Was macht Menschen zu Familie?

23.07.2026

Harry Potter, Goethes Wahlverwandtschaften und die Frage, wie viel Wahl eigentlich in unseren Beziehungen liegt

Familie scheint zunächst eine erstaunlich einfache Sache zu sein. Man wird in sie hineingeboren. Eltern, Geschwister, Großeltern, Verwandtschaft – eine Ordnung, die schon existiert, bevor man selbst etwas zu ihr beitragen kann.

Literatur misstraut dieser Einfachheit seit Langem.

Sie erzählt von Menschen, die einander verwandt sind und einander dennoch fremd bleiben. Von Menschen, die keine gemeinsame Herkunft haben und füreinander zu Familie werden. Und von Beziehungen, die gewählt erscheinen, obwohl sich die Beteiligten vielleicht gar nicht so frei entschieden haben, wie das Wort "Wahl" vermuten lässt.

Vielleicht beginnt die interessantere Frage deshalb erst dort, wo die biologische Verwandtschaft als Antwort nicht mehr ausreicht:

Was macht Menschen eigentlich zu Familie?

Eine Familie, in der kein Zuhause entsteht

Harry Potter wächst bei seinen nächsten lebenden Verwandten auf. Die Dursleys erfüllen damit zunächst die formale Ordnung von Familie: Tante, Onkel, Cousin, gemeinsamer Haushalt.

Und doch fehlt fast alles, was aus dieser Ordnung ein Zuhause machen könnte.

Harry wird versorgt, aber nicht wirklich aufgenommen. Er gehört zum Haushalt und bleibt gleichzeitig jemand, dessen Anwesenheit möglichst wenig Raum einnehmen soll. Seine Herkunft wird verschwiegen, seine Besonderheit abgewertet, die Erinnerung an seine Eltern verzerrt.

Das Interessante daran ist nicht nur die Grausamkeit der Dursleys.

Interessanter ist die Trennung, die dadurch sichtbar wird:

Verwandtschaft erzeugt noch keine Zugehörigkeit.

Mit Hogwarts verändert sich deshalb für Harry weit mehr als seine Umgebung. Er entdeckt nicht bloß eine magische Welt. Er begegnet Menschen, bei denen Beziehung anders funktioniert.

Ron und Hermine werden Freunde. Hagrid wird zu einer verlässlichen Bezugsperson. Molly und Arthur Weasley öffnen einen familiären Raum, der Harry nicht aufgrund biologischer Zugehörigkeit einschließt. Sirius verbindet ihn zwar über seine Eltern mit der Vergangenheit, doch auch diese Beziehung gewinnt ihre Bedeutung nicht allein aus dieser Verbindung.

Harry findet nach und nach Menschen, bei denen er nicht deshalb bleiben darf, weil eine verwandtschaftliche Ordnung es verlangt.

Er wird gewollt.

Die Familie, die man findet

Dafür gibt es inzwischen einen vertrauten Begriff: chosen family, gewählte Familie.

Er klingt zunächst befreiend.

Wenn Herkunft nicht trägt, können andere Beziehungen tragen. Menschen sind nicht vollständig an jene gebunden, zu denen sie zufällig geboren wurden. Freundschaft, Fürsorge, Loyalität und gemeinsam verbrachte Zeit können Verbindungen entstehen lassen, die eine familiäre Qualität gewinnen.

Harry Potter erzählt sehr überzeugend davon.

Aber das Wort "gewählt" enthält eine Schwierigkeit.

Denn suchen wir uns tatsächlich aus, welcher Mensch uns wichtig wird?

Wir können entscheiden, eine Freundschaft zu pflegen. Wir können Verantwortung übernehmen. Wir können bleiben oder gehen. Aber die erste Bewegung auf einen Menschen zu entsteht häufig vor dieser bewussten Entscheidung.

Manche Menschen bedeuten uns etwas, bevor wir beschlossen haben, dass sie uns etwas bedeuten sollen.

Und genau an diesem Punkt sitzt, einige Regalbretter von Hogwarts entfernt, Goethe.

Goethe macht die Sache komplizierter

Schon der Titel von Goethes Wahlverwandtschaften verbindet zwei Begriffe, die nicht recht zueinanderpassen wollen.

Verwandtschaft bezeichnet eine Verbindung, die normalerweise nicht gewählt wird.

Wahl setzt Freiheit voraus.

Goethe nimmt dafür das zeitgenössische Bild chemischer Verbindungen auf: Stoffe können bestehende Verbindungen lösen und neue eingehen, weil zwischen ihnen eine stärkere "Verwandtschaft" besteht.

Im Roman wird daraus eine beunruhigende Frage an menschliche Beziehungen.

Eduard und Charlotte leben miteinander als Ehepaar. Mit dem Hauptmann und Ottilie treten zwei weitere Menschen in diese Ordnung. Neue Anziehungen entstehen, bestehende Bindungen geraten unter Druck.

Was dabei geschieht, lässt sich gerade nicht bequem als Geschichte freier Partnerwahl lesen.

