Kann man seiner Herkunft entkommen?
Es gibt Menschen, die gehen
weg. In eine andere Stadt, ein anderes Land, in eine andere
Bildungsschicht,
in einen anderen Beruf, in ein anderes Leben.
Von außen sieht es dann oft so aus, als hätten sie ihre Herkunft
hinter sich gelassen. Als hätten sie die Seite gewechselt. Als
wären sie jemand anderes geworden.Aber so einfach ist
das nicht. Herkunft ist nicht nur ein Ort oder eine
Familie. Herkunft ist eine Art zu sprechen, eine Art zu denken,
eine
Art, die Welt zu sehen. Herkunft ist, was man für selbstverständlich
hält, wovor man Respekt hat,
wovor man Angst hat, was man für
möglich hält und was nicht. Das alles nimmt man mit, egal wie weit
man weggeht. Viele, die gehen, leben später in zwei
Welten. In der einen Welt wissen sie plötzlich Dinge, die dort,
wo
sie herkommen, niemand weiß. Und in der anderen Welt wissen sie
Dinge nicht, die dort selbstverständlich sind.
Sie gehören
dann zu keiner Welt mehr ganz. Oder zu beiden ein bisschen. Es ist
ein Leben dazwischen. Manchmal wird Bildung oder Aufstieg
in Familien wie ein Verrat behandelt. Nicht offen, nicht immer böse
gemeint,
aber spürbar. Als würde man sagen: Du hältst dich
jetzt wohl für etwas Besseres. Und gleichzeitig versteht man
in
der neuen Welt viele Regeln nicht, die nie ausgesprochen werden, die
aber trotzdem gelten. Man lernt sie erst,
wenn man Fehler
macht. Deshalb ist die eigentliche Frage vielleicht nicht,
ob man seiner Herkunft entkommen kann.
Die eigentliche Frage
ist vielleicht, ob man mit seiner Herkunft leben kann, ohne dass sie
das ganze Leben bestimmt. Man entkommt seiner Herkunft
nicht. Aber man kann lernen, sie zu verstehen.
Und vielleicht
kann man dann etwas anderes tun: nicht entkommen, sondern ein eigenes
Leben bauen,
das in keine der beiden Geschichten ganz
hineinpasst. Dann gehört man vielleicht nicht mehr ganz
dorthin, wo man herkommt.
Aber man gehört auch nicht ganz
dorthin, wo man hingeht. Man gehört dann ein Stück weit
nur noch sich selbst.
Literatur zu dieser Denkspur
Der Platz – Annie Ernaux
Stoner – John Williams
Rückkehr nach Reims – Didier Eribon
Tags
#Herkunft #SoziologieDerHerkunft #Identität #EigenesLeben #Aufstieg #Zuschreibung
Einordnung im Regal
2 – Ich und die Welt