Was Leere im Selbst hinterlassen kann

27.07.2026

Leere ist ein schwieriges Wort.

Es klingt, als wäre dort nichts. Als hätte etwas gefehlt und deshalb sei im Inneren eines Menschen ein unbewohnter Raum zurückgeblieben, den man nur finden und irgendwie füllen müsste.

So einfach ist es nicht.

Kinder wachsen auch mit dem auf, was fehlt. Sie finden Beziehungen, entwickeln Interessen, schließen Freundschaften, entdecken Fähigkeiten und bauen sich ein Leben. Ein abwesender Vater bestimmt nicht zwangsläufig, wer ein Mensch wird, und seine Abwesenheit hinterlässt nicht bei jedem dieselbe Spur.

Und trotzdem kann es Erfahrungen geben, für die lange keine Sprache vorhanden ist.

Nicht unbedingt einen klaren Schmerz. Manchmal eher eine eigentümliche Unsicherheit darüber, wer man eigentlich ist, wenn niemand etwas von einem erwartet, wenn keine Aufgabe wartet, wenn nichts geleistet und niemand versorgt werden muss.

Dann zeigt sich die Leere nicht darin, dass ein Mensch nichts wäre.

Sondern vielleicht darin, dass er gelernt hat, sich vor allem dort zu spüren, wo etwas von ihm verlangt wird.

Ein Selbst entsteht nicht allein

Ein Kind entdeckt sich nicht nur, indem es nach innen schaut.

Am Anfang begegnet es sich auch in anderen Menschen. Jemand reagiert auf sein Lachen, nimmt seine Angst wahr, hört eine Geschichte zum zehnten Mal, erkennt eine Eigenart wieder und erinnert sich daran, was gestern wichtig war.

Auf diese Weise entsteht nach und nach etwas Vertrautes.

Das bin offenbar ich.

Ich bin derjenige, der vor Hunden Angst hat und trotzdem immer zu ihnen hinmöchte. Diejenige, die stundenlang zeichnen kann. Derjenige, der schnell wütend wird und danach wieder Nähe sucht. Diejenige, die bestimmte Geschichten liebt und andere nicht hören will.

Andere Menschen erfinden dieses Selbst nicht. Aber ihre Aufmerksamkeit kann ihm Konturen geben.

Ein Vater ist dabei nur einer von mehreren möglichen Menschen. Mütter, Großeltern, Geschwister, Freunde, Lehrerinnen und viele andere können einem Kind Resonanz geben. Es wäre deshalb viel zu groß behauptet, ohne väterlichen Blick könne kein stabiles Selbst entstehen.

Aber ein bestimmter Blick kann trotzdem fehlen.

Vielleicht gerade deshalb, weil ein Kind wissen möchte, wie es in den Augen dieses einen Menschen vorkommt.

Und wenn darauf wenig Antwort kommt, bleibt manchmal nicht einfach ein Loch.

Es bleibt eine Frage.

Wer bin ich für dich?

In Gilead versucht Marilynne Robinsons John Ames, seinem jungen Sohn etwas zu hinterlassen, das dieser später nicht mehr unmittelbar von ihm bekommen kann.

Er schreibt.

Dabei entsteht keine Anleitung dafür, wie der Sohn einmal leben soll. Vielmehr sammelt sich in diesem langen Brief die Aufmerksamkeit eines Vaters: Erinnerungen, Beobachtungen, Familiengeschichten, Gedanken über das Leben und immer wieder das Bewusstsein, dass dieses Kind für ihn ein bestimmter, unverwechselbarer Mensch ist.

Gerade deshalb lässt sich an Gilead erkennen, was bei väterlicher Abwesenheit fehlen kann.

Nicht nur Rat.

Nicht nur Schutz.

Nicht einmal nur Anerkennung.

Es kann eine Antwort auf die Frage fehlen:

Wer war ich für dich?

Vielleicht wird diese Frage besonders schwer, wenn der Vater zwar existiert, aber wenig Beziehung entstanden ist. Denn dann gibt es jemanden, in dessen Leben man einen Platz haben müsste, ohne genau zu wissen, wie dieser Platz eigentlich aussah.

Hat er an mich gedacht?

Hat er von mir erzählt?

Wusste er, was mich beschäftigte?

