Meine geniale Freundin – Elena Ferrante
Buchdaten

Titel: Meine geniale Freundin
Originaltitel: L'amica geniale
Autorin: Elena Ferrante
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Roman · Gesellschaftsroman · Entwicklungsroman
Worum geht es?
Elena Greco blickt auf die Geschichte ihrer Freundschaft mit Raffaella Cerullo zurück, die alle nur Lila nennen. Beide wachsen in den 1950er-Jahren in einem armen Viertel Neapels auf – in einer Welt, die von Gewalt, sozialen Hierarchien, familiären Erwartungen und sehr begrenzten Möglichkeiten geprägt ist.
Schon als Kinder sind Elena und Lila eng miteinander verbunden. Gleichzeitig beginnt zwischen ihnen ein lebenslanger Wettbewerb.
Lila ist außergewöhnlich klug, eigenwillig und furchtlos. Elena bewundert sie und misst sich an ihr. Als Elena weiter zur Schule gehen darf, während Lila die Schule verlassen und in der Schusterei ihrer Familie arbeiten muss, beginnen sich ihre Lebenswege auseinanderzubewegen.
Meine geniale Freundin erzählt deshalb nicht nur von einer Freundschaft. Der Roman zeigt, wie Herkunft darüber entscheidet, welche Möglichkeiten ein Mensch überhaupt wahrnehmen kann – und was geschieht, wenn zwei Mädchen versuchen, innerhalb derselben engen Welt unterschiedliche Wege zu finden.
Warum dieses Buch geblieben ist
Die Freundschaft zwischen Elena und Lila ist weder harmonisch noch eindeutig.
Sie besteht aus Nähe und Konkurrenz, Bewunderung und Neid, Loyalität und Verletzung. Beide treiben einander an. Beide beobachten einander. Und immer wieder scheint die andere das Leben zu besitzen, das einem selbst fehlt.
Besonders stark ist dabei die unterschiedliche Bedeutung von Bildung.
Lila besitzt eine beinahe wilde intellektuelle Begabung. Sie lernt schnell, liest selbstständig und scheint Elena lange in allem voraus zu sein. Doch Begabung allein reicht nicht.
Elena darf weiterlernen.
Lila nicht.
Damit zeigt Ferrante etwas Entscheidendes: Bildung ist nicht nur eine Frage von Intelligenz oder Fleiß. Sie hängt auch davon ab, ob eine Familie, eine Schule und ein soziales Umfeld einem Menschen überhaupt erlauben, diesen Weg zu gehen.
Für Elena wird Bildung allmählich zu einer Möglichkeit, das Viertel zu verlassen.
Aber Weggehen bedeutet nicht automatisch, die Herkunft hinter sich zu lassen.
Psychologische Lesespur
Zwischen Elena und Lila entsteht früh eine Beziehung, in der das eigene Selbst immer wieder über die andere wahrgenommen wird.
Elena fragt sich nicht nur, wer sie ist.
Sie fragt sich, wer sie im Vergleich zu Lila ist.
Lilas Intelligenz spornt sie an. Ihre Unberechenbarkeit verunsichert sie. Ihre Anerkennung kann Elena stärken, ihre Überlegenheit sie erschüttern.
Dadurch entsteht eine Freundschaft, in der Identität nicht unabhängig voneinander wächst, sondern in permanenter gegenseitiger Spiegelung.
Gleichzeitig entwickeln beide unterschiedliche Strategien im Umgang mit ihrer Herkunft.
Elena bewegt sich über Anpassung, Bildung und Leistung langsam aus dem Viertel hinaus. Sie lernt die Sprache und die Regeln einer anderen gesellschaftlichen Welt.
Lila bleibt stärker im unmittelbaren Umfeld gebunden und widersetzt sich ihm zugleich mit großer Kraft.
Keine der beiden Bewegungen ist einfach.
Denn wer seine Herkunft verlässt, nimmt sie mit.
Und wer bleibt, kann ihr trotzdem innerlich längst entwachsen sein.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Freundschaft
weibliche Konkurrenz
Herkunft
Bildung
soziale Ungleichheit
weibliche Selbstwerdung
Zugehörigkeit
Aufstieg
Gewalt
das Weggehen aus der eigenen Herkunft
Besonders stark gehört Meine geniale Freundin zu den Denkspuren Bildung als Ausweg und Weggehen aus der Herkunft.
Ebenso führt der Roman zu Herkunft und Familie und Starke Frauenlinien.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Dass ein Mensch seine Herkunft verlassen kann, ohne dass die Herkunft ihn verlässt.
Elena bekommt durch Bildung Zugang zu einer Welt, die ihrer Familie weitgehend verschlossen bleibt. Mit jedem Schritt nach außen wächst jedoch auch die Distanz zu dem Ort, aus dem sie kommt.
Neue Sprache, neues Wissen und neue Möglichkeiten verändern nicht nur ihre Zukunft.
Sie verändern ihre Zugehörigkeit.
Ferrante zeigt damit eine Erfahrung sozialen Aufstiegs, die sich nicht vollständig als Erfolg erzählen lässt. Wer eine Herkunft hinter sich lässt, gewinnt Möglichkeiten – kann aber zugleich beginnen, zwischen verschiedenen Welten zu stehen.
Und neben Elena bleibt Lila.
Als Freundin, Rivalin, Gegenbild und vielleicht als Erinnerung daran, wie anders dasselbe Leben hätte verlaufen können.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Herkunft, Bildung und soziale Möglichkeiten ein Leben formen, könnten diese Spuren weiterführen:
Der Platz — Annie Ernaux
Eine autobiografische Erzählung über sozialen Aufstieg und die Distanz, die entstehen kann, wenn Bildung einen Menschen aus dem Herkunftsmilieu herausführt.
Pachinko — Min Jin Lee
Zeigt über mehrere Generationen, wie Herkunft, gesellschaftliche Zuschreibungen und begrenzte Möglichkeiten Lebenswege prägen.
Denkspur: Bildung als Ausweg
Versammelt Bücher über Bildung als Möglichkeit des Aufbruchs – und über den Preis, den das Verlassen einer vertrauten sozialen Welt haben kann.
Denkspur: Weggehen aus der Herkunft
Fragt danach, was Menschen gewinnen, verlieren und mitnehmen, wenn sie beginnen, sich aus ihrer Herkunft herauszubewegen.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Bildung als Ausweg · Weggehen aus der Herkunft · Herkunft und Familie
Essays zu diesem Buch
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