Naokos Lächeln und die leere Autobatterie
Naokos Lächeln und die leere Autobatterie
Eigentlich wollte ich nur Bücher aus der Bibliothek holen.
Genauer gesagt: Psychologiebücher.
Das wäre vernünftig gewesen. Schließlich wächst bei Lesespuren inzwischen auch das Psychologie-Regal, und eine Stadtbibliothek ist grundsätzlich ein guter Ort, um Bücher nicht sofort besitzen zu müssen.
Die Bibliothek hatte allerdings andere Pläne.
Psychologiebücher aus meiner Liste waren kaum da.
Dafür stand dort Literatur.
Murakami. Arno Geiger. Mieko Kawakami. Kawabata. Hiromi Kawakami.
Ich habe mich beherrscht.
Das muss ausdrücklich festgehalten werden.
Denn Bibliotheken erzeugen eine eigentümliche Form von ökonomischer Verantwortungslosigkeit. Ein Buch kostet nichts, also scheint es vollkommen vernünftig, zwölf davon mitzunehmen. Erst zu Hause stellt sich heraus, dass kostenlos ausgeliehene Bücher dieselbe Eigenschaft besitzen wie gekaufte:
Sie müssen gelesen werden.
Also setzte ich mir ein Limit.
Fünf Bücher.
Beziehungsweise vier Bücher und eine CD.
Naokos Lächeln von Haruki Murakami als Hörbuch.
Damit entstand allerdings ein neues Problem.
Ich besitze keinen CD-Player.
Zumindest dachte ich das zunächst.
Dann fiel mir ein, dass vor dem Haus ein ausgesprochen hochwertiger CD-Player steht. Mit mehreren Lautsprechern, bequemen Sitzen und Klimaanlage.
Er hat nur einen kleinen Nachteil.
Er ist ein Auto.
Damit wäre also auch die sommerliche Lesesituation geklärt.
Dreißig Grad. Parkplatz. Schatten unter einem Baum. Sitz zurück. Motor aus. Murakami im Autoradio.
Vielleicht ist das sogar eine ziemlich gute Form des Lesens.
Nicht jede Begegnung mit Literatur braucht einen perfekten Ort. Manche Bücher liest man im Bett. Andere im Zug. Manche begleiten einen durch eine Wohnung, weil man sie als Hörbuch hört.
Und vielleicht sitzt man irgendwann auf einem Parkplatz und hört einem Roman zu, nur weil die Bibliothek noch einen Medienbestand besitzt, für den die eigene Wohnung technisch nicht mehr ausgerüstet ist.
Literatur findet erstaunlich viele Wege zu einem.
Man muss nur gelegentlich improvisieren.
Allerdings nicht zu lange mit eingeschalteter Zündung.
Denn auch literarische Hingabe hat Grenzen.
Spätestens dann, wenn aus Naokos Lächeln eine Lesespur über die leere Autobatterie wird.
Regal
5 – Leben
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