfach ungewöhnlich reif, sondern hatte gelernt, dass es sicherer war, möglichst wenig zu brauchen. Und vielleicht erscheint der erwachsene Mensch, der scheinbar alles allein bewältigt, nicht deshalb so unabhängig, weil er niemanden möchte. Vielleicht hat er irgendwann gelernt, dass Brauchen riskanter ist als Selbermachen.
Was zunächst wie eine Sammlung einzelner Eigenschaften aussieht – Wachsamkeit, Kontrolle, Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft –, kann deshalb psychologisch als zusammenhängende Schutzorganisation verstanden werden. Wer Stimmungen früh erkennt, kann reagieren. Wer vorausdenkt, wird weniger überrascht. Wer Verantwortung übernimmt, bleibt handlungsfähig. Wer wenig braucht, macht sich weniger abhängig.
Die einzelnen Strategien unterscheiden sich, aber sie können derselben inneren Logik folgen: Sicherheit entsteht durch eigenes Funktionieren.
Auch Kontrolle bekommt unter diesem Blick eine andere Bedeutung. Sie muss nicht immer der Versuch sein, andere Menschen zu beherrschen. Sie kann ein Copingmechanismus gegen das eigene Gefühl von Ausgeliefertsein sein. Wenn ich vorausdenke, kann mich weniger überraschen. Wenn ich alles selbst mache, kann mich niemand im entscheidenden Moment hängenlassen. Wenn ich nichts brauche, kann niemand mein Brauchen gegen mich verwenden.
So entsteht aus Unsicherheit Handlungsfähigkeit.
Das Schwierige daran ist, dass diese Form von Stärke funktioniert. Gerade deshalb kann sie Jahrzehnte bestehen. Wer immer wieder aufsteht, bekommt bestätigt, dass er aufstehen kann. Wer Probleme löst, bekommt neue Probleme zum Lösen. Und wer zuverlässig trägt, dem wird weiteres Gewicht gereicht.
Wenn aus Stärke Identität wird
Was oft genug funktioniert, bleibt irgendwann nicht mehr nur eine Strategie. Es kann Teil des Selbstbildes werden.
Aus Ich kann Verantwortung übernehmen wird Ich bin die Verantwortliche. Aus Ich kann allein zurechtkommen wird Ich bin unabhängig. Und aus Ich kann viel tragen wird irgendwann Ich bin die Starke.
Damit verändert sich etwas. Eine Fähigkeit, die ursprünglich vielleicht half, mit einer bestimmten Wirklichkeit zurechtzukommen, wird zur Rolle. Und Rollen werden nicht nur von innen aufrechterhalten. Auch andere Menschen gewöhnen sich an sie.
Du bist doch die Starke.
Was zunächst wie ein Kompliment klingt, kann dadurch zu einer Verpflichtung werden. Denn wo darf die Starke müde sein? Wo darf die Vernünftige einmal unvernünftig sein? Wo darf diejenige, die immer eine Lösung findet, sagen: Ich weiß es nicht?
Und vor allem: Wo darf ein Mensch, der gelernt hat, niemanden zu brauchen, irgendwann sagen: Ich möchte trotzdem gehalten werden?
An dieser Stelle berührt Stärke das, was in der Psychologie als False Self beschrieben wird: eine Anpassungsstruktur, in der bestimmte Seiten des Selbst besonders stark entwickelt oder gezeigt werden, weil sie Beziehung, Anerkennung oder Sicherheit ermöglichen.
Das bedeutet nicht, dass die starke Person "falsch" ist. Ihre Stärke ist wirklich, ihre Selbstständigkeit ist wirklich, ihre Kompetenz ist wirklich. Aber sie sind möglicherweise nicht die ganze Person.
Daneben existieren vielleicht andere Anteile: müde, verletzlich, abhängig, zärtlich, wütend, verspielt oder schlicht bedürftig. Anteile, die weniger Platz bekommen haben, weil andere Seiten leichter willkommen waren.
Vielleicht liegt eine der schwierigsten Fragen deshalb gar nicht darin, wie ein Mensch stärker werden kann. Sondern darin: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr ausschließlich diejenige sein muss, die alles kann?
Resilienz ist nicht Unverwundbarkeit
Vielleicht liegt genau hier auch ein Missverständnis über Resilienz. Resilienz bedeutet nicht, unverwundbar zu werden, und sie bedeutet auch nicht, alles ertragen zu können. Ein Mensch ist nicht umso gesünder, je mehr Belastung er aushält.
Resilienz bezeichnet vielmehr die Fähigkeit, unter Belastungen psychisch handlungsfähig zu bleiben oder nach Krisen wieder Stabilität zu entwickeln. Doch selbst Resilienz kann von außen romantisiert werden.
Denn hinter einem Menschen, von dem alle sagen, er habe "unglaublich viel geschafft", kann auch die viel unbequemere Frage stehen: Warum musste dieser Mensch überhaupt so viel schaffen? Und was hat ihn seine Anpassungsfähigkeit gekostet?
