Vom Versuch, ohne Spiegel erwachsen zu werden
Vielleicht beginnt es mit einer ganz gewöhnlichen Frage.
Wem sehe ich ähnlich?
Kinder suchen solche Ähnlichkeiten mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Die Nase kommt von der Mutter, sagt jemand. Die Hände eindeutig vom Großvater. Dieses Lachen habe schon die Tante gehabt. Später werden die Vergleiche komplizierter. Eine bestimmte Ungeduld, eine Begabung, die Art, sich zurückzuziehen, wenn etwas schwierig wird.
Familien erzählen einem Menschen auf diese Weise etwas über ihn selbst. Nicht unbedingt die Wahrheit und schon gar nicht die ganze Wahrheit. Aber sie stellen Spiegel auf.
Schau, das kennen wir an dir.
Du warst schon immer so.
Das mochtest du bereits als Kind.
Manchmal nerven solche Sätze, weil Menschen sich verändern und Familien besonders hartnäckig darin sein können, alte Versionen eines Menschen aufzubewahren. Trotzdem liegt darin etwas, das leicht übersehen wird: Ein Selbst entsteht nicht vollkommen allein.
Wir begegnen uns auch in den Reaktionen anderer.
Was aber geschieht, wenn einer der frühen Spiegel fehlt?
Der Mensch, in dessen Blick man nicht vorkam
Ein abwesender Vater hinterlässt nicht zwangsläufig ein Kind, das nicht weiß, wer es ist.
Dafür sind menschliche Beziehungen viel zu vielfältig. Eine Mutter kann sehen, Geschwister können sehen, Großeltern, Lehrer, Freunde und später viele andere Menschen. Manche Kinder wachsen mit einem fehlenden Vater und zugleich in einem dichten Netz aus Zugehörigkeit auf.
Und trotzdem kann die Frage nach diesem einen Blick bleiben.
Wer war ich für dich?
Vielleicht ist das eine der Fragen, die sich durch fast alle Texte dieser Denkspur gezogen hat. In der Wunde der nicht erhaltenen Bestätigung erschien sie als Hoffnung auf Anerkennung. Im Wunsch, gesehen zu werden, wurde sie elementarer. Bei Vätern, die nur über Leistung erreichbar sind, bekam sie eine Bedingung: Vielleicht siehst du mich, wenn ich etwas Besonderes leiste.
Nun lässt sich noch eine andere Frage stellen.
Was geschieht eigentlich mit dem eigenen Bild von sich selbst, wenn ein Mensch, in dessen Blick man selbstverständlich hätte vorkommen sollen, kaum zurückspiegelt?
Nicht: Was fehlt mir?
Sondern:
Wie finde ich heraus, wer ich bin?
Ein Kind sucht Antworten
Carl Rogers hat das Selbst nicht als etwas gedacht, das fertig im Menschen liegt und nur entdeckt werden müsste. In seinem Denken spielen Erfahrung und Beziehung eine entscheidende Rolle: Wie ein Mensch sich selbst erlebt und welches Bild er von sich entwickelt, entsteht nicht unabhängig davon, welche Erfahrungen in Beziehungen möglich werden.
Für Lesespuren ist daran weniger eine Theorie interessant als eine Lebensfrage.
Was lernt ein Kind über sich, wenn bestimmte Seiten von ihm willkommen sind und andere kaum Resonanz finden?
Vielleicht erlebt es, dass Leistung Aufmerksamkeit erzeugt, Bedürftigkeit dagegen weniger. Vielleicht wird Vernünftigkeit geschätzt, während Wut schwierig ist. Vielleicht bekommt es für Selbstständigkeit Anerkennung und merkt deshalb gar nicht, wie früh es aufgehört hat, um Hilfe zu bitten.
Nach und nach kann daraus ein Bild entstehen.
So bin ich.
Ich bin stark.
Ich brauche wenig.
Ich schaffe das allein.
Ich funktioniere.
Solche Sätze können stimmen. Ein Mensch kann tatsächlich stark, selbstständig und belastbar sein.
Nur lohnt sich manchmal eine zweite Frage:
Was durfte daneben noch entstehen?
