Erikos Fürsorge und die Frage nach Elternschaft – zu Banana Yoshimotos Kitchen
Als ich Kitchen gelesen habe, hat mich Eriko zunächst traurig gemacht.
Nicht wegen ihrer Entscheidung.
Sondern wegen Yūichi.
Seine Mutter stirbt. Sein Vater bleibt. Und doch verändert sich auch dieser Vater grundlegend.
Ich dachte unwillkürlich:
Für ein Kind muss das ein eigenartiger Verlust sein.
Die Mutter ist weg.
Der Vater ist noch da.
Und gleichzeitig ist nichts mehr so wie vorher.
Vielleicht liegt darin eine der stillsten Traurigkeiten des Romans.
Denn Kinder leben von Kontinuität.
Von Menschen, die heute dieselben sind wie gestern.
Von vertrauten Stimmen, vertrauten Gesten und vertrauten Rollen.
Yūichi verliert all das auf einmal.
Und trotzdem erzählt Banana Yoshimoto diese Geschichte nicht als Tragödie.
Eriko erscheint nicht als Figur, die etwas zerstört.
Im Gegenteil.
Je länger man liest, desto deutlicher wird, dass sie versucht, etwas zu bewahren.
Nicht die Rolle.
Sondern die Fürsorge.
Das hat mich beschäftigt.
Vielleicht verwechseln wir im Alltag manchmal beides.
Wir sprechen von Mutter und Vater, als wären das Eigenschaften von Menschen.
Dabei beschreiben diese Begriffe oft zuerst Funktionen.
Jemand tröstet.
Jemand schützt.
Jemand gibt Halt.
Jemand glaubt an uns.
Vielleicht ist Fürsorge weniger an eine Rolle gebunden, als wir oft denken.
Gerade deshalb wirkt Eriko so ungewöhnlich.
Sie versucht nicht, die verstorbene Mutter zu ersetzen.
Sie tut nicht so, als wäre nichts geschehen.
Und doch bleibt sie.
Sie kocht.
Sie sorgt sich.
Sie schafft einen Ort, an dem andere Menschen leben können.
Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Fähigkeiten mancher Menschen.
Dass sie Wärme weitertragen können.
Nicht weil sie dazu verpflichtet wären.
Sondern weil sie sich dafür entscheiden.
Während des Lesens musste ich an andere Figuren denken, die eine ähnliche Rolle übernehmen.
An Mr. Miyagi für Daniel.
An Lehrer.
An Großmütter.
An Nachbarn.
An Menschen, die nicht unsere Eltern sind und uns trotzdem etwas geben, das wir sonst vielleicht vermisst hätten.
Vielleicht besteht Elternschaft nicht nur aus Herkunft.
Vielleicht besteht sie manchmal auch aus Anwesenheit.
Aus dem Entschluss, für jemanden da zu sein.
Kitchen beantwortet diese Frage nicht.
Der Roman zeigt nur eine Frau, die versucht, Fürsorge durch einen Verlust hindurchzutragen.
Und einen Jungen, der lernen muss, mit einer neuen Wirklichkeit zu leben.
Vielleicht ist das weniger selbstverständlich, als es auf den ersten Blick wirkt.
Und vielleicht beginnt Familie manchmal genau dort, wo Menschen aufhören zu fragen, welche Rolle jemand hat.
Und anfangen zu sehen, was jemand für andere trägt.
🏷 Tags
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📂 Einordnung im Regal
👉 5 – Leben
📚 Dieser Beitrag gehört zur Reihe: Kitchen
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
– Tee trinken als Entscheidung – was Beziehungen von gemeinsamer Traurigkeit unterscheidet
– Wohnen im Mangel – Mikage und Yūichi
– Gemeinsame Traurigkeit ist noch keine Liebe
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👉 Zärtlichkeit lernen
👉 Mutterschaft