Ernest Hemmingway - Der alte Mann und das Meer - Unsichtbare Arbeit
Es gibt Arbeit, die man sehen
kann, und Arbeit, die man nicht sehen kann. Sichtbare Arbeit hat
Ergebnisse: Häuser, Projekte, Geld, Abschlüsse, Titel. Unsichtbare
Arbeit hat Menschen.Kinder großziehen gehört zu dieser
unsichtbaren Arbeit. Von außen sieht man nur, dass Kinder größer
werden. Man sieht nicht die Nächte, die Sorgen, die Entscheidungen,
die Zweifel, die Geduld, die Erschöpfung, das Lernen, das Scheitern,
das Wiederprobieren, das Aushalten, das Erklären, das Trösten, das
Immer-wieder-da-sein.Unsichtbare Arbeit besteht oft
darin, jemand zu werden, der man selbst nie hatte. Geduldig, ruhig,
zugewandt, verlässlich. Das ist keine Arbeit mit Feierabend. Das ist
eine Arbeit am eigenen Charakter.Auch gesund werden ist
unsichtbare Arbeit. Von außen sieht man irgendwann nur, dass jemand
wieder funktioniert. Man sieht nicht die Angst, die Rückschläge,
die Wut, die Müdigkeit, die kleinen Fortschritte, die niemand
bemerkt, weil sie zu klein sind.Unsichtbare Arbeit hat
selten Applaus. Sie hat auch selten klare Endpunkte. Man weiß oft
nicht, ob man es gut macht. Man macht einfach weiter.Vielleicht
sind die wichtigsten Arbeiten im Leben unsichtbar.
Und
vielleicht erkennt man ihren Wert erst viele Jahre später, wenn man
sieht, was aus Menschen geworden ist, die mit dieser unsichtbaren
Arbeit groß geworden sind.
📚 Dieser Beitrag gehört
zur Reihe: Der alte Mann und das Meer
Weitere Beiträge zu diesem Thema:
– Der Kampf, den niemand sieht
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