Rogers' Gedanke der Kongruenz öffnet dafür einen interessanten Raum. Vereinfacht gesprochen geht es um die Möglichkeit, eigenes Erleben und das Bild von sich selbst nicht dauerhaft gegeneinander führen zu müssen.
Vielleicht liegt darin eine der Aufgaben des Erwachsenwerdens: nicht ein vollkommen neues Selbst zu erfinden, sondern nach und nach wahrnehmen zu dürfen, was im alten Selbstbild keinen Platz bekommen hat.
Der Spiegel muss antworten
Donald Winnicott führt noch näher an die frühe Beziehung heran.
Seine Gedanken über Entwicklung, über ein wahres und ein falsches Selbst und über die antwortende Umwelt lassen sich leicht zu schnell in Diagnosen verwandeln. Genau das wäre hier falsch. Ein abwesender Vater erzeugt kein bestimmtes "falsches Selbst", und eine literarische Figur ist kein Fallbeispiel für Winnicott.
Interessanter ist seine Aufmerksamkeit für etwas Grundsätzliches: Ein Kind entwickelt sich nicht im luftleeren Raum. Es braucht eine Umwelt, die auf sein Dasein antwortet.
Ein Spiegel ist schließlich nicht deshalb hilfreich, weil er etwas über uns erfindet.
Er gibt etwas zurück.
Vielleicht kann man sich frühe Beziehung ähnlich vorstellen. Ein Kind lacht, und jemand lächelt zurück. Es erschrickt, und jemand bemerkt die Angst. Es ist begeistert von etwas vollkommen Unbedeutendem, und für einen Augenblick lässt sich ein Erwachsener darauf ein.
Aus unzähligen solchen kleinen Antworten entsteht keine fertige Persönlichkeit.
Aber vielleicht entsteht Vertrauen darin, dass das eigene Erleben überhaupt in der Welt vorkommen darf.
Fehlt ein Vater als solcher Resonanzraum, muss das nicht bedeuten, dass niemand antwortet.
Doch die Antwort dieses einen Menschen fehlt trotzdem.
Und möglicherweise bleibt gerade deshalb die Versuchung bestehen, sie später noch zu bekommen.
Der Vater als später Spiegel
Dann wird das erwachsene Leben manchmal zur Ausstellungsfläche.
Schau, was aus mir geworden ist.
Die Ausbildung, der Beruf, die Familie, das Haus, die Bücher, die Reisen, die Erfolge – alles kann neben seiner eigentlichen Bedeutung noch eine zweite tragen.
Vielleicht sieht er mich jetzt.
Der erwachsene Mensch weiß möglicherweise längst, dass diese Hoffnung wenig realistisch ist. Trotzdem kann ein alter Wunsch erstaunlich unbeeindruckt von vernünftigen Einsichten bleiben.
Das haben wir in dieser Denkspur immer wieder gesehen: Ein Vater muss nicht anwesend sein, um als innerer Adressat erhalten zu bleiben.
Gerade darin liegt die Schwierigkeit des fehlenden Spiegels.
Man sucht nicht notwendig irgendeinen Blick.
Man sucht diesen Blick.
Und selbst hundert andere Menschen können ihn nicht vollständig ersetzen, weil sie nie diejenigen waren, von denen die ursprüngliche Antwort erwartet wurde.
Vielleicht beginnt Erwachsenwerden deshalb nicht damit, genügend andere Spiegel zu sammeln.
Vielleicht beginnt es mit der schmerzhaften Erkenntnis, dass manche Spiegel nicht mehr nachträglich aufgestellt werden können.
Der Brief, der den Spiegel sucht
Franz Kafkas Brief an den Vater lässt sich auch als ungeheurer Versuch lesen, ein Verhältnis sichtbar zu machen, in dem der Sohn sich selbst immer wieder im Maßstab des Vaters erlebt.
Kafka schreibt nicht einfach: Du hast mich nicht gesehen.
Die Bewegung ist komplizierter. Der Vater ist gerade als mächtiger Blick vorhanden. In diesem Blick erlebt sich der Sohn als klein, unsicher, unzureichend. Er versucht zu beschreiben, wie dieser Maßstab in sein eigenes Erleben eingedrungen ist.
