Tage des Verlassenwerdens – Elena Ferrante

Buchdaten
Titel: Tage des Verlassenwerdens
Originaltitel: I giorni dell'abbandono
Autorin: Elena Ferrante
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Roman · Psychologischer Roman
Worum geht es?
Olga ist achtunddreißig, verheiratet, Mutter zweier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Turin. Dann erklärt ihr Mann Mario eines Tages, dass er sie verlassen wird.
Was zunächst wie eine Trennung erscheint, entwickelt sich für Olga zu einem vollständigen Zusammenbruch ihrer bisherigen Ordnung.
Sie versucht zu verstehen, was geschehen ist. Sie sucht nach Erklärungen, erinnert sich an ihre Ehe und beginnt allmählich zu begreifen, dass Mario längst ein anderes Leben vorbereitet hat. Während er sich entfernt, bleibt Olga mit den Kindern, dem Hund und einem Alltag zurück, der plötzlich nicht mehr trägt.
Ferrante erzählt diesen Zustand ohne Beschönigung. Wut, Eifersucht, Demütigung, Begehren und Verzweiflung stehen nebeneinander. Aus der verlassenen Ehefrau wird keine würdevoll Leidende.
Olga verliert zeitweise die Kontrolle über das Bild, das sie von sich selbst hatte.
Warum dieses Buch geblieben ist
Tage des Verlassenwerdens bleibt, weil Ferrante eine Trennung nicht nur als Verlust eines Menschen beschreibt.
Es geht um den Verlust einer ganzen Lebensordnung.
Olga verliert mit Mario nicht allein ihren Partner. Plötzlich geraten auch ihre Vorstellungen von Ehe, Familie, Weiblichkeit und ihrer eigenen Vergangenheit ins Wanken.
Was war dieses gemeinsame Leben eigentlich?
Welche Entscheidungen hat sie getroffen, weil sie sie selbst treffen wollte?
Und welche Teile ihres Lebens entstanden, weil sie sich innerhalb der Ehe zunehmend auf eine bestimmte Rolle beschränkt hatte?
Gerade darin liegt die Härte des Romans.
Mario kann gehen.
Olga bleibt zunächst mitten in den Strukturen zurück, die beide gemeinsam geschaffen haben: Kinder, Wohnung, Alltag, Verantwortung.
Während sein neues Leben bereits begonnen hat, muss sie herausfinden, was von ihrem alten übrig bleibt.
Psychologische Lesespur
Verlassenwerden kann mehr erschüttern als eine Beziehung.
Wenn ein großer Teil des eigenen Lebens über eine Partnerschaft organisiert wurde, gerät mit deren Ende auch das bisherige Selbstbild unter Druck.
Bei Olga geschieht genau das.
Die Trennung löst nicht nur Trauer aus. Sie bringt Wut, Scham, Kontrollverlust und die verzweifelte Suche nach einer Erklärung hervor. Olga versucht zu begreifen, wann ihre Ehe aufgehört hat, das zu sein, wofür sie sie gehalten hatte.
Dabei richtet sich ihr Blick zunehmend auch auf sich selbst.
Sie erinnert sich an eine Frau aus ihrer Kindheit, die nach dem Verlassenwerden durch ihren Mann zugrunde ging. Diese Erinnerung wird zu einer bedrohlichen Möglichkeit: Olga fürchtet nicht nur, Mario verloren zu haben. Sie fürchtet, durch sein Fortgehen auch sich selbst zu verlieren.
Der entscheidende Konflikt des Romans liegt deshalb zwischen Abhängigkeit und Selbstständigkeit.
Nicht im einfachen Sinn materieller Abhängigkeit.
Sondern in der Frage, wie ein eigenes Selbst wieder sichtbar werden kann, nachdem ein gemeinsames Leben so lange bestimmt hat, wer man zu sein glaubte.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Verlassenwerden
Trennung
Wut
Demütigung
Eifersucht
Ehe
Mutterschaft
Selbstverlust
weibliche Autonomie
den Wiederaufbau eines eigenen Lebens
Besonders stark gehört Tage des Verlassenwerdens zur Denkspur Unglückliche Ehen.
Der Roman berührt zugleich Mutterschaft und Cyclebreaking.
Denn Ferrante erzählt nicht nur vom Ende einer Ehe. Sie zeigt auch eine Frau, die nach diesem Ende herausfinden muss, welche Teile ihres bisherigen Lebens tatsächlich ihre eigenen waren.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Dass mit dem Ende einer Beziehung manchmal nicht nur ein anderer Mensch verschwindet.
Auch das eigene Leben kann plötzlich fremd erscheinen.
Wer war ich in dieser Beziehung?
Was habe ich aufgegeben?
Was habe ich für selbstverständlich gehalten?
Und wer bin ich, wenn die Person, an deren Seite dieses Leben entstanden ist, nicht mehr darin vorkommt?
Olga muss diese Fragen nicht in Ruhe beantworten. Sie brechen über sie herein, während der Alltag weiterläuft und ihre Kinder weiterhin etwas von ihr brauchen.
Ferrante macht dadurch sichtbar, warum Trennungen eine so radikale Erfahrung sein können.
Man verliert nicht nur eine gemeinsame Zukunft.
Manchmal muss auch die eigene Vergangenheit neu gelesen werden.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn eine Beziehung zerbricht, könnten diese Spuren weiterführen:
Frau im Dunkeln — Elena Ferrante
Führt den Gedanken von weiblicher Autonomie weiter und fragt danach, was geschieht, wenn Fürsorge und das Bedürfnis nach einem eigenen Leben miteinander kollidieren.
Die Jahre — Annie Ernaux
Öffnet den Blick auf weibliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Erwartungen und darauf, wie sich ein Selbst über Jahrzehnte verändert.
Denkspur: Unglückliche Ehen
Versammelt Bücher über Beziehungen, die nicht plötzlich scheitern, sondern über Erwartungen, Rollen, Schweigen und Entscheidungen allmählich zu einem Leben werden, das nicht mehr trägt.
Denkspur: Mutterschaft
Führt weiter zu der Frage, wie Fürsorge, Verantwortung und ein eigenes Leben nebeneinander bestehen können.
Regal
5 – Leben
Denkspuren
Unglückliche Ehen · Mutterschaft · Cyclebreaking
Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.
Zur Übersicht
5 – Leben · Bucharchiv