Abwesenheit als Familienklima
Es gibt Familien, in denen über den abwesenden Vater viel gesprochen wird.
Und es gibt Familien, in denen seine Abwesenheit gerade daran zu erkennen ist, dass kaum jemand über sie spricht.
Der freie Platz am Tisch wird irgendwann nicht mehr erklärt. Bestimmte Fragen werden nicht gestellt, bestimmte Geschichten nur in Andeutungen erzählt. Vielleicht lebt der Vater anderswo, vielleicht kommt und geht er, vielleicht wohnt er sogar weiterhin mit der Familie zusammen und bleibt dennoch eigentümlich unerreichbar.
Irgendwann richtet sich der Alltag darum herum ein.
Das ist vielleicht eine der unterschätzten Wirkungen von Abwesenheit: Sie betrifft nicht nur die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Kind. Sie kann zu einem Klima werden, in dem eine ganze Familie lernt zu leben.
Wenn sich eine Familie um eine Leerstelle organisiert
Familien brauchen keine vollständige Erklärung ihrer eigenen Geschichte, um sich an sie anzupassen.
Kinder merken sehr früh, worüber gesprochen werden kann und worüber besser nicht. Sie spüren, welche Fragen Unruhe erzeugen, welche Namen eine Stimmung verändern und an welchen Stellen Erwachsene plötzlich schweigen oder ausweichen.
Niemand muss sagen: Frag nicht nach deinem Vater.
Es kann genügen, dass die Antwort jedes Mal etwas im Raum verändert.
So entstehen Regeln, die niemals ausgesprochen wurden.
Man fragt nicht zu viel. Man erwartet nicht zu viel. Man erwähnt bestimmte Dinge nur vorsichtig. Vielleicht schützt man die Mutter, vielleicht verteidigt man den Vater, vielleicht hält man an einer Geschichte fest, die das Zusammenleben erträglicher macht.
Mit der Zeit muss niemand mehr erklären, wie diese Familie funktioniert.
Alle wissen es.
Gerade darin unterscheidet sich Abwesenheit als Familienklima von einem einzelnen Verlust. Ein Verlust hat ein Ereignis: Jemand war da und ist nicht mehr da. Ein Familienklima dagegen kann so selbstverständlich werden, dass diejenigen, die darin aufwachsen, lange gar nicht bemerken, dass andere Familien anders miteinander umgehen.
Was fehlt, erscheint irgendwann nicht mehr als fehlend.
Es erscheint normal.
Die Arbeit, die andere übernehmen
In Douglas Stuarts Shuggie Bain verschwindet der Vater nicht einfach aus dem Familienbild und hinterlässt einen unbesetzten Platz. Seine zunehmende Abwesenheit verändert vielmehr die Kräfteverhältnisse innerhalb der Familie.
Denn Aufgaben verschwinden nicht mit dem Menschen, der sie hätte tragen können.
Jemand muss weiterhin wahrnehmen, was geschieht. Jemand muss mit Unsicherheit umgehen, Stimmungen lesen, Krisen auffangen und versuchen, den Alltag zusammenzuhalten.
In Shuggies Familie fällt ein Teil dieser Arbeit ausgerechnet den Kindern zu.
Damit zeigt der Roman etwas, das sich leicht übersehen lässt: Abwesenheit erzeugt nicht nur Mangel. Sie erzeugt häufig zusätzliche Arbeit für die Anwesenden.
Wenn einer nicht trägt, tragen andere mehr.
Das kann ganz praktisch sein. Ein älteres Kind kümmert sich um ein jüngeres. Eine Mutter übernimmt allein, was eigentlich auf mehrere Schultern verteilt wäre. Kinder werden früh selbstständig, weil niemand Zeit hat, jeden ihrer Schritte zu begleiten.
Aber es gibt auch eine unsichtbarere Arbeit. Jemand muss Spannungen ausgleichen, Rücksicht nehmen, Stimmungen beobachten und darauf achten, dass nicht noch mehr auseinanderfällt.
Mitunter lernen Kinder deshalb nicht nur, mit einem abwesenden Vater zu leben.
Sie lernen, das System zu stabilisieren, das seine Abwesenheit hinterlassen hat.
Die Familie erzählt sich selbst
Abwesenheit hinterlässt außerdem eine Frage, die Familien irgendwie beantworten müssen.
Warum ist er nicht da?
Darauf gibt es manchmal eine klare Antwort. Häufiger entstehen Erzählungen.
Er konnte eben nicht anders.
Er war nie ein Familienmensch.
Deine Mutter hat es ihm auch nicht leicht gemacht.
Er liebt euch schon, er kann es nur nicht zeigen.
Wir brauchen ihn ohnehin nicht.
Vielleicht enthalten solche Sätze Wahrheit. Vielleicht dienen sie zugleich dazu, etwas zusammenzuhalten, das sich nicht vollständig erklären lässt.
Denn Familien erzählen nicht nur Geschichten über ihre Vergangenheit. Sie erzählen sich damit auch, wer sie in der Gegenwart sind.