Die Menschen wählen – und scheinen gleichzeitig Kräften ausgesetzt zu sein, die ihrer Wahl vorausgehen.

Anziehung ist nicht dasselbe wie Entscheidung.

Nähe ist nicht dasselbe wie Verantwortung.

Und eine Beziehung wird nicht allein dadurch gut, dass sie sich stärker oder wahrer anfühlt als eine bestehende.

Plötzlich wird das freundliche Wort von der "gewählten Familie" komplizierter.

Wie viel Wahl steckt in unseren Beziehungen?

Harry Potter und Goethes Wahlverwandtschaften erzählen vollkommen unterschiedliche Geschichten. Gerade deshalb können sie dieselbe Frage von entgegengesetzten Seiten beleuchten.

Harrys Geschichte löst Zugehörigkeit von biologischer Herkunft.

Goethe löst Wahl von der Vorstellung vollständiger Freiheit.

Dazwischen entsteht ein merkwürdiger Raum.

Wir suchen uns unsere Herkunft nicht aus.

Wir suchen uns vermutlich auch nicht vollständig aus, welche Menschen uns berühren, faszinieren oder vertraut erscheinen.

Aber zwischen diesen beiden Unverfügbarkeiten liegt etwas, das tatsächlich gestaltet werden kann.

Wie wir Beziehung leben.

Vielleicht besteht die entscheidende Wahl deshalb gar nicht darin, wen wir lieben.

Vielleicht beginnt sie erst danach.

Wem geben wir Raum? Für wen übernehmen wir Verantwortung? Welche Beziehung pflegen wir? Welche Grenze achten wir? Bei wem bleiben wir, wenn Beziehung nicht mehr nur aus Anziehung besteht?

Familie wäre dann weder ausschließlich Schicksal noch ausschließlich Wahl.

Sie wäre auch Praxis.

Zugehörigkeit entsteht nicht durch einen Namen

Das macht die Weasleys für Harry so bedeutsam.

Sie erklären Harry nicht feierlich zum Mitglied ihrer Familie. Zugehörigkeit entsteht viel unspektakulärer.

Ein Platz am Tisch.

Ein Weihnachtsgeschenk.

Eine Einladung.

Sorge.

Streit.

Wiederkommen.

Selbstverständlichkeit.

Vielleicht liegt gerade darin eine der stärksten Vorstellungen von Familie in Harry Potter: Familie entsteht nicht erst dort, wo Menschen dieselbe Herkunft besitzen. Sie kann dort entstehen, wo ein Mensch im Leben anderer dauerhaft mitgedacht wird.

Nicht: Du darfst heute bei uns sein.

Sondern irgendwann:

Natürlich bist du da.

Damit verändert sich auch die Frage nach der gewählten Familie.

Vielleicht wählen Menschen nicht einfach ihre Familie.

Vielleicht werden Beziehungen zu Familie, weil Menschen einander immer wieder wählen.

Nicht einmal.

Sondern im Alltag.

Herkunft verschwindet trotzdem nicht

Eine gefundene Familie ersetzt allerdings nicht einfach die Herkunft.

Auch Harrys Geschichte wäre viel ärmer, wenn Hogwarts und die Weasleys lediglich die Dursleys ausradieren würden.

Harry bleibt ein Mensch mit einer Geschichte.

Er will wissen, wer seine Eltern waren. Er sucht Spuren seines Vaters und seiner Mutter. Sirius bedeutet ihm auch deshalb so viel, weil durch ihn eine Verbindung zu dieser verlorenen Vergangenheit entsteht.

Neue Zugehörigkeit macht Herkunft nicht ungeschehen.

Sie verändert vielmehr die Macht, die Herkunft über die Gegenwart besitzt.

Vielleicht liegt darin eine Verbindung zur Denkspur Herkunft und Familie: Die entscheidende Frage ist nicht immer, ob wir unsere Herkunft verlassen können.

Manchmal lautet sie:

Muss Herkunft bestimmen, wo wir hingehören?

Harry Potter antwortet darauf ziemlich entschieden mit Nein.

Goethe würde vermutlich sofort einen Stuhl heranziehen und die Sache wieder komplizierter machen.

Denn Menschen können alte Bindungen verlassen und neue eingehen. Aber keine dieser Bewegungen findet außerhalb von Begehren, Verpflichtung, Vergangenheit und Verantwortung statt.

Vielleicht brauchen wir genau deshalb beide Perspektiven.

Die Hoffnung, dass Herkunft nicht unser einzig möglicher Beziehungsraum bleibt.

Und das Misstrauen gegenüber der Vorstellung, jede neu gewählte Verbindung sei allein deshalb schon die wahrere.

Familie wäre dann weniger eine eindeutige Kategorie als eine Beziehung, die sich immer wieder herstellen muss.

Manchmal beginnt sie mit Geburt.

Manchmal mit Freundschaft.

Manchmal vielleicht einfach damit, dass irgendwo am Tisch jemand einen Platz für einen freihält.


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Tags: #Familie #Zugehörigkeit #Herkunft #GewählteFamilie #Beziehungen #HarryPotter #Goethe #Wahlverwandtschaften


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