Kann man seiner Herkunft entkommen?

29.03.2026

Es gibt Menschen, die gehen weg. In eine andere Stadt, ein anderes Land, in eine andere Bildungsschicht,
in einen anderen Beruf, in ein anderes Leben. Von außen sieht es dann oft so aus, als hätten sie ihre Herkunft
hinter sich gelassen. Als hätten sie die Seite gewechselt. Als wären sie jemand anderes geworden.Aber so einfach ist das nicht. Herkunft ist nicht nur ein Ort oder eine Familie. Herkunft ist eine Art zu sprechen, eine Art zu denken,
eine Art, die Welt zu sehen. Herkunft ist, was man für selbstverständlich hält, wovor man Respekt hat,
wovor man Angst hat, was man für möglich hält und was nicht. Das alles nimmt man mit, egal wie weit man weggeht. Viele, die gehen, leben später in zwei Welten. In der einen Welt wissen sie plötzlich Dinge, die dort,
wo sie herkommen, niemand weiß. Und in der anderen Welt wissen sie Dinge nicht, die dort selbstverständlich sind.
Sie gehören dann zu keiner Welt mehr ganz. Oder zu beiden ein bisschen. Es ist ein Leben dazwischen. Manchmal wird Bildung oder Aufstieg in Familien wie ein Verrat behandelt. Nicht offen, nicht immer böse gemeint,
aber spürbar. Als würde man sagen: Du hältst dich jetzt wohl für etwas Besseres. Und gleichzeitig versteht man
in der neuen Welt viele Regeln nicht, die nie ausgesprochen werden, die aber trotzdem gelten. Man lernt sie erst,
wenn man Fehler macht. Deshalb ist die eigentliche Frage vielleicht nicht, ob man seiner Herkunft entkommen kann.
Die eigentliche Frage ist vielleicht, ob man mit seiner Herkunft leben kann, ohne dass sie das ganze Leben bestimmt. Man entkommt seiner Herkunft nicht. Aber man kann lernen, sie zu verstehen.
Und vielleicht kann man dann etwas anderes tun: nicht entkommen, sondern ein eigenes Leben bauen,
das in keine der beiden Geschichten ganz hineinpasst. Dann gehört man vielleicht nicht mehr ganz dorthin, wo man herkommt.
Aber man gehört auch nicht ganz dorthin, wo man hingeht. Man gehört dann ein Stück weit nur noch sich selbst.

Literatur zu dieser Denkspur

Die Bagage – Monika Helfer

Der Platz – Annie Ernaux

Stoner – John Williams

Rückkehr nach Reims – Didier Eribon

Tags

#Herkunft #SoziologieDerHerkunft #Identität #EigenesLeben #Aufstieg #Zuschreibung

Einordnung im Regal

2 – Ich und die Welt


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