Rollo May – Die Liebe und der Wille
Autor: Rollo May
Originaltitel: Love and Will
Original erschienen: 1969
Genre: Existenzielle Psychologie / Psychologie / Philosophie
Worum geht es?
Liebe und Wille erscheinen zunächst wie zwei verschiedene Kräfte.
Die eine richtet sich auf Verbindung, Hingabe und Nähe. Die andere auf Entscheidung, Selbstbehauptung und die Fähigkeit, dem eigenen Leben eine Richtung zu geben.
Rollo May betrachtet beide jedoch als miteinander verbunden.
Der moderne Mensch, so seine Diagnose, hat nicht nur Schwierigkeiten mit der Liebe. Er hat auch Schwierigkeiten mit dem Wollen. Wo Beziehungen unverbindlich werden und Entscheidungen vermieden werden, geraten sowohl die Fähigkeit zur Nähe als auch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung unter Druck.
Die Liebe und der Wille fragt deshalb danach, was es bedeutet, sich wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen – und zugleich ein eigenes Selbst zu bleiben.
Warum dieses Buch geblieben ist
Interessant ist die Verbindung, die May zwischen zwei Bewegungen herstellt, die leicht als Gegensätze erscheinen.
Lieben heißt, sich einem anderen Menschen zu öffnen.
Wollen heißt, eine eigene Richtung zu haben.
Doch vielleicht braucht wirkliche Nähe beides.
Wer nur Nähe sucht, kann sich selbst darin verlieren. Wer nur den eigenen Willen kennt, kann den anderen aus dem Blick verlieren.
May denkt Beziehung deshalb nicht als Auflösung des Ichs. Liebe entsteht nicht dort, wo ein Mensch sich selbst aufgibt, sondern dort, wo zwei Menschen einander begegnen können, ohne dass einer von ihnen verschwinden muss.
Damit berührt das Buch eine Frage, die weit über romantische Liebe hinausgeht:
Wie können wir uns verbinden, ohne uns selbst zu verlieren?
Psychologische Lesespur
Rollo May gehört zu den wichtigen Vertretern der existenziellen Psychologie.
Entsprechend betrachtet er den Menschen nicht nur unter dem Gesichtspunkt psychischer Mechanismen. Ihn interessieren Freiheit, Verantwortung, Entscheidung, Angst und die Frage, wie ein Mensch sein eigenes Leben gestaltet.
Liebe ist in diesem Denken nicht einfach ein Gefühl.
Sie verlangt die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen und sich auf Beziehung einzulassen.
Aber auch der Wille ist mehr als Durchsetzungskraft. Er bezeichnet die Fähigkeit, eine Richtung zu wählen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Gerade in der Verbindung beider Gedanken liegt die besondere Spannung des Buches:
Nähe braucht ein Selbst, das sich einlassen kann.
Und ein Selbst braucht Beziehung, damit Freiheit nicht zu bloßer Abgrenzung wird.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Die Liebe und der Wille macht eine Erfahrung sichtbar, die viele Beziehungen begleitet:
Dass Nähe und Eigenständigkeit keine endgültig lösbaren Gegensätze sind.
Wir möchten verbunden sein und frei bleiben.
Wir möchten geliebt werden und dennoch über unser eigenes Leben bestimmen.
Wir möchten uns einem Menschen anvertrauen, ohne uns ihm auszuliefern.
Vielleicht besteht die Aufgabe deshalb nicht darin, sich zwischen Liebe und Wille zu entscheiden.
Vielleicht geht es darum, beides gleichzeitig auszuhalten:
die Bewegung zum anderen
und die Bewegung zum eigenen Leben.
Lesespuren
Dieses Buch denkt über:
Liebe
Wille
Nähe
Freiheit
Selbstbestimmung
Entscheidung
Verantwortung
Beziehung
Eigenständigkeit
existenzielle Angst
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage interessiert, wie Nähe möglich wird, ohne dass das eigene Selbst darin verschwindet, könnten auch diese Seiten Resonanz entfalten:
Erich Fromm – Die Kunst des Liebens — Liebe erscheint als menschliche Fähigkeit, die Reife, Verantwortung und Eigenständigkeit voraussetzt.
Sue Johnson – Halt mich fest — Ein anderer Blick auf Nähe: Beziehungen werden hier stärker von Bindung, emotionaler Sicherheit und dem Bedürfnis nach Verlässlichkeit her gedacht.
Viktor E. Frankl – Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn — Die Frage nach Freiheit verschiebt sich auf die existenzielle Ebene: Welche Haltung kann ein Mensch zu seinem Leben einnehmen?
Denkspur: Zärtlichkeit lernen — Ein möglicher Denkweg zu der Frage, wie Menschen Nähe zulassen und Beziehung gestalten können.
Regal
P6 – Beziehung / Nähe / Zärtlichkeit
P7 – Existenz / Sinn / Leben
Denkspuren
Zärtlichkeit lernen · Leise Lebensformen
Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.
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