Halt mich fest – Sue Johnson
Autorin: Sue Johnson
Originaltitel: Hold Me Tight: Seven Conversations for a Lifetime of Love
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Psychologie / Paarbeziehung / Bindungstheorie
Worum geht es?
Was geschieht zwischen zwei Menschen, wenn sie sich lieben – und einander trotzdem nicht mehr erreichen?
In Halt mich fest beschreibt die Psychologin und Paartherapeutin Sue Johnson Beziehungskonflikte aus der Perspektive der Bindungstheorie. Im Zentrum steht die Annahme, dass auch erwachsene Liebesbeziehungen wesentlich von unserem Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit geprägt sind.
Viele Konflikte in Partnerschaften kreisen deshalb, so Johnson, nicht nur um das, worüber gerade gestritten wird. Hinter Vorwürfen, Rückzug, Ärger oder Schweigen können andere Fragen liegen:
Bist du für mich da?
Kann ich dich erreichen?
Bin ich dir wichtig?
Johnson zeigt, wie Paare in wiederkehrende negative Beziehungsmuster geraten können – und wie es möglich wird, diese Muster zu erkennen und wieder emotionale Verbindung herzustellen.
Warum dieses Buch geblieben ist
Die vielleicht wichtigste Verschiebung dieses Buches liegt darin, Beziehungskonflikte nicht vorschnell als Kampf zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten zu lesen.
Manchmal kämpfen nicht zwei Menschen gegeneinander.
Manchmal kämpfen beide um Verbindung – nur auf eine Weise, durch die sie einander immer weiter verlieren.
Der eine fordert Nähe und wird lauter.
Der andere fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück.
Je stärker der Rückzug, desto größer wird die Angst des einen.
Je stärker die Forderung, desto größer wird der Rückzug des anderen.
So entsteht ein Kreislauf, in dem beide auf die Entfernung reagieren, die sie gemeinsam immer wieder herstellen.
Halt mich fest richtet den Blick deshalb weniger auf die Frage, wer recht hat.
Es fragt danach, was zwischen zwei Menschen geschieht.
Psychologische Lesespur
Sue Johnson gehört zu den Begründerinnen der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT), deren theoretische Grundlage wesentlich von der Bindungstheorie geprägt ist.
Bindung erscheint hier nicht als Thema, das mit der Kindheit endet.
Auch Erwachsene brauchen Beziehungen, in denen sie sich emotional erreichbar, angenommen und sicher fühlen können.
Aus dieser Perspektive können manche heftigen Paarkonflikte als Bindungsproteste verstanden werden: als Reaktionen auf die Erfahrung oder Befürchtung, den anderen emotional nicht mehr erreichen zu können.
Das bedeutet nicht, dass jeder Konflikt auf Bindungsangst reduziert werden kann.
Aber es eröffnet eine andere Frage.
Nicht nur:
Warum verhältst du dich so?
Sondern:
Was geschieht mit unserer Verbindung, wenn wir beide uns nicht mehr sicher sind, ob der andere noch erreichbar ist?
Damit verschiebt sich der Blick von der Schuldfrage auf das Beziehungsmuster.
Lesespuren
Dieses Buch beschäftigt sich mit:
Bindung im Erwachsenenleben
emotionaler Sicherheit
Nähe und Distanz
Paarbeziehungen
wiederkehrenden Konfliktmustern
Verlustangst und Rückzug
Verletzlichkeit
emotionaler Erreichbarkeit
Verbindung und Vertrauen
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Halt mich fest macht sichtbar, wie verletzlich Nähe ist.
Gerade dort, wo uns ein Mensch besonders wichtig ist, kann seine Distanz besonders bedrohlich werden. Und gerade dort können Schutzbewegungen entstehen, die das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich gesucht wird.
Wir ziehen uns zurück, obwohl wir gehalten werden möchten.
Wir greifen an, obwohl wir Nähe suchen.
Wir werden hart, weil etwas in uns Angst hat, den anderen nicht mehr zu erreichen.
Das Buch öffnet damit einen Blick auf Beziehungen, in dem hinter einem Konflikt manchmal noch eine zweite Geschichte liegt:
die Geschichte zweier Menschen, die versuchen herauszufinden, ob sie einander noch erreichen können.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage interessiert, wie Bindung, Herkunft und erwachsene Beziehungen miteinander verbunden sind, könnten diese Wege weiterführen:
John Bowlby — Seine Arbeiten zur Bindungstheorie bilden eine wichtige theoretische Grundlage für das Verständnis emotionaler Sicherheit.
Erich Fromm – Die Kunst des Liebens — Fromm verschiebt den Blick von der Sehnsucht, geliebt zu werden, auf die Fähigkeit zu lieben.
Murray Bowen – Family Therapy in Clinical Practice — Bowen betrachtet Beziehungen stärker aus systemischer Perspektive und fragt danach, wie familiäre Muster über Generationen weiterwirken.
Denkspur: Zärtlichkeit lernen — Über die Frage, wie Nähe, Verletzlichkeit und Zuwendung überhaupt lebbar werden.
Regal
P6 – Beziehung / Nähe / Zärtlichkeit
Denkspuren
Zärtlichkeit lernen · Herkunft und Familie
Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.
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P6 – Beziehung / Nähe / Zärtlichkeit · Bucharchiv
Tags:
#Bindung #Paarbeziehung #Nähe #Beziehung #Bindungstheorie #EmotionaleSicherheit #Zärtlichkeit