Manchmal zeigt sich Entwicklung deshalb gerade darin, etwas nicht mehr auszuhalten. Eine Grenze zu ziehen, eine Aufgabe zurückzugeben, nicht sofort eine Lösung zu suchen, nicht jeden Konflikt zu reparieren und nicht jede Beziehung um jeden Preis zusammenzuhalten.
Entwicklung müsste dann nicht bedeuten, die eigene Stärke abzulegen. Vielleicht geht es vielmehr darum, ihren Zwangscharakter zu verlieren.
Wer Verantwortung übernehmen kann, kann eine Aufgabe auch zurückgeben. Wer allein zurechtkommen kann, kann trotzdem Unterstützung annehmen. Und wer durchhalten kann, kann entscheiden, dass etwas nicht länger ausgehalten werden soll.
Psychologisch verschiebt sich damit etwas von reiner Bewältigung hin zu Abgrenzungsfähigkeit und Ich-Stärke. Ich-Stärke bedeutet dann nicht, sich immer durchzusetzen. Sie bedeutet, wahrnehmen zu können, was zu einem selbst gehört und was nicht; eigene Bedürfnisse und Grenzen erkennen zu können, ohne deshalb die Wirklichkeit des anderen auslöschen zu müssen.
Ein Mensch kann Nein sagen, ohne kämpfen zu müssen. Und er kann jemanden lieben, ohne deshalb alles tragen zu müssen, was dieser Mensch ihm hinlegt.
Wenn Stärke wieder Wahl wird
Vielleicht verändert sich an diesem Punkt die Bedeutung von Stärke.
Am Anfang kann sie bedeuten: Ich halte durch. Später vielleicht: Ich wehre mich. Und irgendwann: Ich entscheide.
Diese letzte Form ist leiser. Sie braucht nicht unbedingt Kampf und muss niemandem beweisen, wie belastbar sie ist. Sie kann gehen, ohne zu fliehen, bleiben, ohne sich anzupassen, und Nähe zulassen, ohne sich selbst dafür aufzugeben.
Vielleicht zeigt sich diese Veränderung besonders deutlich in Beziehungen. Wer Sicherheit lange darüber hergestellt hat, möglichst wenig zu brauchen, muss Nähe auf eine neue Weise lernen. Denn Nähe bedeutet immer auch, einem anderen Menschen zu zeigen, dass etwas von ihm gewünscht oder gebraucht wird.
Unterstützung anzunehmen verlangt deshalb eine andere Form von Stärke als Durchhalten. Nicht die Sicherheit, niemanden zu brauchen, sondern die Fähigkeit, ein Bedürfnis wahrzunehmen, es auszusprechen und trotzdem bei sich zu bleiben.
Die alten Schutzstrategien müssen dafür nicht abgewertet werden. Was einen Menschen einmal geschützt hat, war nicht sinnlos, nur weil es später zu eng wird. Die Fähigkeit zu überleben bleibt. Aber sie kann ergänzt werden durch die Fähigkeit zu wählen.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen Überlebensstärke und erwachsener Stärke.
Überlebensstärke sagt: Ich kann das allein. Erwachsene Stärke kann sagen: Ich könnte es allein. Aber ich muss nicht.
Überlebensstärke sagt: Ich halte das aus. Erwachsene Stärke fragt: Warum sollte ich das aushalten?
Überlebensstärke sagt: Ich brauche nichts. Erwachsene Stärke darf sagen: Doch. Ich brauche etwas. Und ich darf entscheiden, wem ich dieses Brauchen anvertraue.
Vielleicht erkennt man erwachsene Stärke deshalb nicht daran, dass ein Mensch niemals zusammenbricht. Vielleicht erkennt man sie daran, dass er nicht mehr sein gesamtes Leben darum organisieren muss, niemals zusammenbrechen zu dürfen.
Dann wäre Stärke nicht mehr die Fähigkeit, alles allein zu tragen, sondern die Freiheit, tragen zu können, ohne tragen zu müssen.
Denn Stärke wird vielleicht erst dort wirklich zur Freiheit, wo auch Schwäche erlaubt ist.
Psychologische Vertiefung
Family Therapy in Clinical Practice — Murray Bowen
Familie und individuelle Entwicklung — Donald W. Winnicott
Bindung — John Bowlby
Sprache ohne Worte — Peter A. Levine
Einordnung im P-System
P0 – Ursprung / Bindung ·
P1 – Selbst / Identität ·
P2 –
Herkunft / Familie / Systeme ·
P4 – Trauma / Schutz / Überleben ·
P5 – Entwicklung / Individuation ·
P6 – Beziehung / Nähe /
Zärtlichkeit
Denkspur
Verwandte Buchseiten
Die Bagage — Monika Helfer · Pachinko — Min Jin Lee · Menschenkind — Toni Morrison
Verwandte Essays
Weitere Essays folgen.
Zur Übersicht
Starke Frauenlinien · Essay-Archiv