Wenn Kinder lernen, nichts zu brauchen
Manche Kinder fragen irgendwann nicht mehr.
Nicht unbedingt, weil sie nichts mehr möchten oder besonders genügsam geworden wären. Auch nicht, weil sie früher als andere verstanden hätten, wie man allein zurechtkommt. Oft haben sie nur etwas gelernt, das sich irgendwann wie Selbstverständlichkeit anfühlt: dass auf ein Bedürfnis nicht unbedingt eine Antwort folgt.
Vielleicht haben sie gerufen und niemand kam. Vielleicht war jemand da, aber mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht gab es Essen, Kleidung, ein Zuhause und einen geregelten Alltag, aber wenig Raum für das, was sich nicht organisieren ließ – für Angst und Unsicherheit, für Trostbedürftigkeit, für die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit oder einfach für den Wunsch, dass jemand merkt, wie es einem geht.
Ein Kind kann darauf nicht mit einer Theorie reagieren. Es sagt sich nicht, dass ein Elternteil emotional nicht verfügbar sei oder dass seine Bedürfnisse zu wenig Resonanz erfahren. Es macht etwas viel Praktischeres: Es richtet sich in der Welt ein, die es vorfindet.
Und manchmal besteht diese Anpassung darin, immer weniger zu brauchen.
Oder genauer: immer weniger davon zu zeigen.
Wenn Bitten keinen Sinn mehr hat
Am Anfang steht wahrscheinlich etwas sehr Einfaches. Ein Kind möchte etwas und wendet sich damit an einen Erwachsenen. Es will getröstet werden, möchte erzählen, braucht Hilfe oder sucht nur einen Blick, eine Hand, eine Antwort. Vielleicht kommt diese Antwort manchmal, vielleicht selten, vielleicht so unberechenbar, dass das Kind nie sicher sein kann, ob es sich lohnt, danach zu fragen.
Wenn sich solche Erfahrungen wiederholen, verschwindet das Bedürfnis nicht einfach. Was sich verändern kann, ist die Erwartung, dass es sinnvoll ist, mit diesem Bedürfnis zu jemandem zu gehen.
Das ist ein kleiner Unterschied in der Formulierung und ein großer im Leben.
Denn von außen kann das Ergebnis erstaunlich unauffällig aussehen. Ein solches Kind beschäftigt sich allein, macht seine Aufgaben, versucht keine Umstände zu verursachen und findet Lösungen, bevor es jemanden um Hilfe bittet. Vielleicht fällt es gerade deshalb positiv auf. Erwachsene nennen es vernünftig, unkompliziert oder ungewöhnlich reif und bewundern seine Selbstständigkeit.
Vielleicht stimmt diese Beschreibung sogar. Nur erzählt das Wort Selbstständigkeit noch nicht, wie sie entstanden ist.
Es gibt Kinder, die selbstständig werden, weil ihre Welt ihnen nach und nach mehr zutraut und sie sich von einem sicheren Ausgangspunkt entfernen können. Und es gibt Kinder, die früh lernen, allein zurechtzukommen, weil Abhängigkeit für sie zu wenig verlässliche Antwort bekommen hat. Von außen können beide ähnlich wirken. Innerlich erzählen sie zwei verschiedene Geschichten.
Das Kind, das zu viel tragen kann
In Douglas Stuarts Shuggie Bain wächst ein Kind in einer Welt auf, in der die Erwachsenen selbst kaum Halt haben. Seine Mutter Agnes kämpft mit ihrer Alkoholsucht, der Vater entzieht sich dem Familienleben zunehmend, und Shuggie bleibt in einer Wirklichkeit zurück, deren Stimmungen und Gefahren er sehr genau lesen muss.
Er beobachtet seine Mutter, registriert Veränderungen, hofft, sorgt sich und versucht zu verstehen, wann etwas kippen könnte. Damit gerät er in eine Position, die eigentlich nicht die eines Kindes sein sollte: Er richtet seine Aufmerksamkeit auf einen Menschen, von dem er selbst abhängig ist, und versucht gleichzeitig, diesen Menschen irgendwie zu halten.
