Zärtlichkeit braucht oft Sicherheit
Zärtlichkeit gilt häufig als etwas Einfaches, beinahe als natürliche Sprache von Nähe, Verbundenheit und Liebe. Zwei Menschen vertrauen einander, also öffnen sie sich, zeigen sich weich, verletzlich, körperlich und emotional zugänglich.
Doch vielleicht liegt darin bereits eine Verkürzung. Denn die Fähigkeit, sich zu öffnen, ist nicht dasselbe wie die Fähigkeit zu erkennen, wo Offenheit sicher aufgehoben ist.
Manche Menschen haben keine besondere Angst vor Nähe. Im Gegenteil: Sie können intensiv lieben, sich tief verbinden, Vertrauen schenken und andere sehr nah an sich heranlassen. Ihre Entwicklungsaufgabe besteht deshalb möglicherweise gar nicht darin, noch mehr Nähe zuzulassen, sondern darin, Nähe zu dosieren.
Wenn Vertrautheit mit Sicherheit verwechselt wird
Menschen reagieren nicht nur auf das, was ihnen guttut, sondern auch auf das, was ihnen bekannt vorkommt. Eine bestimmte Art von Beziehung kann deshalb sehr früh ein Gefühl von Vertrautheit erzeugen. Man versteht die Bewegungen des anderen scheinbar schnell, manches fühlt sich bekannt an, ohne dass man genau sagen könnte, woher dieses Wiedererkennen kommt.
Doch Vertrautheit und Sicherheit sind nicht dasselbe.
Vertrautheit ist zunächst ein Gefühl. Sicherheit entsteht aus Erfahrung.
Ein Mensch kann sich vertraut anfühlen und dennoch weitgehend ungeprüft sein. Das innere Wiedererkennen sagt lediglich: Dieses Gelände kenne ich. Es sagt noch nichts darüber aus, ob man sich auf diesem Gelände sicher bewegen kann.
Elizabeth Strouts Die Unvollkommenheit der Liebe berührt genau diese schwierige Nachbarschaft von Vertrautheit und Sicherheit. Lucy Barton liegt im Krankenhaus, als ihre Mutter nach vielen Jahren der Distanz an ihrem Bett erscheint. Zwischen beiden entsteht Nähe, und zugleich bleibt die gemeinsame Vergangenheit im Raum. Liebe und Verletzung lassen sich nicht sauber voneinander trennen. Gerade deshalb wird spürbar, wie wenig das Vertraute darüber aussagt, ob ein Mensch sich darin auch geborgen fühlen kann.
Gerade für Menschen, die gut darin sind, Beziehungen zu lesen, kann diese Unterscheidung bedeutsam sein. Wer früh gelernt hat, Stimmungen wahrzunehmen, Zusammenhänge zu verstehen und auf andere Menschen zu reagieren, kann sich auch in schwierigem Gelände erstaunlich schnell orientieren. Doch Orientierungsfähigkeit ist noch kein Beweis dafür, dass dieses Gelände gut für einen ist.
Ein Schutzsystem zur falschen Zeit
Manchmal liegt das Problem deshalb gar nicht in einem schwachen Schutzsystem, sondern in seiner zeitlichen Verteilung.
Zu Beginn einer Beziehung steht vielleicht große Offenheit. Vertrauen wird bereitwillig gegeben, Verletzlichkeit gezeigt und Nähe schnell zugelassen. Erst wenn Irritationen auftreten, beginnt die eigentliche Schutzarbeit: Man beobachtet genauer, denkt nach, erklärt, ordnet ein, versucht zu verstehen und zu reparieren. Vielleicht wird sogar zusätzliche Verantwortung übernommen, um die Beziehung wieder zu stabilisieren.
So kann eine eigentümliche Schutzarchitektur entstehen:
Die Eingangskontrolle ist offen, während im Inneren später ein gewaltiger Sicherheitsapparat aufgebaut werden muss.
Die Fähigkeit, Beziehung zu erhalten, kann dabei hoch entwickelt sein. Weniger selbstverständlich ist möglicherweise die Fähigkeit, schon früh zu prüfen, wem wie viel Zugang gewährt werden soll.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: Kann ich mich öffnen? Sie verschiebt sich zu einer anderen: Hat dieser Mensch bereits gezeigt, dass meine Offenheit bei ihm sicher ist?
