Wenn die Welt nur auf Leistung antwortet
Wenn die Welt nur auf Leistung antwortet
Manche Menschen scheinen früh zu wissen, wie man in der Welt ist. Sie betreten einen Raum, sprechen mit anderen, finden ihren Platz und bewegen sich darin, als gäbe es eine selbstverständliche Übereinkunft darüber, wer sie dort sind.
Andere beobachten genauer. Sie schauen, wie die anderen sprechen, wann sie lachen, was von ihnen erwartet wird und welche Antwort auf welches Verhalten folgt. Nicht unbedingt aus Unsicherheit. Vielleicht zunächst einfach deshalb, weil die Regeln nicht selbstverständlich erscheinen.
In Sayaka Muratas Roman Die Ladenhüterin findet Keiko Furukura einen Ort, an dem dieses Problem beinahe vollständig verschwindet: den Konbini. Dort gibt es eine Uniform, vorgeschriebene Begrüßungen, Bewegungsabläufe, Aufgaben und Erwartungen. Keiko beobachtet ihre Kollegen, übernimmt ihre Sprache und lernt, wie eine Mitarbeiterin dieses Ladens zu klingen und sich zu bewegen hat.
Der Konbini verlangt nicht von ihr, herauszufinden, wer sie im tiefsten Inneren ist. Er gibt ihr etwas viel Einfacheres: eine Position. Sobald Keiko ihre Uniform trägt und ihre Schicht beginnt, ist klar, warum sie dort ist. Ein Kunde betritt den Laden und wird begrüßt, Ware fehlt und wird aufgefüllt, eine Aufgabe folgt auf die nächste. Für einige Stunden ist vollkommen eindeutig, wer Keiko für die anderen Menschen in diesem Raum ist.
Vielleicht liegt darin eine der eigentümlichen Sicherheiten gesellschaftlicher Rollen. Sie erklären nicht, wer ein Mensch ist, aber sie machen ihn lesbar.
Schülerin, Studentin, Mutter, Angestellte, Ärztin, Verkäuferin, Rentner oder Vereinsmitglied sind keine vollständigen Beschreibungen eines Menschen. Solche Rollen können eng sein. Sie können Erwartungen erzeugen, gegen die ein Mensch sich wehren muss, und ihn auf etwas reduzieren, das nur einen Teil seines Lebens ausmacht. Trotzdem geben sie einem Platz innerhalb einer gemeinsamen Ordnung einen Namen.
Nur werden diese Rollen nicht gleich gelesen.
Bei Erwerbsarbeit scheint die Sache vergleichsweise eindeutig. Jemand arbeitet acht Stunden, löst Aufgaben, übernimmt Verantwortung und bekommt dafür Geld. Es gibt Arbeitszeiten, Berufsbezeichnungen, Kollegen, Ergebnisse und irgendwann vielleicht eine Pension. Die Tätigkeit besitzt einen gesellschaftlich verständlichen Rahmen.
Auch Care-Arbeit hat Aufgaben, Verantwortung und Zeiten. Nur endet die Arbeitszeit nicht zuverlässig, die Aufgaben wiederholen sich, und vieles von dem, was gelingt, besteht gerade darin, dass nichts Besonderes geschieht.
Das Kind hat gegessen. Die Kleidung ist sauber. Der Arzttermin wurde vereinbart. Die Schultasche ist vollständig. Jemand hat daran gedacht, dass morgen Turnen ist. Ein Streit wurde begleitet, eine Angst ausgehalten, ein Geburtstag organisiert, Essen geplant, eingekauft und gekocht. Irgendjemand weiß, wann neue Schuhe gebraucht werden und welches Kind gerade mit wem zerstritten ist.
Am nächsten Morgen beginnt vieles davon wieder von vorn.
Es ist Arbeit, deren Ergebnis häufig darin besteht, dass Alltag möglich bleibt.
Vielleicht ist genau das ein Grund, warum sie so leicht unsichtbar wird.
Niemand betritt morgens die Küche und sagt: Deine Schicht beginnt jetzt. Es gibt keine Uniform, keine Stellenbeschreibung und selten jemanden, der am Ende des Tages bestätigt, welche Aufgaben erledigt wurden. Vieles wird überhaupt erst sichtbar, wenn es nicht getan wird.
Die gesellschaftliche Rolle "Mutter" ist dabei durchaus lesbar. Fast zu gut sogar. Jeder scheint ungefähr zu wissen, was eine Mutter tun sollte. Sie soll sich kümmern, verfügbar sein, Termine kennen, Bedürfnisse wahrnehmen und möglichst dafür sorgen, dass das Familienleben funktioniert.
