Norwegian Wood – Haruki Murakami


Buchdaten

Titel: Norwegian Wood
Originaltitel: ノルウェイの森 (Noruwei no Mori)
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr: 1987
Genre: Roman · Coming-of-Age

Worum geht es?

Als der 37-jährige Tōru Watanabe in einem Flugzeug "Norwegian Wood" von den Beatles hört, kehrt eine lange zurückliegende Zeit mit großer Intensität zu ihm zurück.

Tokio, Ende der 1960er-Jahre.

Tōru ist Student und trägt den Tod seines besten Freundes Kizuki mit sich. Auch Naoko, Kizukis damalige Freundin, ist von diesem Verlust geprägt.

Zwischen Tōru und Naoko entsteht eine vorsichtige Nähe.

Doch Naoko zieht sich zunehmend aus dem gemeinsamen Leben zurück.

Gleichzeitig begegnet Tōru Midori – direkt, lebendig und ganz anders als Naoko.

Zwischen Erinnerung und Gegenwart, Trauer und Begehren, Festhalten und Weiterleben muss Tōru langsam herausfinden, wie Nähe möglich sein kann, wenn Verlust längst Teil des eigenen Lebens geworden ist.

Warum dieses Buch geblieben ist

Norwegian Wood erzählt von jungen Menschen, die eigentlich am Anfang ihres Lebens stehen.

Und doch ist der Tod ständig anwesend.

Nicht nur als Ereignis.

Sondern als Erfahrung, die Beziehungen verändert.

Murakami macht daraus keinen Roman darüber, wie Trauer "überwunden" wird.

Manche Verluste verschwinden nicht.

Sie werden Teil der eigenen Geschichte.

Gerade Tōrus Beziehung zu Naoko trägt diese Spannung.

Ihre Nähe entsteht nicht unabhängig von Kizuki.

Sie entsteht auch durch ihn.

Beide erinnern sich an denselben Menschen und versuchen zugleich, ein Leben zu führen, in dem dieser Mensch nicht mehr existiert.

Vielleicht liegt eine der schmerzhaftesten Fragen des Romans genau dort:

Wie kann man einem verlorenen Menschen verbunden bleiben, ohne selbst in der Vergangenheit wohnen zu bleiben?

Psychologische Lesespur

Trauer verändert Bindung.

Nach einem Verlust kann Nähe gleichzeitig Trost und Bedrohung bedeuten.

Ein anderer Mensch erinnert an das Verlorene.

Er kann Halt geben.

Und gerade deshalb kann die Vorstellung eines weiteren Verlustes umso schwerer werden.

In Norwegian Wood reagieren die Figuren sehr unterschiedlich darauf.

Manche ziehen sich zurück.

Andere suchen Nähe.

Manche versuchen, das Leben festzuhalten.

Andere wissen noch nicht, ob sie sich ihm überhaupt wieder zuwenden können.

Murakami macht daraus keine einfache Gegenüberstellung zwischen Leben und Tod.

Auch Lebendigkeit schützt nicht vor Schmerz.

Auch Liebe kann niemanden retten.

Vielleicht besteht die schwierige Bewegung des Romans deshalb nicht darin, das Vergangene hinter sich zu lassen.

Sondern darin, ihm einen Platz zu geben, der die Gegenwart nicht vollständig besetzt.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Roman über:

Liebe
Verlust
Trauer
Einsamkeit
Nähe
Erinnerung
Freundschaft
Sexualität
Erwachsenwerden
Weiterleben

Besonders stark führt Norwegian Wood zur Denkspur Zärtlichkeit lernen.

Nähe erscheint hier nicht als selbstverständlicher Schutzraum.

Menschen können einander lieben und trotzdem nicht wissen, wie sie einander erreichen sollen.

Sie können füreinander da sein und dennoch an Grenzen stoßen, die Zuneigung allein nicht überwinden kann.

Gerade dadurch stellt der Roman eine schwierige Frage:

Was bedeutet es, einem Menschen nahe zu sein, wenn man ihn nicht retten kann?

Auch Leise Lebensformen wird berührt.

Viele entscheidende Bewegungen des Romans geschehen in Gesprächen, Spaziergängen, Erinnerungen und langen Momenten des Wartens. Das Eigentliche liegt häufig nicht im Ereignis selbst, sondern darin, wie die Figuren mit dem weiterleben, was geschehen ist.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass Weiterleben nicht dasselbe bedeutet wie Vergessen.

Manche Menschen bleiben in unserer Geschichte, obwohl sie nicht mehr Teil unserer Gegenwart sein können.

Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Aufgaben von Trauer:

dem Verlorenen einen Platz zu geben, ohne ihm das gesamte zukünftige Leben zu überlassen.

Norwegian Wood zeigt, wie schwer diese Bewegung sein kann.

Denn die Vergangenheit besitzt ihre eigene Anziehungskraft.

Erinnerung kann Nähe bewahren.

Sie kann aber auch verhindern, dass neue Nähe entsteht.

Am Ende bleibt deshalb keine einfache Entscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eher die vorsichtige Frage, ob ein Mensch beides tragen kann:

diejenigen, die gegangen sind.

Und das Leben, das trotzdem weitergeht.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Verbindung von Verlust, Erinnerung und der vorsichtigen Rückkehr ins Leben beschäftigt, könnten von hier weitere Spuren führen:

Territory of Light — Yūko Tsushima
Auch hier muss ein Mensch lernen, nach einem Bruch in einem veränderten Alltag weiterzuleben, ohne dass das Vergangene einfach verschwindet.

Kitchen — Banana Yoshimoto
Trauer und Verlust stehen ebenfalls am Anfang – und daraus entsteht die leise Frage, welche Formen von Nähe einen Menschen wieder mit dem Leben verbinden können.

Unsere Seelen bei Nacht — Kent Haruf
Ein Roman über eine andere Lebensphase, aber eine verwandte Frage: Wie viel Nähe wagen Menschen noch, wenn sie Verlust bereits kennen?

Denkspur: Zärtlichkeit lernen
Hier führen Bücher zusammen, die danach fragen, wie Nähe möglich wird, ohne einen anderen Menschen besitzen, verändern oder retten zu müssen.

Regal
4 – Existenz / Sinn

Denkspuren
Zärtlichkeit lernen · Leise Lebensformen

Essays zu diesem Buch
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