Middlemarch – George Eliot


Buchdaten

Titel: Middlemarch
Originaltitel: Middlemarch. A Study of Provincial Life
Autorin: George Eliot
Erscheinungsjahr: 1871–1872
Genre: Gesellschaftsroman · Entwicklungsroman

Worum geht es?

Middlemarch erzählt nicht nur eine Geschichte.

George Eliot entwirft das Geflecht einer ganzen englischen Provinzgesellschaft – und folgt darin mehreren Menschen, die Vorstellungen davon haben, wie ihr Leben einmal aussehen soll.

Im Zentrum steht Dorothea Brooke.

Sie ist jung, idealistisch und möchte ein Leben führen, das Bedeutung besitzt. In dem älteren Gelehrten Edward Casaubon glaubt sie einen Menschen gefunden zu haben, an dessen Seite sie an etwas Größerem teilhaben kann.

Die Ehe erfüllt diese Hoffnung nicht.

Parallel dazu erzählt Eliot unter anderem von dem jungen Arzt Tertius Lydgate, der mit großen beruflichen Idealen nach Middlemarch kommt, von seiner Ehe mit Rosamond Vincy und von Fred Vincy und Mary Garth.

Fast alle Figuren wollen etwas aus ihrem Leben machen.

Und fast alle müssen erfahren, dass ein Leben niemals allein nach den eigenen Vorstellungen entsteht.

Andere Menschen haben Wünsche.

Familien haben Erwartungen.

Geld schafft Abhängigkeiten.

Gesellschaftliche Rollen setzen Grenzen.

So wird Middlemarch zu einem großen Roman darüber, was zwischen einem erträumten und einem tatsächlich gelebten Leben geschieht.

Warum dieses Buch geblieben ist

Dorotheas Wunsch ist zunächst etwas Schönes.

Sie möchte nicht oberflächlich leben.

Sie möchte nützlich sein.

Etwas verstehen.

Etwas beitragen.

Gerade diese Sehnsucht führt sie jedoch in eine Beziehung, in der ihre eigenen Möglichkeiten immer kleiner werden.

Das macht Middlemarch für Lesespuren besonders interessant.

Denn Eliot erzählt nicht einfach von einer jungen Frau, die den falschen Mann heiratet.

Sie zeigt eine schwierigere Bewegung:

Auch gute Eigenschaften können einen Menschen in eine ungute Bindung führen.

Idealismus.

Loyalität.

Bescheidenheit.

Der Wunsch, einem anderen Menschen zu helfen.

Keine dieser Eigenschaften ist an sich problematisch.

Doch wenn Güte bedeutet, die eigenen Bedürfnisse immer weniger wahrzunehmen, verändert sie ihre Gestalt.

Vielleicht liegt genau darin eine der großen Stärken von Middlemarch:

Der Roman interessiert sich nicht nur dafür, welche Entscheidungen Menschen treffen.

Er fragt, welche Vorstellungen von sich selbst sie zu diesen Entscheidungen führen.

Psychologische Lesespur

Menschen gehen nicht als fertige Persönlichkeiten in Beziehungen.

Sie bringen Wünsche mit.

Vorstellungen.

Sehnsüchte.

Und manchmal auch ein Bild davon, wer sie selbst innerhalb einer Beziehung sein möchten.

Dorothea möchte nicht einfach geliebt werden.

Sie möchte Teil eines bedeutungsvollen Lebens sein.

Casaubon scheint zunächst genau dieses Leben zu verkörpern.

Damit verliebt sie sich auch in eine Vorstellung.

Erst innerhalb der Ehe wird sichtbar, dass der wirkliche Mensch dieser Vorstellung nicht entspricht.

Middlemarch zeigt, wie schwierig es sein kann, eine solche innere Konstruktion wieder aufzugeben.

Denn dann muss nicht nur ein anderer Mensch anders gesehen werden.

Auch das eigene Selbstbild gerät ins Wanken.

Vielleicht beginnt Entwicklung deshalb manchmal mit einer schmerzhaften Erkenntnis:

Dass ein Lebensentwurf, den wir aus guten Gründen gewählt haben, trotzdem nicht der richtige für uns sein muss.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Roman über:

Ehe
Lebensentwürfe
Selbstverwirklichung
Güte
Selbstaufgabe
gesellschaftliche Erwartungen
Frauenleben
Idealismus
Enttäuschung
Entwicklung
verpasste Möglichkeiten
Verantwortung

Besonders stark gehört Middlemarch zur Denkspur Unglückliche Ehen.

Eliot zeigt Ehe nicht nur als private Beziehung zwischen zwei Menschen.

Eine Ehe verändert Möglichkeiten.

Sie beeinflusst Geld, gesellschaftliche Stellung, Arbeit und die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten.

Dorothea und Lydgate erleben auf unterschiedliche Weise, wie eine Beziehung, von der sie sich zunächst Zukunft versprochen haben, den eigenen Handlungsspielraum verengen kann.

Ebenso stark führt der Roman zu Starke Frauenlinien.

Dorotheas Entwicklung besteht nicht darin, plötzlich rücksichtslos ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Sie muss vielmehr lernen, dass ein sinnvolles Leben nicht verlangt, das eigene Selbst dafür verschwinden zu lassen.

Gerade darin liegt ihre Stärke.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass wir uns bei einer Entscheidung darüber irren können, was uns glücklich machen wird.

Und dass ein solcher Irrtum nicht bedeutet, dass die ursprüngliche Sehnsucht falsch gewesen sein muss.

Dorotheas Wunsch nach einem sinnvollen Leben ist echt.

Lydgates Wunsch, als Arzt etwas Bedeutendes zu leisten, ebenfalls.

Doch zwischen einem Wunsch und seiner Verwirklichung liegen andere Menschen, gesellschaftliche Bedingungen und die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung.

Middlemarch nimmt diese Begrenztheit ernst.

Menschen erkennen einander nicht vollständig.

Sie erkennen auch sich selbst nicht vollständig.

Manchmal müssen sie erst ein Stück des falschen Lebens leben, bevor sie verstehen können, was ihr eigenes sein könnte.

Vielleicht besteht Reife deshalb nicht darin, von Anfang an die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Sondern darin, sich von einer einmal getroffenen Entscheidung nicht für immer bestimmen zu lassen.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders interessiert, wie Güte, Ehe und der Wunsch nach einem eigenen Leben miteinander in Konflikt geraten können, könnten von hier weitere Spuren führen:

Die Mittagsfrau — Julia Franck
Auch hier wird sichtbar, wie gesellschaftliche Bedingungen, Mutterschaft und Beziehungen den Raum verändern, in dem eine Frau überhaupt ein eigenes Leben entwickeln kann.

Brüste und Eier — Mieko Kawakami
Aus einer völlig anderen Zeit und Gesellschaft kommt die verwandte Frage, wer eigentlich bestimmt, wie ein gelungenes Frauenleben auszusehen hat.

Denkspur: Unglückliche Ehen
Hier führen Bücher zusammen, die danach fragen, was mit Menschen geschieht, wenn eine Beziehung, die einmal Zukunft versprach, zunehmend den Raum für das eigene Leben begrenzt.

Denkspur: Starke Frauenlinien
Diese Spur verbindet Frauenfiguren, deren Stärke nicht darin liegt, unverletzlich zu sein, sondern darin, innerhalb vorgegebener Lebensformen eine eigene Stimme und einen eigenen Weg zu finden.

Regal
2 – Ich und die Welt

Denkspuren
Unglückliche Ehen · Starke Frauenlinien

Essays zu diesem Buch
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