Eine fremde Gewissheit ist noch keine Erkenntnis über mich
Menschen äußern ständig Urteile übereinander. Sie halten jemanden für zu empfindlich, schwierig oder nicht belastbar, bezweifeln seine Fähigkeiten, beurteilen seine Reaktionen oder glauben zu erkennen, dass er erschöpft ist.
Manche dieser Aussagen stammen von Menschen, deren Urteil besonderes Gewicht besitzt: von Eltern, Lehrern, Ärzten, Vorgesetzten, Therapeuten, Partnern oder anderen Autoritätspersonen. Das Problem besteht dabei nicht darin, dass andere Menschen uns beurteilen, denn Fremdwahrnehmung ist unverzichtbar. Kein Mensch kann sich vollständig von außen sehen, andere bemerken Dinge, die einem selbst entgehen, Fachleute besitzen Wissen, das man selbst nicht besitzt, und Menschen, die uns nahestehen, können Veränderungen wahrnehmen, bevor wir sie selbst erkennen.
Die Alternative zu blinder Autorität kann deshalb nicht darin bestehen, nur noch der eigenen Wahrnehmung zu glauben. Interessanter ist eine andere Frage:
Was genau erlaubt dir deine Beobachtung über mich zu wissen?
Beobachtung und Interpretation
Zwischen einer Beobachtung und einem Urteil liegen mehrere gedankliche Schritte, die im Alltag häufig so schnell erfolgen, dass sie kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.
Dass jemand laut gesprochen hat, lässt sich beobachten. Daraus zu schließen, dass dieser Mensch wütend war, ist bereits eine Interpretation, wenn auch möglicherweise eine sehr plausible. Die Behauptung, er könne Konflikte nicht angemessen lösen, reicht wesentlich weiter, und mit der Aussage, er sei ein aggressiver Mensch, ist aus einer beobachteten Situation schließlich eine Aussage über eine Persönlichkeit geworden.
So kann aus einem Ereignis ein Muster, aus dem Muster ein Charakterzug und aus dem Charakterzug eine Identität entstehen. Irgendwann verteidigt sich ein Mensch dann nicht mehr gegen eine einzelne Interpretation seines Verhaltens, sondern gegen eine vollständige Erzählung darüber, wer er angeblich ist.
Deshalb lohnt es sich, diese Schritte wieder auseinanderzunehmen und danach zu fragen, was tatsächlich beobachtet wurde, was daraus geschlossen worden ist, welche anderen Erklärungen möglich wären und welche Reichweite die ursprüngliche Beobachtung überhaupt besitzt.
Autorität ist keine Erkenntnisgrundlage
Besonders schwierig wird diese Unterscheidung, wenn eine Aussage von einer Autorität stammt, denn ein Titel verändert den Klang eines Satzes. Eine Vermutung aus dem Mund eines Bekannten bleibt erkennbar eine Vermutung, während dieselbe Aussage aus dem Mund einer Fachperson sich plötzlich wie ein Befund anfühlen kann.
Doch auch eine Fachperson benötigt für eine konkrete Aussage über einen konkreten Menschen eine Erkenntnisgrundlage. Ein Titel verwandelt eine Vermutung nicht in einen Befund, und diese Unterscheidung ist keine Abwertung von Expertise. Gerade weil fachliche Expertise wertvoll ist, sollte zwischen allgemeinem Fachwissen, einer theoretischen Möglichkeit, einer fachlichen Hypothese, einer individuellen Untersuchung und einem daraus begründeten Befund unterschieden werden.
Dass etwas medizinisch, psychologisch oder sozialwissenschaftlich möglich ist, bedeutet noch nicht, dass es bei einem bestimmten Menschen vorliegt. Ebenso wenig macht die Kenntnis eines ähnlichen Falles diesen zum Beweis für den nächsten.
Eine Anekdote kann eine sinnvolle Frage erzeugen und Anlass für eine Untersuchung sein, ohne deshalb bereits Erkenntnis über die Person zu liefern, die gerade vor einem sitzt.
Die gefährliche Möglichkeit
Besonders wirksam können Aussagen werden, die sich der Überprüfung beinahe entziehen. Vielleicht bemerkt ein Mensch seine Einschränkung nur nicht, erinnert sich falsch, überschätzt sich oder beweist gerade durch seinen Widerspruch, dass er das eigentliche Problem nicht erkennt.