Damit zeigt Kafka die andere Seite unseres Bildes.
Nicht nur ein fehlender Spiegel kann schwierig sein.
Auch ein Spiegel, der immer dieselbe verzerrende Antwort zurückgibt, kann ein Selbst prägen.
Du bist zu schwach.
Du bist nicht richtig.
Du genügst dem Maßstab nicht.
Vielleicht besteht Erwachsenwerden dann darin, irgendwann zu bemerken, dass ein Spiegel keine Wahrheit spricht, nur weil man lange hineingesehen hat.
Das eigene Bild kann sich verändern, wenn andere Blickwinkel hinzukommen.
Beziehung ohne Prüfung
Marilynne Robinsons Gilead erzählt fast die Gegenbewegung.
John Ames schreibt seinem Sohn in dem Wissen, dass er dessen weiteres Leben nicht begleiten wird. Er versucht nicht, eine endgültige Definition dieses Kindes festzuhalten. Er kann nicht wissen, wer sein Sohn mit zwanzig, vierzig oder sechzig Jahren sein wird.
Was er hinterlässt, ist Aufmerksamkeit.
Vielleicht liegt darin eine besonders hilfreiche Form des Spiegelns: nicht einem Kind zu sagen, wer es für immer ist, sondern ihm zu vermitteln, dass sein Dasein wahrgenommen wurde.
Du bist mir begegnet.
Ich habe dich gesehen.
Du hast in meinem Leben etwas verändert.
Das lässt Zukunft offen.
Ein guter Spiegel muss einen Menschen vielleicht gerade nicht festlegen.
Er muss ihn nur erkennen, während er da ist.
Bindung und die Erfahrung, zurückkehren zu können
Auch John Bowlbys Denken über Bindung öffnet hier eine vorsichtige Querbewegung. Bindung bedeutet nicht, dass ein Kind möglichst eng an einen Erwachsenen gebunden bleiben soll. Im Gegenteil: Sicherheit kann gerade ermöglichen, sich von einer vertrauten Person wegzubewegen, die Welt zu erkunden und wieder zurückzukehren.
Das verändert die Vorstellung vom Spiegel.
Ein Kind braucht nicht jemanden, der es ununterbrochen betrachtet.
Es braucht auch Freiheit, den Blick zu verlassen.
Vielleicht ist sichere Beziehung gerade deshalb kein Gefängnis aus Aufmerksamkeit. Sie sagt nicht: Bleib hier, damit ich dir sagen kann, wer du bist.
Sie vermittelt eher:
Du kannst hinausgehen.
Und wenn du zurückkommst, erkenne ich dich noch.
Bei einem abwesenden Vater kann gerade diese Bewegung schwierig werden, weil das Zurückkommen keine Selbstverständlichkeit besitzt. Vielleicht ist er erreichbar, vielleicht nicht. Vielleicht interessiert ihn, was inzwischen geschehen ist, vielleicht bleibt das Gespräch an der Oberfläche.
Dann lernt ein Kind möglicherweise etwas anderes: Wenn du hinausgehst, musst du selbst wissen, wie du zurückfindest.
Auch daraus kann Stärke entstehen.
Aber Stärke und Sicherheit sind nicht dasselbe.
Die Insel, auf der niemand ständig erklären muss, wer man ist
Tove Janssons Das Sommerbuch bietet dafür einen besonders schönen literarischen Resonanzraum.
Sophia und ihre Großmutter sind einander nahe, ohne sich ununterbrochen zu spiegeln. Sie können miteinander reden und sich wieder voneinander abwenden. Sophia darf widersprüchlich sein, wütend, neugierig, ängstlich, mutig und manchmal schlicht anstrengend.
Die Großmutter macht daraus kein festes Bild.
Vielleicht ist gerade das eine Form von Sicherheit, die beim Nachdenken über Spiegel leicht verloren geht.
Gesehenwerden bedeutet nicht, ständig interpretiert zu werden.
Ein Kind braucht keine permanente Erklärung seiner selbst.
Manchmal genügt die Erfahrung, dass es sich verändern darf und trotzdem wiedererkannt wird.
Heute bist du so.
Morgen vielleicht anders.