Merkwürdig wird es erst bei der Frage, was diese Frau eigentlich macht.
"Ich bin Mutter" beantwortet sie gesellschaftlich nicht auf dieselbe Weise wie "Ich bin Ärztin", "Ich bin Verkäuferin" oder "Ich bin Lehrerin". Die erste Antwort beschreibt eine Beziehung. Die anderen beschreiben zusätzlich eine anerkannte Tätigkeit.
Dabei kann Mutterschaft einen Alltag vollständig organisieren.
Gerade mit kleinen Kindern gibt es kaum einen Bereich, der nicht von ihr berührt wird. Schlaf, Essen, Wege, Termine, Krankheiten, Kleidung, Betreuung, emotionale Begleitung und die unzähligen kleinen Entscheidungen dazwischen strukturieren Tage und Nächte. Es wird geplant, getragen, erinnert, beruhigt, entschieden, improvisiert und wieder von vorn begonnen.
Und trotzdem kann eine Frau mitten in dieser Arbeit das eigentümliche Gefühl bekommen, aus der Welt derjenigen verschwunden zu sein, die etwas tun.
Vielleicht liegt darin ein besonderer Widerspruch unbezahlter Care-Arbeit: Sie kann einen Menschen vollständig beanspruchen und ihm gleichzeitig nur wenig von jener Resonanz geben, die bezahlte Arbeit beinahe nebenbei erzeugt.
Denn Erwerbsarbeit antwortet.
Eine Aufgabe wird gestellt und erledigt. Jemand braucht das Ergebnis. Eine Kollegin fragt nach etwas. Ein Problem wird gelöst. Geld landet auf einem Konto. Es gibt Rückmeldungen, Zuständigkeiten und sichtbare Folgen.
Care-Arbeit antwortet anders.
Ein kleines Kind sagt selten: Danke, dass du seit drei Tagen meinen Tagesablauf um meine Krankheit herum organisierst. Es wird gesund und rennt wieder los.
Das ist das Ergebnis.
Vielleicht ist diese Form der Arbeit deshalb emotional so eigenartig. Man kann ununterbrochen gebraucht werden und sich trotzdem gesellschaftlich kaum gesehen fühlen.
Gebrauchtwerden und Gesehenwerden sind nicht dasselbe.
Das eine kann sogar das andere verdecken.
Solange Kinder klein sind, gibt es wenigstens eine eindeutige Antwort auf die Frage, warum so viel Zeit im Privaten stattfindet. Die Kinder brauchen Betreuung. Die Tage sind voll, manchmal übervoll. Die Rolle ist eng, aber sie besitzt eine offensichtliche Aufgabe.
Dann werden die Kinder größer.
Sie ziehen sich selbst an, gehen zur Schule, treffen Freunde, fahren irgendwann allein irgendwohin. Sie brauchen weiterhin Eltern, aber nicht mehr in jeder Stunde und für jeden Handgriff.
Und plötzlich verändert sich etwas.
Nicht nur die Arbeit wird weniger.
Auch eine Rolle, die jahrelang beinahe den gesamten Alltag strukturiert hat, verliert ihre Eindeutigkeit.
Es entsteht Zeit.
Nur entsteht daraus nicht automatisch eine neue Position.
Vielleicht wird an dieser Stelle besonders sichtbar, wie sehr ein Mensch sich daran gewöhnen kann, sich über Antworten der Welt zu erfahren.
Wenn ich nicht selbstverständlich gespiegelt werde, mache ich etwas, worauf die Welt reagieren muss.
Leistung ist dafür eine sehr zuverlässige Möglichkeit. Man tut etwas, jemand braucht es, etwas kommt zurück. So entstehen Sätze über die eigene Person: Ich bin die, die das kann. Ich bin die, die eine Lösung findet, Verantwortung übernimmt, durchhält und funktioniert.
Aber vielleicht hat auch Mutterschaft über Jahre auf ihre eigene Weise eine solche Antwort gegeben.
Nicht unbedingt durch Anerkennung.
Durch Notwendigkeit.
Jemand braucht mich.
Also weiß ich, warum ich hier bin.
Das ist nicht dasselbe wie die gesellschaftliche Resonanz eines Berufs. Aber auch Notwendigkeit kann einem Leben Kontur geben.