Grenzen sind Erkenntnisinstrumente
Sicherheit lässt sich am Anfang einer Beziehung nicht wissen. Sie muss sich mit der Zeit zeigen – und ausgerechnet Grenzen liefern dafür wichtige Informationen.
Was geschieht, wenn jemand Nein sagt oder Nähe gerade nicht wünscht? Was passiert mit einem Widerspruch? Wie reagiert ein Mensch auf Enttäuschung, und kann er eine andere Meinung stehen lassen, ohne sie als Angriff zu erleben? Bleibt Respekt erhalten, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden?
Auch der Umgang mit Verletzlichkeit gehört zu diesen Erfahrungen. Was geschieht mit etwas, das im Vertrauen erzählt wurde? Wird es geschützt, oder taucht es im nächsten Konflikt als Munition wieder auf? Kann Fürsorge gegeben werden, ohne dass später eine Rechnung dafür vorgelegt wird?
Grenzen sind deshalb nicht nur Mauern, die errichtet werden, wenn bereits etwas schiefgegangen ist. Grenzen machen Beziehung sichtbar, weil sich an ihnen zeigt, ob Nähe die Selbstständigkeit des anderen respektiert.
Ein Nein zerstört sichere Nähe nicht, sondern gehört zu ihr. Vielleicht lässt sich sogar sagen:
Erst wenn Nein sicher ist, kann Ja wirklich freiwillig sein.
Charlotte Brontës Jane Eyre erzählt diese Verbindung von Liebe und Grenze auf eine bemerkenswert frühe und radikale Weise. Jane muss nicht erst lernen zu lieben; dazu ist sie längst fähig. Entscheidend wird vielmehr, dass ihre Liebe zu Rochester nicht verlangen darf, sich selbst preiszugeben. Gerade weil ihre Gefühle stark sind, bekommt die Grenze Gewicht. Sie schützt nicht vor der Liebe, sondern etwas, das auch innerhalb der Liebe bestehen bleiben muss.
Nicht jede Offenheit muss sofort vollständig sein
Die Alternative dazu ist nicht Misstrauen. Es geht nicht darum, künftig mit hochgezogener Zugbrücke auf jeden Menschen zu warten und Beweise seiner Harmlosigkeit zu verlangen.
Es geht vielmehr um graduellen Zugang.
Man kann ein wenig Offenheit zeigen und beobachten, was damit geschieht, etwas Vertrauen geben und erfahren, wie damit umgegangen wird. Eine kleine Grenze kann sichtbar machen, ob sie respektiert wird; ein Konflikt kann zeigen, ob Reparatur möglich ist. Auch Verletzlichkeit muss nicht vollständig auf einmal übergeben werden, sondern darf sich dort vertiefen, wo die Erfahrung entsteht, dass sie geschützt bleibt.
So kann Nähe wachsen, ohne dass der gesamte innere Raum bereits geöffnet werden muss, bevor ausreichend Erfahrung mit dem anderen vorhanden ist.
Das ist keine geringere Bindungsfähigkeit. Es ist Unterscheidungsfähigkeit innerhalb von Bindung.
Wenn Grenzen erst spät entstehen
Manche Menschen lernen Begrenzung erst, nachdem sie längst gelernt haben, sehr viel zu tragen. Sie können Verantwortung übernehmen, Konflikte auffangen und Beziehungen lange stabilisieren, während das Setzen einer Grenze zunächst beinahe wie das Gegenteil von Beziehung erscheint.
Eine wichtige Gegenerfahrung entsteht dort, wo Schutz plötzlich nicht mehr ausschließlich bedeutet, etwas zusammenzuhalten. Dann wird sichtbar, dass Schutz auch bedeuten kann, etwas zu begrenzen.
Eine Grenze muss nicht gegen Liebe gerichtet sein. Sie kann gerade daraus entstehen, dass etwas schützenswert geworden ist. Und irgendwann kann sich diese Erkenntnis erweitern: Was selbstverständlich für andere gilt, darf auch für die eigene Person gelten.
Auch meine Grenze braucht keinen zusätzlichen Rechtfertigungsgrund.
Damit verändert sich die Vorstellung von Schutz. Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich: Wie halte ich eine Beziehung sicher? Daneben tritt eine zweite, vielleicht ebenso wichtige: Wie bleibe ich innerhalb einer Beziehung mir selbst zugehörig?