Ich erkenne dich trotzdem.
Vielleicht entsteht daraus etwas, das später zu einem inneren Gefühl von Kontinuität werden kann: Ich muss nicht immer dieselbe Version meiner selbst aufführen, damit Beziehungen bestehen bleiben.
Wenn die Familie den Spiegel hält
Murray Bowens Blick auf Familiensysteme führt noch einmal weiter.
Ein Mensch wächst nicht nur in einzelnen Beziehungen auf. Er wächst in einem Geflecht von Erwartungen, Rollen, Spannungen und Zugehörigkeiten auf. Familien wissen erstaunlich schnell, wer "der Vernünftige", "die Schwierige", "der Sensible", "die Erfolgreiche" oder "derjenige, der immer allein zurechtkommt" ist.
Solche Zuschreibungen können wie Spiegel funktionieren.
Und manchmal halten Familien sie noch hoch, wenn der Mensch längst versucht, sich zu verändern.
Dann kommt man mit vierzig nach Hause und ist innerhalb von zehn Minuten wieder derjenige, der man mit vierzehn gewesen sein soll.
Bowens Begriff der Differenzierung ist deshalb für diese Denkspur interessant. Nicht als Forderung, sich von der Familie zu lösen, sondern als Frage, wie ein Mensch verbunden bleiben und trotzdem ein eigenes Selbst entwickeln kann.
Vielleicht ist das die erwachsene Form des Spiegelns.
Andere dürfen ein Bild von mir haben.
Aber ich muss nicht vollständig darin wohnen.
Mein Vater darf mich für jemanden halten, der ich nicht mehr bin.
Meine Familie darf alte Geschichten über mich erzählen.
Ich kann ihnen verbunden bleiben, ohne jede dieser Geschichten als Definition übernehmen zu müssen.
Andere Spiegel
Wer ohne einen wichtigen frühen Spiegel erwachsen geworden ist, bleibt nicht spiegel-los.
Das Leben stellt neue auf.
Freundschaften gehören dazu. Liebesbeziehungen. Lehrerinnen und Lehrer. Menschen, mit denen man arbeitet. Vielleicht die eigenen Kinder.
Und Literatur.
Auch Bücher können eine eigentümliche Form von Spiegel sein.
Nicht weil eine Figur genau dasselbe erlebt wie der Leser. Gerade das wäre häufig eine Verengung. Literatur kann etwas anderes: Sie gibt einer Erfahrung Gestalt, für die vorher vielleicht nur ein undeutliches Gefühl vorhanden war.
Man liest Kafka und erkennt eine Macht des väterlichen Blicks.
Man liest Robinson und erkennt, was es bedeuten kann, von einem Vater gemeint zu sein.
Man liest Jansson und entdeckt eine Beziehung, in der ein Kind nicht fortwährend etwas darstellen muss.
Das Buch sagt nicht:
So bist du.
Es sagt vielleicht nur:
Auch so kann menschliches Leben aussehen.
Und manchmal reicht diese kleine Verschiebung, damit ein Mensch sein eigenes Bild neu betrachtet.
Nicht jeder Spiegel muss gefallen
Erwachsenwerden bedeutet allerdings auch, mit Blicken leben zu lernen, die uns nicht bestätigen.
Nicht jeder Mensch wird verstehen, wer wir geworden sind.
Ein Vater kann sein erwachsenes Kind ansehen und weiterhin eine alte Version sehen. Vielleicht erkennt er dessen Entscheidungen nicht an. Vielleicht versteht er die Arbeit nicht, die Lebensform, die Beziehungen oder die Werte, die inzwischen wichtig geworden sind.
Der alte Wunsch könnte dann wieder auftauchen.
Wenn ich es nur richtig erkläre.
Wenn ich noch etwas erreiche.
Wenn er mich einmal wirklich kennenlernt.
Vielleicht geschieht das.
Vielleicht nicht.
Und irgendwann stellt sich die Frage, ob ein Selbst jeden wichtigen Menschen davon überzeugen muss, richtig gesehen zu werden.
Wahrscheinlich nicht.
Das bedeutet nicht, dass Missverstehen nicht schmerzt.
