Jane Eyre – Charlotte Brontë

Buchdaten

Titel: Jane Eyre
Originaltitel: Jane Eyre: An Autobiography
Autorin: Charlotte Brontë
Erscheinungsjahr: 1847
Genre: Roman · Bildungsroman · Literarischer Klassiker

Worum geht es?

Jane Eyre wächst als Waise bei Verwandten auf, bei denen sie früh erfährt, was es bedeutet, abhängig zu sein und dennoch nicht wirklich dazuzugehören.

Nach Jahren in der strengen Internatsschule Lowood beginnt sie als Gouvernante auf Thornfield Hall zu arbeiten. Dort begegnet sie Edward Rochester, dem Hausherrn. Zwischen beiden entwickelt sich eine Beziehung, die Jane vor eine grundlegende Frage stellt:

Wie kann sie lieben, ohne sich selbst aufzugeben?

Denn Jane Eyre erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte. Der Roman begleitet eine Frau, die immer wieder in Verhältnisse gerät, in denen andere mehr Macht besitzen als sie – durch Geld, Herkunft, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.

Und die dennoch darauf besteht, dass ihr inneres Leben denselben Wert besitzt wie das der Menschen, von denen sie abhängig ist.

Warum dieses Buch geblieben ist

Jane besitzt über weite Teile des Romans erstaunlich wenig äußere Macht.

Sie hat kein Vermögen. Keine einflussreiche Familie. Keine gesellschaftliche Stellung, die sie schützen könnte.

Was sie besitzt, ist etwas viel Unauffälligeres:

eine Vorstellung davon, was sie sich selbst schuldig ist.

Das macht sie nicht unangreifbar. Jane sehnt sich nach Zugehörigkeit, Liebe und einem Ort, an dem sie bleiben kann. Gerade deshalb haben ihre Entscheidungen Gewicht.

Denn Selbstständigkeit wäre leicht, wenn ihr Beziehungen gleichgültig wären.

Das sind sie nicht.

Jane möchte lieben und geliebt werden. Aber sie erkennt immer wieder eine Grenze, an der Beziehung in Selbstverlust übergehen könnte.

Damit stellt Charlotte Brontë eine Frage, die weit über die gesellschaftlichen Bedingungen des 19. Jahrhunderts hinausweist:

Wie bleibt man sich selbst treu, wenn genau das bedeuten könnte, einen Menschen zu verlieren, den man liebt?

Psychologische Lesespur

Eine psychologische Lesespur führt über Bindung, Selbstwert und innere Autonomie.

Janes frühe Beziehungen vermitteln ihr wenig Sicherheit. Zugehörigkeit ist prekär, Zuwendung nicht selbstverständlich, Abhängigkeit mit Macht verbunden.

Es wäre deshalb naheliegend, ihre spätere Sehnsucht nach Beziehung ausschließlich aus diesen Erfahrungen zu erklären.

Doch der Roman macht etwas Interessanteres.

Jane sucht Nähe, ohne ihre Fähigkeit zur Abgrenzung vollständig aufzugeben.

Gerade in ihrer Beziehung zu Rochester wird sichtbar, dass Liebe und Selbstbehauptung keine Gegensätze sein müssen – dass sie aber in Konflikt geraten können, wenn die Bedingungen einer Beziehung die Gleichwertigkeit zweier Menschen infrage stellen.

Psychologisch lässt sich darin eine Bewegung zur Differenzierung erkennen: verbunden bleiben zu können, ohne die eigene Position vollständig in der Beziehung aufzulösen.

Jane muss dafür nicht lernen, niemanden zu brauchen.

Sie muss lernen, dass Bedürftigkeit nicht bedeutet, jeden Preis für Zugehörigkeit zahlen zu müssen.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Jane Eyre macht sichtbar, dass ein eigenes Leben nicht erst mit völliger Unabhängigkeit beginnt.

Menschen sind abhängig voneinander.

Sie brauchen Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Liebe.

Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht, wie man vollkommen unabhängig wird.

Sondern:

Was darf eine Beziehung von einem Menschen verlangen?

Jane widersetzt sich immer wieder Situationen, in denen andere definieren möchten, welchen Platz sie einnehmen soll.

Dabei geht es ihr nicht um grenzenlose Freiheit.

Sie möchte dazugehören.

Aber sie möchte innerhalb dieser Zugehörigkeit als vollständiger Mensch bestehen bleiben.

Vielleicht liegt darin die erstaunliche Modernität dieses Romans.

Jane kämpft nicht darum, niemanden zu brauchen.

Sie kämpft darum, lieben zu können, ohne dafür kleiner werden zu müssen.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Roman über:

Selbstachtung
über die Fähigkeit, dem eigenen inneren Maßstab Bedeutung zu geben, auch wenn äußere Macht fehlt.

Liebe und Gleichwertigkeit
über Beziehungen, in denen Nähe nur dann tragen kann, wenn beide Menschen als eigenständig anerkannt werden.

Herkunft
über ein Leben, dessen Möglichkeiten zunächst stark durch fehlende Familie, Besitz und gesellschaftliche Stellung begrenzt sind.

Bildung und Selbstständigkeit
über Bildung und Arbeit als Wege zu einem größeren Maß eigener Handlungsfähigkeit.

Zugehörigkeit
über die Sehnsucht nach einem Ort und Menschen, bei denen man bleiben kann, ohne sich dafür selbst aufzugeben.

Selbstwerdung
über die schwierige Bewegung zwischen Bindung und einem eigenen inneren Leben.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Menschen innerhalb von Liebe und gesellschaftlichen Erwartungen ein eigenes Leben bewahren, könnten von hier weitere Lesespuren führen:

Die Herrin von Wildfell Hall — Anne Brontë
Stellt noch radikaler die Frage, was eine Frau tun kann, wenn Ehe und gesellschaftliche Ordnung ihre Selbstbestimmung bedrohen.

Middlemarch — George Eliot
Zeigt, wie Ideale, Liebe und gesellschaftliche Möglichkeiten darüber entscheiden können, welchen Raum eine Frau für ihr eigenes Leben findet.

Pachinko — Min Jin Lee
Erzählt unter ganz anderen historischen Bedingungen von Frauen, die innerhalb enger gesellschaftlicher und familiärer Strukturen Handlungsspielräume schaffen.

Denkspur: Starke Frauenlinien
Verbindet Bücher über Frauen, deren Stärke nicht in Unverletzbarkeit liegt, sondern darin, innerhalb begrenzender Verhältnisse ein eigenes Leben zu behaupten.

Regal
1 – Ich

Denkspuren
Starke Frauenlinien · Bildung als Ausweg · Cyclebreaking

Essays zu diesem Buch
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