All diese Möglichkeiten können grundsätzlich wahr sein. Menschen besitzen blinde Flecken, ihre Wahrnehmung ist fehlbar, Erinnerungen sind nicht perfekt und Selbsteinschätzungen können falsch sein. Aus der Tatsache, dass ein Irrtum möglich ist, folgt jedoch nicht, dass er tatsächlich vorliegt.
Andernfalls kann eine selbstabdichtende Behauptung entstehen. Dass die behauptete Einschränkung selbst nicht wahrgenommen wird, gilt nicht als Gegenargument, weil gerade die fehlende Wahrnehmung Teil des Problems sein könnte. Dass andere sie ebenfalls nicht beobachten, verliert seine Bedeutung, weil vielleicht auch sie sie nicht erkennen. Selbst das Fehlen entsprechender Befunde kann mit der Annahme beantwortet werden, es sei lediglich noch nicht richtig gesucht worden.
Auf diese Weise wird eine Hypothese zunehmend immun gegen Gegenbeobachtungen. Das Problem liegt dabei nicht darin, dass sie zwingend falsch sein müsste, sondern darin, dass sie begonnen hat, ohne ausreichende Evidenz wie eine Wahrheit behandelt zu werden.
Die Behauptung wieder beweispflichtig machen
Eine wichtige Form innerer Autonomie könnte deshalb darin bestehen, fremde Aussagen nicht sofort widerlegen zu müssen. Bevor ein Mensch versucht zu beweisen, dass eine Behauptung über ihn falsch ist, darf er fragen, warum er sie überhaupt als Erkenntnis behandeln sollte.
Welche Beobachtung liegt ihr zugrunde, welche Untersuchung oder Erfahrung trägt sie, und welche fachliche Kompetenz ist für genau diese Frage relevant? Was ist tatsächlich bekannt, was wird vermutet und was lediglich für möglich gehalten?
Damit verschiebt sich etwas Wesentliches. Ein Mensch muss nicht mehr jede Behauptung über sich widerlegen, sondern derjenige, der eine Behauptung aufstellt, muss zunächst zeigen können, was sie trägt.
Das kann sehr praktisch werden. Wird eine Fähigkeit bezweifelt, lässt sie sich möglicherweise überprüfen. Wird ein Verhalten als Muster bezeichnet, können mehrere Situationen betrachtet werden. Behauptet jemand, einen Konflikt verstanden zu haben, kann gefragt werden, welchen Teil davon er tatsächlich erlebt hat.
Aus diffuser Fremddefinition wird auf diese Weise überprüfbare Wirklichkeit.
Epistemische Autonomie
Vielleicht lässt sich diese Fähigkeit als epistemische Autonomie verstehen: als Möglichkeit, mitzubestimmen, welchen Aussagen man den Status von Wissen über die eigene Person gibt.
Sie bedeutet weder, immer selbst am besten zu wissen, was mit einem ist, noch, dass andere einen nicht korrigieren dürfen oder Fachwissen bedeutungslos wäre. Epistemische Autonomie könnte vielmehr heißen:
Ich bin korrigierbar, aber nicht beliebig definierbar.
Ein Mensch kann einen Befund akzeptieren, seine eigene Wahrnehmung überprüfen und entdecken, dass er sich geirrt hat. Er kann einem anderen zugestehen, etwas erkannt zu haben, das ihm selbst entgangen ist. Zwischen der Aussage eines anderen und ihrer Übernahme darf jedoch eine Frage stehen:
Woher weißt du das?
Das ist keine Respektlosigkeit, sondern eine Erkenntnisfrage.
Fremdwahrnehmung und Fremddefinition
Vielleicht liegt genau hier die entscheidende Grenze. Fremdwahrnehmung stellt eine Beobachtung zur Verfügung, während Fremddefinition beansprucht zu wissen, wer ein anderer Mensch ist.
Die erste kann Beziehung bereichern, die zweite kann beginnen, Beziehung zu beherrschen.
Eine hilfreiche Fremdwahrnehmung lässt Prüfung zu, hält Unsicherheit aus und unterscheidet zwischen Beobachtung und Interpretation. Sie kann formulieren, dass etwas aufgefallen ist, eine Frage stellen oder eine Möglichkeit anbieten.
