Es fehlt das Gegenüber
Es gibt Zeiten, in denen die Frage "Wer bin ich?" erstaunlich leicht zu beantworten ist.
Nicht unbedingt, weil ein Mensch sich selbst besonders gut kennt. Sondern weil die Welt ständig Antworten liefert.
Jemand erwartet ihn morgens. Eine Aufgabe muss erledigt werden. Kollegen fragen nach etwas. Ein Gespräch gelingt oder misslingt. Eine Entscheidung hat Folgen. Man wird gebraucht, übersehen, gelobt, kritisiert, vermisst oder zur Weißglut gebracht.

Bild: Mary Cassatt: The Loge, ca. 1878–1880. National Gallery of Art, Washington. CC0 / Public Domain, Wikimedia Commons.
All diese kleinen Reaktionen erzählen etwas darüber, wer man in der Welt ist.
Was aber geschieht, wenn diese Antworten ausbleiben?
Dann kann ein Mensch sehr viel Zeit mit sich selbst verbringen und sich trotzdem immer weniger deutlich erkennen.
Denn ein Selbst entsteht nicht nur in der Innenschau. Es erfährt Kontur an einem Gegenüber.
Vielleicht beginnt diese Erfahrung sehr früh.
Ein kleines Kind kann noch nicht sagen, wer es ist. Es begegnet sich zunächst in den Reaktionen anderer. Da ist jemand, der wiederkommt. Jemand erkennt sein Weinen, seine Freude, seine Eigenheiten. Wiederholung schafft Verlässlichkeit. Aus unzähligen kleinen Antworten entsteht langsam die Erfahrung, in einer Welt vorzukommen.
Aber nicht jede Kindheit stellt ein solches Gegenüber zuverlässig bereit.
Manchmal stehen am Anfang Brüche.
Eine Mutter, deren Alkoholabhängigkeit Verlässlichkeit schwierig macht. Eine Trennung im Alter von achtzehn Monaten. Das Leben bei einer Pflegemutter. Später die Rückkehr zur Mutter.
Für das Kind sind das zunächst keine Begriffe und keine Lebensgeschichte.
Es sind wechselnde Welten.
Und vielleicht entsteht darin eine Frage, lange bevor sie überhaupt in Sprache gefasst werden kann:
Woran erfahre ich, wer ich bin, wenn das Gegenüber nicht verlässlich antwortet?
Später kommen andere Gegenüber hinzu.
Schule kann eines davon sein. Freundschaften können es sein. Ausbildung, Beziehungen und schließlich Arbeit.
Besonders Erwerbsarbeit besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie antwortet ziemlich zuverlässig.
Man tut etwas, und etwas geschieht.
Eine Aufgabe wird gestellt und erledigt. Ein Problem wird gelöst. Verantwortung wird übertragen. Leistung wird sichtbar. Andere Menschen reagieren darauf. Selbst Konflikte sind eine Form von Antwort.
Vielleicht kann Leistung deshalb mehr sein als Ehrgeiz.
Sie kann eine Resonanzmaschine werden.
Wer etwas leistet, erzeugt eine Reaktion der Welt. Wer Verantwortung übernimmt, wird gebraucht. Wer sehr gut funktioniert, bekommt besonders viele Antworten darauf, dass er da ist.
Das bedeutet nicht, dass dieses Selbst falsch gewesen wäre.
Vielleicht war es im Gegenteil sehr wirklich.
Es hatte nur eine äußerst wirksame Möglichkeit gefunden, sich seiner eigenen Wirksamkeit zu vergewissern.
Wenn ich nicht selbstverständlich gespiegelt werde, mache ich etwas, worauf die Welt reagieren muss.
Ein solches System kann lange tragen.
Bis es das nicht mehr tut.
Ein Stroke kann dann weit mehr unterbrechen als einzelne Fähigkeiten oder einen beruflichen Weg. Er kann auch die vertrauten Möglichkeiten verändern, durch die ein Mensch sich bisher in der Welt erfahren hat.
Danach stellt sich schnell die Frage, ob hinter dem früheren Selbst vielleicht ein anderes verborgen lag.
Ein wahres Selbst hinter einem falschen.