Die kindliche Frage verändert sich dadurch. Sie lautet nicht mehr nur: Wer kümmert sich um mich? Immer häufiger wird daraus: Was muss ich tun, damit es hier irgendwie weitergeht?
Darin liegt eine der stilleren Tragödien solcher Kindheiten. Denn ein Kind kann unter diesen Bedingungen tatsächlich Fähigkeiten entwickeln, die ihm später nützlich erscheinen. Es lernt, Stimmungen schnell wahrzunehmen, vorauszudenken und auszuhalten. Vielleicht wird es besonders aufmerksam für andere Menschen und erkennt deren Bedürfnisse, bevor sie ausgesprochen werden.
Nur bedeutet diese Aufmerksamkeit für andere noch lange nicht, dass auch die eigenen Bedürfnisse einen sicheren Platz bekommen haben.
So kann aus einem Kind, das sehr früh gelernt hat, was andere brauchen, ein Erwachsener werden, der hervorragend für andere da sein kann und zugleich kaum weiß, was er selbst tun soll, wenn er jemanden braucht.
Wenn aus Schutz eine Lebensform wird
Irgendwann ist die Kindheit vorbei. Es gibt vielleicht eine eigene Wohnung, Arbeit, Freundschaften und Beziehungen, einen Alltag, der mit der früheren Situation kaum noch etwas gemeinsam hat. Der Vater ist möglicherweise längst fort, die Familie weit weg, die alten Abhängigkeiten existieren nicht mehr.
Und trotzdem reist etwas aus dieser Zeit mit.
Nicht unbedingt als konkrete Erinnerung. Oft ist es eher eine Bewegung, die so vertraut geworden ist, dass sie gar nicht mehr auffällt. Wenn etwas schwierig wird, zieht man sich zunächst zurück und versucht es allein. Wenn Hilfe angeboten wird, kommt beinahe automatisch die Antwort, dass es schon gehe. Fragt jemand, was man brauche, muss man erstaunlich lange darüber nachdenken. Und wenn eine Beziehung näher wird, kann ausgerechnet das schwierig werden, was für andere selbstverständlich erscheint: sich anlehnen, etwas erwarten, enttäuscht sein dürfen, jemanden vermissen oder um Unterstützung bitten.
Das alte Lernen hatte einmal einen Sinn. Wenn niemand zuverlässig kommt, ist es klüger, nicht ständig an der Tür zu warten. Wer früh versteht, dass Rufen wenig verändert, erspart sich irgendwann das immer neue Erleben der ausbleibenden Antwort.
Schwierig wird diese Strategie erst, wenn die Tür längst eine andere ist.
Wenn heute tatsächlich jemand dahintersteht und die alte Erfahrung trotzdem noch sagt: Klopf lieber nicht.
Ein Leben im Dienst
Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb erzählt nicht von einem vernachlässigten Kind, und gerade deshalb ist Stevens für diese Frage ein interessanter Resonanzraum. Bei ihm sehen wir nicht den Ursprung einer solchen Bewegung, sondern eine mögliche Lebensform, in der das Eigene beinahe vollständig hinter Funktion und Pflicht verschwunden ist.
Stevens ist hochprofessionell, beherrscht und verlässlich. Er kennt seine Aufgabe und weiß, was von ihm erwartet wird. Persönliche Regungen zurückzustellen erscheint ihm nicht als Verlust, sondern als Teil jener Würde, die einen hervorragenden Butler auszeichnet.
Lange lässt sich dieses Leben deshalb auch als beeindruckende Disziplin lesen. Erst nach und nach entsteht eine andere Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn das Funktionieren so vollkommen geworden ist, dass die eigenen Wünsche darin kaum noch vorkommen?