Wenn Kinder selbstständiger werden, kann deshalb etwas verschwinden, das mit der viel beschworenen "neuen Freiheit" kaum erfasst wird. Die Frau gewinnt Zeit und verliert gleichzeitig einen Teil jener unmittelbaren Notwendigkeit, die ihre Tage über Jahre strukturiert hat.
Von außen sieht das nach Entlastung aus.
Für sie selbst kann zunächst eine Leerstelle entstehen.
Was willst du?
Was interessiert dich?
Wo möchtest du sein?
Was möchtest du tun, wenn niemand in diesem Augenblick etwas von dir braucht?
Für solche Fragen gibt es kein Handbuch.
Keiko Furukura findet für diese Unsicherheit eine radikale Lösung. Sie liest eines.
Wenn die große Welt ihr keine eindeutige Position gibt, wählt sie einen kleinen Ausschnitt dieser Welt, dessen Regeln sich lernen lassen. Der Konbini sagt ihr nicht, wer Keiko Furukura ist. Aber er kann ihr jederzeit sagen, was eine gute Konbini-Mitarbeiterin jetzt tun würde.
Vielleicht liegt genau darin die Entlastung. Das Handbuch verspricht keine Wahrheit, sondern Orientierung. Solange Keiko im Laden steht, gibt es zwischen ihr und der Welt eine verständliche Beziehung.
Mutterschaft besitzt ebenfalls unzählige Regeln, nur stehen sie nirgendwo vollständig geschrieben. Vieles muss täglich neu ausgehandelt werden, und die Anforderungen verändern sich ausgerechnet dann, wenn man gelernt hat, mit ihnen umzugehen.
Das Baby wird zum Kleinkind, das Kleinkind zum Schulkind, das Schulkind irgendwann zu einem Jugendlichen. Eine Arbeit, die jahrelang darin bestand, gebraucht zu werden, enthält bereits ihr eigenes Verschwinden: Wenn vieles gutgeht, werden die Menschen, um die man sich kümmert, einen immer weniger brauchen.
Vielleicht gehört das zu den merkwürdigsten Eigenschaften von Care-Arbeit.
Ihr Erfolg macht einen Teil ihrer eigenen Arbeit überflüssig.
Und dann?
Vielleicht ist deshalb die Frage "Wer bin ich?" manchmal zu groß. Vielleicht beginnt etwas viel Alltäglicheres davor:
Als wer kann ich in dieser Welt überhaupt vorkommen?
Nicht nur als diejenige, die gebraucht wird.
Nicht nur als diejenige, die funktioniert.
Und auch nicht erst dann, wenn eine Tätigkeit bezahlt wird und dadurch plötzlich als Leistung lesbar wird.
Vielleicht braucht ein Mensch dafür Kontaktflächen: Orte, an denen es einen Unterschied macht, ob er auftaucht, Menschen, die etwas von ihm kennen, und etwas, das von ihm ausgeht und nicht bei ihm endet.
Das kann Erwerbsarbeit sein. Es kann aber auch ein Text sein, der gelesen wird, ein Gespräch, das fortgesetzt wird, eine Aufgabe, die freiwillig übernommen wurde, oder ein Ort, an dem man oft genug erscheint, dass irgendwann jemand sagt: "Da bist du ja."
Solche Antworten sind unscheinbar. Sie stehen auf keiner Visitenkarte und erscheinen auf keiner Gehaltsabrechnung. Vielleicht können sie trotzdem langsam etwas herstellen, das zwischen jahrelangem Gebrauchtwerden und einer neu entstehenden Freiheit leicht verloren gehen kann: einen Zusammenhang zwischen einem Menschen und seiner Welt.
Denn vielleicht fehlt einer Frau nicht die Bereitschaft zu leisten. Vielleicht hat sie jahrelang geleistet, nur in einer Form, für die es weder Gehalt noch Feierabend noch eine angemessene Sprache gab.
Und vielleicht beginnt die eigentliche Frage erst dann, wenn diese Arbeit langsam weniger wird.
Nicht: Was soll sie jetzt mit all der freien Zeit anfangen?

Bild: Honoré Daumier: Die Wäscherin (The Laundress), ca. 1863. Öl auf Holz. The Metropolitan Museum of Art, New York. Public Domain / Wikimedia Commons.
Sondern:
Wer antwortet ihr, wenn sie nicht mehr ständig gebraucht wird?
Vielleicht fehlt einem Menschen manchmal nicht der Platz in der Welt.
Vielleicht fehlt der gesellschaftlich anerkannte Name für den Platz, an dem er längst steht.
Regal
Denkspur
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