Aber vielleicht führt diese Vorstellung in die falsche Richtung.
Vielleicht ist das frühere Selbst nicht verschwunden, weil es falsch war. Vielleicht fehlen nur die Bedingungen, unter denen es entstehen konnte.
Und vielleicht gibt es auch kein fertiges neues Selbst, das nach einem Bruch lediglich entdeckt werden müsste.
Vielleicht gibt es zunächst nur jemanden, der weiterlebt und noch nicht weiß, wie diese Person in der Welt sein wird.
In der Serie Manifest verschwinden die Passagiere eines Flugzeugs für Jahre. Für sie selbst ist kaum Zeit vergangen. Für die Menschen am Boden dagegen schon. Beziehungen haben sich verändert, Plätze wurden neu besetzt, Lebensgeschichten gingen weiter.
Die Verstörung beginnt deshalb nicht nur mit der Rückkehr.
Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass die Welt während der eigenen Abwesenheit nicht stehen geblieben ist.
Aber was, wenn man sich nach einem großen Bruch gar nicht wie jemand fühlt, der zurückgekehrt ist?
Was, wenn man eher das Gefühl hat, noch immer irgendwo zwischen Abflug und Landung zu sein?
Das frühere Leben liegt hinter einem. Die Welt darunter existiert weiterhin. Menschen arbeiten, treffen sich, fahren irgendwohin, werden erwartet, erzählen am Abend von ihrem Tag.
Nur der eigene Landeplatz ist nicht mehr selbstverständlich vorhanden.
Dann fehlt nicht nur Beschäftigung.
Es fehlt das Gegenüber.
Denn um herauszufinden, wer dieser Mensch nach dem Bruch geworden ist, müsste er irgendwo vorkommen können.
Er müsste etwas tun und eine Antwort erhalten.
Nicht unbedingt Anerkennung. Nicht einmal Zustimmung.
Widerspruch wäre eine Antwort.
Eine Frage wäre eine Antwort.
Jemand, der mit einem rechnet, wäre eine Antwort.
Sogar die beiläufige Erfahrung, an einem Ort oft genug aufzutauchen, dass jemand sagt "Da bist du ja", wäre eine Antwort.
Ohne solche Begegnungen entsteht eine merkwürdige Situation.
Man kann lesen, denken, schreiben und das eigene Leben sehr genau beobachten. Man kann Zusammenhänge erkennen, die früher unsichtbar waren. Man kann versuchen, sich selbst zu verstehen.
Aber die Beobachtung bleibt überwiegend auf einer Seite.
Die Welt antwortet nicht.
Ein Buchprojekt kann in einer solchen Zeit zu einem Fenster werden. Durch Literatur kommen andere Leben ins Haus. Gedanken verbinden sich mit Gedanken anderer Menschen. Texte entstehen. Etwas, das vorher diffus war, bekommt Sprache.
Das ist nicht nichts.
Vielleicht ist es sogar eine Möglichkeit, einen Faden zur Welt nicht vollständig abreißen zu lassen.
Aber auch ein geschriebener Text braucht irgendwann einen Leser.
Ein Gedanke braucht ein Gegenüber, wenn aus ihm Austausch werden soll.
Denn vielleicht lässt sich die Frage "Wer bin ich jetzt?" überhaupt nicht vollständig allein beantworten.
Nicht weil andere Menschen besser wüssten, wer man ist.
Sondern weil manches am eigenen Selbst erst sichtbar wird, wenn es auf etwas trifft, das nicht man selbst ist.
Vielleicht liegt genau darin die Schwierigkeit eines Lebens nach großen Brüchen.
Man sucht nach einem neuen Selbst und glaubt, es irgendwo im Inneren finden zu müssen.
Dabei wartet dort möglicherweise gar keine fertige Person.
Vielleicht entsteht sie erst wieder im Kontakt.
Durch Orte.
Durch Aufgaben.
Durch Menschen.
Durch etwas, das zurückkommt.
Und vielleicht lautet die Frage deshalb irgendwann nicht mehr:
Wer bin ich wirklich?
Sondern:
Wo kann ich wieder so in der Welt vorkommen, dass ich an ihrer Antwort erfahre, wer ich geworden bin?
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