Aber zwischen dem Schmerz, von einem Vater nicht erkannt zu werden, und der Überzeugung, deshalb selbst nicht zu wissen, wer man ist, liegt ein großer Unterschied.
Sich selbst sehen – aber nicht allein
Es wäre verführerisch, diesen Essay mit der Forderung zu beenden, man müsse eben lernen, sein eigener Spiegel zu werden.
Das klingt unabhängig.
Und vermutlich ist es zu einfach.
Menschen bleiben relationale Wesen. Wir brauchen andere Blicke. Wir brauchen Menschen, die uns widersprechen, bestätigen, überraschen und manchmal Seiten an uns erkennen, die wir selbst übersehen haben.
Erwachsenwerden kann deshalb nicht bedeuten, niemanden mehr zu brauchen.
Vielleicht bedeutet es etwas anderes:
Kein einzelner Mensch muss mehr das ganze Bild halten.
Nicht der Vater.
Nicht die Mutter.
Nicht der Partner.
Nicht das Publikum.
Nicht einmal das eigene Selbstbild.
Carl Rogers erinnert daran, dass ein Selbst in Beziehung und Erfahrung beweglich bleiben kann. Winnicott öffnet die Frage nach einer Umwelt, in der Eigenes überhaupt auftauchen darf. Bowlby macht sichtbar, dass sichere Bindung Bewegung ermöglicht. Bowen fragt, wie Verbundenheit bestehen kann, ohne dass ein Mensch in den Zuschreibungen seines Systems verschwinden muss.
Keiner dieser Gedanken erklärt einen abwesenden Vater.
Sie geben nur verschiedene Sprachen für dieselbe menschliche Frage, die die Literatur längst gestellt hat: Wie wird ein Mensch zu sich selbst, während er immer auch in den Blicken anderer lebt?
Vielleicht braucht es keinen letzten Spiegel
Die Denkspur der abwesenden Väter hat immer wieder zu einem fehlenden Blick zurückgeführt.
Zu Kindern, die auf Bestätigung warten.
Zu Kindern, die lernen, nichts zu brauchen.
Zu Familien, die sich um eine Abwesenheit herum organisieren.
Zu Erwachsenen, die über Leistung noch immer versuchen, jemanden zu erreichen.
Zu einer Loyalität, die einen Platz freihält.
Und zu jener Leere, die entstehen kann, wenn äußere Antworten lange wichtiger waren als die Frage nach dem eigenen Erleben.
Vielleicht führt all das nicht zu einem Augenblick, in dem ein Mensch sich endlich vollkommen selbst erkennt.
Vielleicht gibt es diesen Augenblick überhaupt nicht.
Wir verändern uns zu sehr dafür.
Andere Menschen werden weiterhin etwas in uns sehen, das wir selbst nicht sehen. Manche werden sich irren. Manche werden überraschend genau hinschauen. Manche werden gehen. Andere kommen hinzu.
Und vielleicht liegt darin keine Unsicherheit, die irgendwann überwunden werden müsste.
Vielleicht besteht ein erwachsenes Selbst gerade darin, zwischen all diesen Spiegeln beweglich zu werden.
Sich anschauen zu können, ohne jedem Bild zu glauben.
Sich von anderen erkennen zu lassen, ohne von ihrer Anerkennung vollständig abhängig zu werden.
Verbunden zu bleiben, ohne sich darin zu verlieren.
Und vielleicht auch eines Tages dem Vater zu begegnen – tatsächlich oder nur noch im eigenen Inneren – und nicht mehr zuerst zu fragen:
Siehst du endlich, wer ich bin?
Sondern zu wissen, dass sein Blick eine Antwort unter vielen sein könnte.
Eine wichtige vielleicht.
Eine schmerzlich vermisste vielleicht.
Aber nicht mehr die einzige, von der das eigene Bild abhängt.
Dann wäre Erwachsenwerden ohne diesen frühen Spiegel vielleicht nicht die Geschichte eines Menschen, der gelernt hat, ganz ohne Spiegel auszukommen.
Es wäre die Geschichte eines Menschen, der nach und nach entdeckt, dass kein einzelner Spiegel groß genug sein muss, um ein ganzes Selbst zu enthalten.
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