Familien erzählen Geschichten
In Familien werden Geschichten erzählt, lange bevor jemand anfängt, sein eigenes Leben zu erzählen. Es sind Geschichten darüber, wer stark war, wer schwierig war, wer Pech hatte, wer fleißig war, wer klug war, wer immer schon anders war. Diese Geschichten werden nicht einmal erzählt und dann vergessen, sie werden wiederholt, leicht verändert, weitergegeben, bis sie irgendwann nicht mehr wie Geschichten klingen, sondern wie Wahrheiten.
Oft merkt man erst spät, dass man in einer Geschichte lebt, die man sich nicht selbst ausgesucht hat. Man ist dann das ruhige Kind, die Schwierige, der Gescheite, die, aus der etwas werden muss, der, der immer schon so war wie der Großvater. Solche Sätze klingen harmlos, aber sie legen manchmal fest, wer jemand in einer Familie sein soll.
Literatur über Familien handelt deshalb selten nur von Ereignissen. Sie handelt von Erzählungen. Von dem, was immer wieder erzählt wird, und von dem, was nie erzählt wird. Von dem, was eine Familie über sich selbst glaubt, und von dem, was jemand irgendwann zum ersten Mal anders sieht.
Manchmal besteht ein eigenes Leben nicht darin, alles hinter sich zu lassen, sondern darin, die alten Geschichten anders zu lesen. Zu verstehen, dass eine Familie eine bestimmte Version der Vergangenheit erzählt, weil sie mit dieser Version leben kann. Und dass man trotzdem das Recht hat, eine andere Version zu sehen.
Vielleicht ist Erwachsenwerden deshalb nicht nur, ein eigenes Leben zu führen.
Vielleicht ist es auch, die Geschichten zu erkennen, in denen man aufgewachsen ist, und zu entscheiden, welche man weiter erzählt – und welche man hier enden lässt.
Diese Texte gehören zur Denkspur: Herkunft und Familie
👉 Zur Denkspur "Herkunft und Familie"
Literatur zu dieser Denkspur:
- Die Bagage – Monika Helfer
- Der Platz – Annie Ernaux
- Stoner – John Williams
- Rückkehr nach Reims – Didier Eribon
📂 Einordnung im Regal:
👉 2 – Ich und die Welt
🏷 Tags:
#Herkunft #Familie #Familiengeschichten #Identität #Zuschreibung