Hat er bemerkt, dass ich mich verändert habe?

Solche Fragen können kindlich wirken, obwohl sie noch Jahrzehnte später auftauchen.

Vielleicht deshalb, weil sie nicht nur nach dem Vater fragen.

Sie fragen nach dem eigenen Vorkommen in seiner Welt.

Wenn das Außen sagt, wer man ist

Wo innere Sicherheit fehlt, können äußere Rückmeldungen besonders wichtig werden.

Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Menschen erfahren sich auch durch Resonanz. Wir möchten wissen, wie unsere Arbeit ankommt, ob jemand unsere Zuneigung erwidert, ob andere uns vertrauen und ob das, was wir tun, Bedeutung hat.

Schwierig wird es erst, wenn das Außen beinahe allein dafür zuständig wird, Konturen herzustellen.

Dann kann Leistung sagen:

Du bist jemand.

Eine Beziehung kann sagen:

Du bist liebenswert.

Das Gebrauchtwerden kann sagen:

Du bist wichtig.

Bewunderung kann sagen:

Du bist besonders.

Und solange diese Antworten kommen, scheint alles an seinem Platz.

Doch äußere Antworten besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie verstummen gelegentlich.

Ein Projekt endet. Kinder werden selbstständig. Eine Beziehung zerbricht. Ein Beruf fällt weg. Menschen, die einen lange gebraucht haben, brauchen plötzlich etwas anderes.

Dann kann etwas sichtbar werden, das vorher von Aktivität überdeckt war.

Nicht unbedingt:

Ich bin nichts.

Viel häufiger vielleicht:

Ich weiß gerade nicht, wer ich bin, wenn niemand etwas von mir will.

Ein Leben, das sich über Funktion erzählt

Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb ist dafür ein beinahe schmerzhafter Resonanzraum.

Stevens besitzt eine sehr klare Vorstellung davon, wer er ist. Er ist Butler, und nicht irgendeiner. Würde, Professionalität, Beherrschung und Dienst strukturieren sein Selbstverständnis.

Das gibt ihm Kontur.

Solange eine Aufgabe vorhanden ist, gibt es wenig Unklarheit darüber, was zu tun und wer zu sein ist.

Erst dort, wo diese Ordnung Risse bekommt, treten andere Fragen hervor. Was wollte dieser Mensch jenseits seiner Funktion? Welche Nähe hat er zugelassen? Was wurde nicht gelebt, weil es in der Sprache von Pflicht und Professionalität keinen eindeutigen Platz hatte?

Ishiguro erklärt Stevens nicht durch eine Vaterwunde, und genau das sollte man auch nicht versuchen.

Aber der Roman zeigt etwas, das für unsere Frage wichtig ist: Ein Mensch kann eine beeindruckend stabile Identität um das herum errichten, was er tut.

Und irgendwann kann sich herausstellen, dass Tun und Sein nicht dasselbe sind.

Das ist keine Verurteilung von Pflicht oder Leistung. Arbeit kann ein wichtiger Teil von Identität sein. Für andere Menschen da zu sein kann einem Leben Sinn geben.

Die Schwierigkeit beginnt erst, wenn beim Wegfall der Funktion kaum etwas Vertrautes übrigzubleiben scheint.

Die Leere nach dem Erfolg

Vielleicht erklärt das auch einen merkwürdigen Augenblick, den manche Menschen gerade nach einem Erfolg erleben.

Man hat lange auf etwas hingearbeitet. Eine Prüfung bestanden, ein großes Projekt abgeschlossen, ein Ziel erreicht. Für einen Moment ist die Freude da.

Und dann wird es still.

Was jetzt?

Wenn Leistung nicht nur Freude am Können war, sondern gleichzeitig Selbstwert hergestellt hat, kann das erreichte Ziel erstaunlich schnell seinen Glanz verlieren. Es braucht ein neues.

Nicht unbedingt aus Gier nach mehr.

Vielleicht deshalb, weil Bewegung verhindert, dass eine andere Frage hörbar wird.

Wer bin ich, wenn gerade nichts zu beweisen ist?

In einem Leben, das lange auf Anerkennung ausgerichtet war, kann Ruhe deshalb etwas Beunruhigendes bekommen. Solange man unterwegs ist, gibt es Richtung. Stillstand verlangt etwas anderes: sich selbst auszuhalten, ohne sofort eine neue Aufgabe zwischen sich und diese Begegnung zu stellen.