Gerade darin berührt Stevens die Erfahrung des Kindes, das gelernt hat, wenig zu brauchen. Denn gebraucht zu werden und selbst etwas zu brauchen, sind zwei sehr verschiedene Positionen. Wer gebraucht wird, kennt seine Aufgabe. Er kann handeln, helfen, organisieren und Verantwortung übernehmen. Darin liegt sogar eine gewisse Sicherheit.
Wer dagegen selbst etwas braucht, muss einen Teil dieser Sicherheit aufgeben. Er muss sich an einen anderen Menschen wenden, ohne vollständig bestimmen zu können, was zurückkommt.
Vielleicht kann deshalb gerade das Gebrauchtwerden für Menschen so vertraut werden, die sich mit dem eigenen Brauchen schwertun. Es ermöglicht Beziehung, ohne sich jener Unsicherheit aussetzen zu müssen, die in einer Bitte liegt.
Die Angst vor der Zumutung
Im Erwachsenenleben muss daraus keineswegs der bewusste Gedanke entstehen, keine Bedürfnisse haben zu dürfen. Viel häufiger dürfte sich etwas Leiseres erhalten: die Ahnung, mit den eigenen Bedürfnissen anderen zur Last zu fallen.
Dann beginnt vor jeder Bitte eine kleine Rechnung. Man überlegt, ob die Sache wirklich wichtig genug ist, ob man sie nicht selbst erledigen könnte, ob der andere gerade nicht schon genug zu tragen hat. Man verschiebt ein Gespräch, weil heute vielleicht kein guter Zeitpunkt ist, und findet morgen einen neuen Grund, weshalb es ebenfalls nicht passt.
So können selbst einfache Sätze eine erstaunliche innere Schwelle bekommen: Kannst du mir helfen? Bleibst du noch ein bisschen? Hörst du mir zu?
Von außen ist davon wenig zu sehen. Vielleicht gilt dieser Mensch weiterhin als besonders belastbar, unabhängig oder anspruchslos. Und vielleicht wird diese Eigenschaft sogar geschätzt, weil er selten etwas fordert und meistens selbst eine Lösung findet.
Nur kann daraus eine eigentümliche Form von Einsamkeit entstehen. Nicht unbedingt deshalb, weil niemand da wäre, sondern weil niemand erfahren kann, was gebraucht wird.
Die Erlaubnis, jemanden zu brauchen
Kent Harufs Unsere Seelen bei Nacht erzählt von zwei Menschen, die spät im Leben noch einmal Nähe suchen. Addie Moore macht Louis Waters einen ungewöhnlich schlichten Vorschlag: Er könnte nachts zu ihr kommen. Nicht zunächst aus großer romantischer Leidenschaft, sondern weil Nächte lang sein können und die Anwesenheit eines anderen Menschen etwas verändert.
In diesem Vorschlag steckt etwas beinahe Radikales, gerade weil Haruf es so unspektakulär erzählt. Addie könnte allein bleiben. Louis könnte allein bleiben. Beide haben lange genug gelebt, um ihren Alltag ohne den anderen bewältigen zu können.
Die Frage ist also nicht, ob sie allein leben können.
Die Frage ist, ob sie es müssen.
Damit öffnet der Roman einen Gegenraum zu jener Form von Selbstständigkeit, die aus dem frühen Verzicht auf Bedürfnisse entstehen kann. Denn Addie macht ihre Fähigkeit zum Alleinsein nicht zum Beweis dafür, dass sie niemanden brauchen dürfe. Sie erlaubt sich vielmehr, zwischen Können und Wollen zu unterscheiden.
Ich kann allein sein – und möchte heute trotzdem, dass jemand da ist.
Vielleicht liegt gerade darin eine reifere Form von Selbstständigkeit. Nicht darin, möglichst wenig von anderen Menschen zu benötigen, sondern darin, das eigene Bedürfnis wahrnehmen zu können, ohne es sofort als Schwäche zu behandeln.
