Momo muss nicht erst jemand werden
Die meisten Geschichten beginnen mit einem Mangel.
Eine Figur ist zu schwach, zu arm, zu unerfahren oder zu ängstlich. Im Verlauf der Geschichte lernt sie etwas, wächst über sich hinaus und findet schließlich ihren Platz in der Welt.
Momo gehört nicht zu diesen Geschichten.
Natürlich besitzt sie fast nichts. Sie lebt allein in den Ruinen eines Amphitheaters, hat kein Zuhause im üblichen Sinn, keine Familie und keine Schulbildung. Betrachtet man sie mit den Maßstäben der Erwachsenen, scheint ihr fast alles zu fehlen.
Und doch ist Momo von Anfang an die vollständigste Figur des Romans.
Sie muss nicht klüger werden, um kluge Entscheidungen zu treffen. Sie muss nicht mächtiger werden, um Einfluss auf andere zu haben. Sie muss nicht erfolgreicher werden, damit Menschen ihre Nähe suchen.
Im Gegenteil.
Fast jeder Mensch im Buch kommt zu Momo, weil ihm etwas fehlt, das Momo längst besitzt.
Michael Ende stellt damit eine ungewohnte Frage. Vielleicht besteht Reife nicht immer darin, etwas hinzuzugewinnen. Vielleicht besteht sie manchmal darin, nichts Wesentliches verloren zu haben.
Besonders deutlich wird das in einer kleinen Szene, in der Beppo Straßenkehrer Momo das Lesen beibringt.
Man könnte diese Episode leicht als Geschichte eines Bildungsaufstiegs verstehen. Doch Michael Ende erzählt etwas anderes.
Momo wird durch das Lesenlernen kein anderer Mensch. Sie wird dadurch nicht wertvoller. Sie steigt gesellschaftlich nicht auf und gewinnt keine Anerkennung, die ihr zuvor gefehlt hätte.
Erst später zeigt sich, warum Beppos Unterricht dennoch bedeutsam war. Als Meister Hora über Kassiopeia Botschaften übermittelt, kann Momo sie selbst lesen. Das Lesen hilft ihr, sich in einer entscheidenden Situation zu orientieren. Es macht sie unabhängiger und erweitert ihre Handlungsmöglichkeiten.
Bildung erscheint hier nicht als Karriereleiter, sondern als Fundament.
Lesen, Schreiben und Rechnen sind keine Mittel, um über anderen zu stehen. Sie ermöglichen, die Welt besser zu verstehen, sich in ihr zurechtzufinden und dem zu folgen, was einem begegnet. Bildung verändert Momo nicht als Mensch. Sie unterstützt sie dabei, ihren eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht liegt darin eine Erinnerung, die heute leicht verloren geht. Bildung muss nicht immer der nächste Schritt nach oben sein. Manchmal genügt es, wenn sie einem hilft, das Leben klarer zu verstehen.
Bildung macht Momo nicht wertvoller. Sie macht sie freier.
Die Erwachsenen in Endes Welt sind organisiert, effizient und vernünftig. Sie planen ihre Zeit bis auf die Minute. Sie optimieren ihren Alltag und verlieren dabei ausgerechnet das, was ihr Leben lebendig macht.
Momo hingegen besitzt etwas, das sich weder erwerben noch beschleunigen lässt.
Sie kann zuhören.
Sie ist gegenwärtig.
Sie schenkt anderen Zeit.
Deshalb verändert sie Menschen nicht durch Belehrung, sondern durch ihre Art, ihnen zu begegnen.
Vielleicht erklärt das auch, warum Momo bis heute so modern wirkt.
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig lernen, optimieren und produktiver werden sollen. Fast alles scheint darauf ausgerichtet, uns zu besseren Versionen unserer selbst zu machen.
Momo stellt dieser Bewegung eine stille Gegenfrage.
Was, wenn wir nicht immer mehr werden müssen?
Was, wenn das Entscheidende längst in uns angelegt ist und nur wieder Raum braucht?
Momo muss nicht erst jemand werden.
Sie erinnert die anderen daran, wer sie einmal waren.
Regal
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