Vielleicht fühlt sich das zunächst tatsächlich wie Leere an.

Aber möglicherweise ist nicht nichts da.

Vielleicht ist nur ungewohnt wenig Lärm.

Wenn andere Menschen zum Spiegel werden

Auch Beziehungen können diese Aufgabe übernehmen.

Ein Mensch verliebt sich und erlebt plötzlich eine Intensität von Aufmerksamkeit, die ihm lange gefehlt hat. Da ist jemand, der fragt, zuhört, sich erinnert und das eigene Dasein wichtig findet.

Das kann wunderschön sein.

Es kann zugleich eine alte Sehnsucht berühren.

Dann bekommt der andere unbemerkt eine beinahe unmögliche Aufgabe. Er soll nicht nur Partner sein. Er soll bestätigen, beruhigen, spiegeln und immer wieder versichern, dass man noch da, noch wichtig, noch liebenswert ist.

Kein Mensch kann das dauerhaft leisten.

Nicht weil Liebe zu wenig wäre, sondern weil kein Gegenüber allein die Konturen eines anderen Menschen tragen kann.

Vielleicht liegt darin eine Verbindung zu der Wunde der nicht erhaltenen Bestätigung. Wer lange auf einen bestimmten Blick gewartet hat, kann später versuchen, ihn in anderen Augen wiederzufinden.

Und jedes Wegsehen fühlt sich dann größer an, als es im gegenwärtigen Augenblick eigentlich ist.

Die Stille zwischen zwei Menschen

Kent Harufs Unsere Seelen bei Nacht erzählt Beziehung auf eine andere Weise.

Addie und Louis begegnen einander in einem Lebensalter, in dem vieles bereits geschehen ist. Sie müssen sich nicht mehr gemeinsam eine Zukunft entwerfen, die ihren Wert beweist. Sie kommen zusammen, weil die Nächte lang sind und weil die Gegenwart eines anderen Menschen etwas verändert.

Das Bemerkenswerte daran ist die Schlichtheit.

Hier muss Beziehung nicht fortwährend bestätigen, dass beide außergewöhnlich sind. Sie darf aus Anwesenheit bestehen, aus Gesprächen, gemeinsam verbrachter Zeit und der Möglichkeit, nicht allein zu sein.

Vielleicht ist das eine Form von Resonanz, die gerade deshalb trägt, weil sie das Selbst des anderen nicht herstellen soll.

Du bist da.

Ich bin da.

Wir verbringen diese Zeit miteinander.

Mehr muss im Augenblick nicht bewiesen werden.

Für einen Menschen, der sich vor allem über Leistung, Funktion oder die Aufmerksamkeit anderer erfahren hat, kann gerade diese Einfachheit ungewohnt sein.

Denn plötzlich bleibt etwas übrig, das nicht verdient werden muss.

Anwesenheit.

Die Angst vor dem leeren Tag

Vielleicht zeigt sich die vermeintliche Leere deshalb an ganz gewöhnlichen Tagen besonders deutlich.

An einem Sonntag ohne Termine.

In einer Wohnung, nachdem die Kinder ausgezogen sind.

Nach dem Ende einer Beziehung.

In einer Phase, in der Arbeit weniger Raum einnimmt.

Oder einfach in einem Nachmittag, an dem niemand etwas braucht.

Solche Zeiten werden schnell als Langeweile beschrieben. Man greift zum Telefon, beginnt aufzuräumen, plant etwas, sucht Beschäftigung.

Natürlich ist nicht jede Unruhe ein Echo der Kindheit.

Aber manchmal lohnt es sich vielleicht, die Frage nicht sofort mit Aktivität zu beantworten.

Was wäre so schlimm daran, wenn gerade nichts von mir verlangt wird?

Für jemanden, der früh gelernt hat, über Leistung erreichbar zu werden oder durch besondere Selbstständigkeit möglichst wenig zu brauchen, kann diese Situation eine alte Ordnung unterbrechen.

Wenn ich nichts tue, bin ich trotzdem da.

Dieser Satz klingt banal.

Vielleicht ist er es nicht.