Gesehen werden, ohne etwas leisten zu müssen
Tove Janssons Das Sommerbuch öffnet dafür einen noch leiseren Raum. Zwischen Sophia und ihrer Großmutter entsteht eine Beziehung, in der nicht jede Regung des Kindes sofort bewertet, korrigiert oder pädagogisch bearbeitet werden muss. Sie sprechen miteinander und schweigen nebeneinander, sie streiten, fragen, entfernen sich voneinander und finden wieder zueinander.
Sophia darf fordern, widersprechen, sich fürchten und wütend sein. Sie muss nicht erst unkompliziert werden, damit die Beziehung weiterbesteht.
Gerade diese Unaufgeregtheit macht sichtbar, was dort fehlen kann, wo Kinder früh lernen, ihre Bedürfnisse zurückzunehmen. Sicherheit besteht vielleicht nicht darin, dass jedes Bedürfnis erfüllt wird. Kein Mensch kann einem anderen alles geben, und auch eine liebevolle Beziehung kennt Grenzen, Enttäuschungen und ein Nein.
Entscheidend ist etwas anderes: Das Bedürfnis selbst bedroht die Beziehung nicht.
Ein Kind darf etwas wollen und trotzdem geliebt bleiben. Es darf enttäuscht sein, ohne deshalb zu viel zu sein. Es darf jemanden brauchen, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.
Jansson macht daraus keine Lektion. Vielleicht kann man es gerade deshalb so deutlich sehen: Abhängigkeit muss nicht Ausgeliefertsein bedeuten. Zwischen vollständiger Selbstgenügsamkeit und Hilflosigkeit liegt ein großer menschlicher Raum, in dem Menschen füreinander etwas bedeuten und deshalb auch etwas voneinander brauchen dürfen.
Was geschieht, wenn doch jemand kommt?
Es wäre verführerisch, diesen Gedanken mit einer einfachen Aufforderung zu beenden: Ein solcher Mensch müsse eben wieder lernen, um Hilfe zu bitten.
Aber damit würde man unterschätzen, wie sinnvoll das alte Lernen einmal gewesen sein kann.
Ein Kind, das irgendwann aufgehört hat zu rufen, hat keine falsche Entscheidung getroffen. Es hat eine Antwort auf seine Welt gefunden. Vielleicht war diese Antwort sogar notwendig, weil sie ihm half, mit einer Situation zurechtzukommen, die es selbst nicht verändern konnte.
Nur bleibt keine Kindheit für immer Gegenwart.
Später können andere Menschen auftauchen. Menschen, die bleiben, wenn etwas schwierig wird. Menschen, die eine Frage nicht nur aus Höflichkeit stellen, sondern die Antwort tatsächlich hören möchten. Menschen, für die das Bedürfnis eines anderen keine Zumutung und seine Abhängigkeit kein Auftrag zur Flucht ist.
Und dann entsteht möglicherweise eine Schwierigkeit, auf die die alte Selbstständigkeit keine Antwort hat.
Wie kommt man allein zurecht? Das kann dieser Mensch längst hervorragend.
Die neue Frage lautet vielmehr: Was geschieht, wenn ich nicht mehr alles allein tragen muss?
Vielleicht beginnt eine Antwort darauf nicht mit einem großen Vertrauensbeweis und auch nicht mit dem Entschluss, von nun an endlich bedürftig sein zu dürfen. Vielleicht beginnt sie viel unscheinbarer, in einem Augenblick, der von außen kaum bemerkenswert wäre.
Jemand fragt, ob man etwas braucht.
Die vertraute Antwort liegt schon bereit. Sie hat jahrelang funktioniert und kommt beinahe von selbst: Nein, alles gut.
Nur diesmal entsteht davor eine kleine Pause.
Lang genug, um nicht sofort zu antworten.
Lang genug, um überhaupt nachzusehen, ob da etwas ist.
Und vielleicht liegt genau darin etwas Neues: nicht plötzlich mehr zu brauchen als früher, sondern nicht mehr verschwinden zu müssen, sobald man etwas braucht.
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Abwesende Väter
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