Selbstzugehörigkeit verändert Nähe
Vielleicht ist Selbstzugehörigkeit sogar eine Voraussetzung reifer Zärtlichkeit. Denn Zärtlichkeit verlangt Öffnung, aber Öffnung muss nicht Selbstaufgabe bedeuten.
Ein Mensch kann sich einem anderen sehr weit anvertrauen und zugleich wissen, dass der eigene Körper der eigene bleibt, dass ein Nein weiterhin möglich ist und die eigene Wahrnehmung nicht dadurch ungültig wird, dass jemand anderes sie anders erlebt. Grenzen verschwinden nicht durch Liebe. Nähe darf gewollt sein und später wieder zu viel werden. Auch die Einschätzung eines Menschen darf sich verändern, wenn neue Erfahrungen hinzukommen.
Wie grundlegend diese Selbstzugehörigkeit für Zärtlichkeit sein könnte, wird vielleicht gerade dort besonders sichtbar, wo sie kaum noch vorhanden ist. Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin führt in einen ungleich dunkleren Beziehungsraum. Nähe, Begehren, Macht, Kontrolle und Verletzung geraten so eng ineinander, dass kaum noch auszumachen ist, wo Zärtlichkeit überhaupt beginnen könnte. Der Roman bietet damit keine Gegenanleitung und schon gar keine psychologische Illustration. Er zeigt vielmehr, wie verstörend Nähe werden kann, wenn Begehren nicht selbstverständlich mit einem sicheren eigenen Raum verbunden ist.
Gerade diese dunkle Gegenbewegung macht sichtbar, was in einem Begriff wie Selbstzugehörigkeit steckt. Sicherheit muss nicht allein dadurch entstehen, dass eine Beziehung um jeden Preis erhalten bleibt. Sie entsteht zunehmend aus dem Wissen:
Ich verlasse mich selbst innerhalb dieser Beziehung nicht.
Damit verändert sich auch die Bedeutung von Hingabe. Sie muss nicht heißen, die eigene Grenze aufzugeben. Vielleicht wird tiefe Hingabe überhaupt erst dort möglich, wo ein Mensch weiß, dass er jederzeit zu seiner Grenze zurückkehren darf.
Die Entwicklungsaufgabe ist nicht Verschlossenheit
Wer einmal erlebt hat, dass Offenheit schlecht aufgehoben war, könnte daraus eine scheinbar logische Konsequenz ziehen und sich künftig weniger öffnen. Doch damit würde lediglich das eine Extrem durch das andere ersetzt.
Die reifere Bewegung könnte darin bestehen, offen zu bleiben und zugleich unterscheiden zu lernen.
Nicht jeder Mensch erhält sofort denselben Zugang. Eine starke Anziehung ist noch kein Vertrauen, und ein Gefühl von Vertrautheit noch keine Sicherheit. Auch Zärtlichkeit ist nicht automatisch liebevoll, nur weil sie als solche bezeichnet wird, ebenso wenig wie eine Grenze bereits das Scheitern von Nähe bedeutet.
Vielleicht besteht die eigentliche Entwicklung deshalb weder in größerer Offenheit noch in größerer Vorsicht. Sie liegt darin, scheinbare Gegensätze miteinander verbinden zu können: Offenheit und Grenze, Nähe und Selbstzugehörigkeit, Vertrauen und Beobachtung, Hingabe und die Möglichkeit des Rückzugs.
Zärtlichkeit braucht dann keine absolute Sicherheit. Die gibt es zwischen Menschen nicht. Sie braucht etwas Realistischeres: genügend Erfahrung damit, dass die eigene Selbstzugehörigkeit auch in der Nähe eines anderen bestehen bleiben darf.
Vielleicht muss ein Mensch, der sehr gut lieben kann, deshalb irgendwann gar nicht lernen, sich noch weiter zu öffnen. Vielleicht muss er lernen, seine Offenheit zu bewachen, ohne sie einzusperren.
Nicht jede Tür muss geschlossen bleiben. Aber Nähe darf sich daran vertiefen, was ein Mensch mit dem Zugang macht, den man ihm gibt.
Regal
P6 – Beziehung / Nähe / Zärtlichkeit
Denkspur
Zärtlichkeit lernen
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