Was in der Leere auftauchen kann

Hermann Hesses Siddhartha führt seinen Protagonisten immer wieder durch den Verlust von Identitäten, von denen er zeitweise glaubte, sie könnten sein Leben tragen.

Der Sohn des Brahmanen, der Asket, der Liebende, der Geschäftsmann – keine dieser Formen bleibt endgültig.

Was sich darin entwickelt, entsteht nicht durch eine immer genauere Beschreibung des eigenen Selbst. Eher fällt nach und nach weg, was zuvor eine eindeutige Antwort gegeben hat.

Das macht Siddhartha zu einem interessanten Gegenraum für die Angst vor innerer Leere.

Vielleicht muss nicht jede Leere sofort gefüllt werden.

Manchmal entsteht sie gerade dort, wo eine alte Identität nicht mehr trägt und eine neue noch nicht fertig ist.

Dann wäre Leere nicht nur Mangel.

Sie könnte auch ein Zwischenraum sein.

Das macht die frühe Verletzung nicht ungeschehen. Ein Kind hätte Resonanz gebraucht, auch wenn der Erwachsene später lernt, mit ihrem Fehlen anders umzugehen. Keine philosophische Gelassenheit verwandelt rückwirkend Abwesenheit in etwas Gutes.

Aber vielleicht muss das, was einmal fehlte, nicht für immer als Loch verstanden werden.

Was von anderen Blicken bleibt

Tove Janssons Das Sommerbuch zeigt ein Kind, das in Beziehung sein darf, ohne fortwährend erklärt zu bekommen, wer es ist.

Sophia und ihre Großmutter begegnen einander mit Aufmerksamkeit, aber sie lassen sich auch in Ruhe. Sie streiten, widersprechen sich, wenden sich der Insel zu und existieren manchmal einfach nebeneinander.

Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Form des Spiegelns.

Ein guter Spiegel hält einen Menschen nicht fest.

Er sagt nicht ständig:

So bist du.

Er erlaubt Veränderung.

Heute bist du wütend. Morgen erzählst du etwas Komisches. Du kannst Angst haben und kurz darauf mutig sein. Du darfst widersprüchlich bleiben, ohne dass die Beziehung daran zerbricht.

Vielleicht entsteht ein Selbst nicht dadurch, dass andere Menschen uns eine endgültige Definition geben.

Vielleicht entsteht es auch aus der Erfahrung, dass wir uns verändern dürfen und trotzdem wiedererkannt werden.

Die Leere nicht mehr füllen müssen

Es gibt Dinge, die ein abwesender Vater nicht nachträglich geben kann.

Er kann eine versäumte Kindheit nicht noch einmal besuchen. Er kann nicht bei einem Schulweg stehen, der vor dreißig Jahren gegangen wurde, keine damalige Angst bemerken und keinen Nachmittag nachholen, an dem sein Kind auf ihn gewartet hat.

Vielleicht kann später etwas Neues entstehen.

Vielleicht auch nicht.

Die Frage ist irgendwann, was mit dem Raum geschieht, den dieses Fehlen hinterlassen hat.

Man kann versuchen, ihn mit Leistung zu füllen, mit Anerkennung, Beziehungen, Verantwortung, Unentbehrlichkeit oder einem Leben, das so überzeugend gelingt, dass niemand mehr fragen müsste, ob man genug ist.

Vielleicht funktioniert das sogar lange.

Und vielleicht kommt trotzdem irgendwann ein stiller Augenblick, in dem all diese Dinge für eine Weile schweigen.

Dann könnte die Leere wieder auftauchen.

Aber vielleicht sieht sie inzwischen anders aus.

Nicht mehr wie der Beweis dafür, dass im eigenen Selbst etwas fehlt.

Vielleicht eher wie ein Raum, der nicht ständig besetzt werden muss.

Ein Raum, in dem nicht sofort jemand applaudiert, niemand eine Aufgabe verteilt und niemand sagt, wer man sein soll.

Das kann zunächst ungewohnt sein.

Vielleicht sogar beängstigend.

Doch wenn man lange genug darin bleibt, könnte man irgendwann bemerken, dass dort nicht nichts ist.

Da ist jemand.

Und vielleicht beginnt ein eigenes Selbst genau dort ein wenig deutlicher zu werden, wo es für einen Augenblick niemandem etwas beweisen muss.

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Abwesende Väter

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