Eine Fremddefinition klingt anders. Sie erklärt, jemand sei eben so, könne etwas grundsätzlich nicht, bemerke lediglich sein eigenes Problem nicht oder müsse akzeptieren, dass ein anderer ihn besser kenne.
Gewissheit ersetzt dort zunehmend Neugier, und gerade die Gewissheit des Sprechenden kann dazu verführen, seine Aussage für besser begründet zu halten, als sie tatsächlich ist.
Gewissheit ist keine Evidenz.
Auch die eigene Wahrnehmung braucht Prüfung
Diese Erkenntnis darf allerdings nicht zur nächsten Absolutheit werden, denn auch die eigene Innenperspektive ist nicht unfehlbar. Menschen können sich täuschen, Situationen aufgrund früherer Erfahrungen fehlinterpretieren, ihre Fähigkeiten überschätzen oder die Motive anderer falsch lesen.
Epistemische Autonomie besteht deshalb nicht darin, die Autorität lediglich umzudrehen, sodass früher der andere alles über einen wusste und nun ausschließlich die eigene Wahrnehmung als zuverlässig gilt. Beide Positionen wären zu einfach.
Eine reifere Haltung hält mehrere Erkenntnisquellen nebeneinander: eigene Erfahrung, beobachtbares Verhalten, Fremdwahrnehmung, Fachwissen, Untersuchung, Zeit und überprüfbare Konsequenzen.
Manchmal korrigiert die Außenwelt die Innenperspektive, manchmal korrigiert die Innenperspektive eine vorschnelle Fremddeutung, und manchmal bleiben unterschiedliche Interpretationen bestehen.
Erwachsenes Selbstvertrauen könnte deshalb weniger bedeuten, sich seiner selbst immer sicher zu sein, als Unsicherheit aushalten zu können, ohne die eigene Erkenntnisfähigkeit sofort an den Menschen mit der größten Gewissheit abzugeben.
Das Recht auf die eigene Wirklichkeit
Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen der Weigerung, jede Aussage über sich anzunehmen, und der Frage, worauf eine solche Aussage eigentlich beruht. Diese zweite Haltung lässt Beziehung, Wissenschaft, Medizin und Kritik zu; sie lässt sogar die Möglichkeit des eigenen Irrtums bestehen.
Was sie nicht mehr ohne Weiteres zulässt, ist unbegründete Deutungshoheit.
Vielleicht beginnt innere Freiheit deshalb nicht erst dort, wo niemand mehr etwas über einen sagt. Menschen werden immer beobachten, interpretieren, vermuten und manchmal mit großer Überzeugung danebenliegen.
Freiheit könnte an einer unscheinbareren Stelle beginnen: Eine Aussage erreicht einen Menschen, er hört sie und prüft sie, und bevor sie zu einem Satz über ihn selbst wird, fragt er, was der andere davon tatsächlich wissen kann.
Manche Aussagen werden diese Frage überstehen. Sie werden korrigieren, erweitern oder vielleicht sogar schmerzen. Andere werden dabei ihre scheinbare Größe verlieren und wieder zu dem werden, was sie immer waren: eine Beobachtung, eine Vermutung, eine Interpretation oder die Meinung eines anderen Menschen.
Vielleicht ist genau das die Grenze, die ein Selbst braucht.
Eine fremde Gewissheit darf gehört werden. Aber sie wird nicht allein dadurch zur Wahrheit, dass jemand sie mit Überzeugung ausspricht.
Literarische Resonanzräume
Nora oder Ein Puppenheim — Henrik Ibsen
Ibsen zeigt eine Frau, über die ihr Mann mit großer Selbstverständlichkeit zu wissen glaubt, wer sie ist, bis ihre eigene Wirklichkeit nicht länger in seine Definition von ihr passt.
Jane Eyre — Charlotte Brontë
Brontë erzählt Selbstbestimmung auch als Weigerung, die Gewissheit anderer über den eigenen Wert und den richtigen Platz im Leben zur eigenen Wahrheit zu machen.
Die Klavierspielerin — Elfriede Jelinek
Jelinek führt auf die dunklere Seite derselben Frage: Was geschieht mit einem Selbst, wenn Fremddefinition, Kontrolle und die eigene innere Wirklichkeit über lange Zeit kaum voneinander zu trennen sind?
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