Die Erschöpfung des kompetenten Symptomträgers
Ryo wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Mann in der Krise. Er schreit nicht, kollabiert nicht, kündigt nicht impulsiv. Er funktioniert. Genau das macht ihn interessant.
Viele Krisen sind sichtbar. Ryos Krise ist es nicht.
Er gehört zu jener Sorte Mensch, die in Systemen schnell unauffällig unentbehrlich wird. Nicht, weil sie Macht suchen. Sondern weil sie Lücken sehen, Verantwortung übernehmen und Komplexität tragen können.
Wer Probleme lösen kann, wird zum Knotenpunkt.
Nicht aus Bosheit. Aus Systemlogik.
Je verlässlicher jemand ist, desto mehr Unsicherheit lagert sich bei ihm ab. Kollegen kommen mit Fragen. Prozesse laufen über ihn. Spannungen landen bei ihm. Irgendwann trägt er nicht mehr nur seine Arbeit. Er trägt die Reibungsverluste des Systems.
Das Erschöpfende ist dabei oft nicht die Menge der Arbeit.
Es ist die psychische Anschlussfähigkeit.
Immer erreichbar sein für fremde Dysregulation. Immer jemand sein, an den andere andocken können. Immer jene ruhige Struktur bereitstellen, an der andere sich orientieren.
Vielleicht liegt genau hier Ryos Müdigkeit.
Nicht in zu viel Arbeit.
Sondern
in zu viel Systemspannung.
Besonders sichtbar wird das in der Szene mit der Kollegin, die Zahlen manipuliert hat und anschließend behauptet, Ryo sei aggressiv zu ihr gewesen.
Diese Szene verändert den Ton seines Kapitels.
Plötzlich geht es nicht mehr nur um Überforderung. Es geht um Zuschreibung, Macht und Deutungshoheit.
Denn die Kollegin lügt nicht beliebig.
Sie wählt eine Erzählung, von der sie weiß, dass ein System sie glauben kann.
Damit zeigt der Roman etwas Unangenehmes: In Organisationen zählt nicht nur, was wahr ist. Oft zählt auch, wessen Wirklichkeit anschlussfähig ist.
Ryo scheint lange an ein stilles moralisches Versprechen zu glauben:
Wenn ich korrekt arbeite, integer bleibe und niemandem schade, schützt mich das.
Doch genau dieser Glaube bricht.
Integrität schützt nicht immer.
Das ist ein erwachsener Schmerz, über den erstaunlich wenig gesprochen wird.
Viele kompetente Menschen leben mit der stillen Hoffnung, dass Fairness irgendwann Sicherheit erzeugt. Dass saubere Arbeit gesehen wird. Dass Anstand sich auszahlt.
Aber Systeme garantieren das nicht.
Manchmal schützen Kompetenz, Integrität und Verlässlichkeit nicht vor Instrumentalisierung. Manchmal machen sie einen erst recht verfügbar.
Vielleicht träumt Ryo deshalb von Freiheit.
Nicht primär von Freiheit von Arbeit.
Sondern von Freiheit von dysfunktionaler Bindung.
Moderne Erschöpfung entsteht vielleicht oft nicht dort, wo wir sie vermuten.
Nicht in zu viel Tätigkeit.
Nicht
einmal zwingend in zu viel Verantwortung.
Sondern dort, wo ein Mensch über lange Zeit zur stillen Entlastungsfläche für andere wird.
Wo er Spannungen reguliert, Konflikte abfedert, Unsicherheit absorbiert — und dabei immer schwerer spürt, wo das System endet und er selbst beginnt.
Erwachsenwerden bedeutet vielleicht auch, den Glauben zu verlieren, dass Fairness automatisch schützt — ohne darüber zynisch zu werden.
Vielleicht ist genau das Ryos eigentliche Krise.
Nicht, dass er zu viel arbeitet.
Sondern dass er irgendwann kaum noch
unterscheiden kann,
ob er in einem System arbeitet —
oder
ob er selbst längst zu einem Teil seiner tragenden Infrastruktur
geworden ist.
🏷 Tags
#Arbeit #Systeme
#Integrität #Ryo #QuietAuthority
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2 –
Ich und die Welt
📚 Dieser Beitrag gehört zur Reihe: Frau Komachi empfiehlt ein Buch
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
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Wenn Kompetenz zur Bindungsfalle wird
– Wenn Integrität nicht
schützt
– Wessen Wirklichkeit gilt
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