Ein Vater kann in solchen Erzählungen zum Schuldigen werden, zum Verlorenen, zum Entschuldigten, zum großen Schweigen oder sogar zu einer beinahe mythischen Figur, deren tatsächliche Person hinter den Geschichten allmählich verschwindet.
Für ein Kind ist es schwer, zwischen dem Menschen und der Familienerzählung über diesen Menschen zu unterscheiden.
Es übernimmt zunächst beides.
Und vielleicht beginnt erst viel später die Frage, welche Geschichte eigentlich die eigene ist.
Wenn Herkunft im Schweigen liegt
In Marilynne Robinsons Gilead begegnet uns Familie aus einer ganz anderen Richtung. Dort wird erzählt, erinnert und geschrieben. Der alte John Ames versucht, seinem Sohn etwas von sich und seiner Herkunft zu hinterlassen, weil er weiß, dass er später nicht mehr selbst davon erzählen können wird.
Gerade dadurch wird sichtbar, was familiäre Weitergabe bedeuten kann.
Ein Kind erbt nicht nur Namen, Aussehen oder Besitz. Es erbt Geschichten darüber, woher es kommt, welche Menschen vor ihm gelebt haben, woran sie geglaubt haben, woran sie gescheitert sind und wie sie miteinander verbunden waren.
Wo ein Vater fehlt, kann deshalb mehr fehlen als seine unmittelbare Zuwendung.
Mit ihm kann ein Teil der eigenen Herkunft undeutlich werden.
Wer war dieser Mensch, bevor er mein Vater wurde? Was kam aus seiner Familie in unsere? Wem sehe ich ähnlich? Welche Eigenheiten erkenne ich wieder? Welche Konflikte haben schon vor mir begonnen?
Solche Fragen müssen nicht quälend sein. Aber sie zeigen, dass väterliche Abwesenheit auch eine Lücke im Erzählen erzeugen kann.
Manchmal wächst ein Kind mit einer Hälfte seiner Herkunft auf, über die andere Menschen sprechen.
Derjenige, der sie selbst hätte erzählen können, bleibt stumm.
Die Rollen, die sich um die Leerstelle bilden
Eine Familie bleibt jedoch selten einfach unvollständig stehen. Sie organisiert sich.
Jemand wird besonders vernünftig. Jemand macht Schwierigkeiten. Einer hält Kontakt zum Vater, während ein anderer nichts mehr von ihm wissen möchte. Ein Kind schützt die Mutter. Ein anderes idealisiert den Abwesenden. Vielleicht darf eines wütend sein und ein anderes versucht, Frieden zu halten.
Keine dieser Rollen muss bewusst verteilt worden sein.
Sie entstehen.
Und weil sie innerhalb der Familie eine Funktion bekommen, können sie erstaunlich stabil werden.
Das vernünftige Kind wird weiterhin vernünftig.
Der Vermittler vermittelt.
Diejenige, die niemandem zur Last fallen will, braucht wenig.
Der Rebell trägt die Wut, für die anderswo kein Platz ist.
So kann die Abwesenheit eines Menschen noch lange Beziehungen strukturieren, an denen er selbst kaum beteiligt ist.
Der Vater ist nicht da.
Und trotzdem sitzt seine Abwesenheit mit am Tisch.
Wenn niemand mehr darüber spricht
Vielleicht wird das Familienklima gerade dann besonders wirksam, wenn der ursprüngliche Anlass längst nicht mehr täglich spürbar ist.
Kinder werden älter. Der Alltag beruhigt sich. Man findet Formen, miteinander auszukommen. Manche Fragen verlieren ihre Dringlichkeit.
Was bleibt, sind Gewohnheiten.
Nicht über Belastendes sprechen.
Probleme selbst lösen.
Andere nicht unnötig beunruhigen.
Loyal sein.
Durchhalten.
Nach außen funktionieren.
Solche Regeln können später wie persönliche Eigenschaften erscheinen. Man hält sich eben für jemanden, der ungern über Gefühle spricht. Für besonders unabhängig. Für harmoniebedürftig oder konfliktscheu. Für jemanden, der immer zuerst schaut, wie es den anderen geht.
Vielleicht stimmt das alles.
Und trotzdem kann es sich lohnen, irgendwann zu fragen, wo diese Selbstverständlichkeiten gelernt wurden.
Nicht um jede Eigenschaft auf die Familie zurückzuführen.
Sondern um unterscheiden zu können:
Was gehört heute zu mir?
Und was war einmal notwendig, damit ich in einem bestimmten Klima gut leben konnte?
Ein anderes Klima
Tove Janssons Das Sommerbuch bietet dafür einen eigentümlich stillen Gegenraum.
Auch dort ist Abwesenheit vorhanden. Sophias Mutter ist tot. Dieser Verlust wird jedoch nicht zum einzigen Mittelpunkt des gemeinsamen Lebens von Sophia, ihrem Vater und ihrer Großmutter. Er ist da, ohne jeden Augenblick beherrschen zu müssen.
Vor allem die Beziehung zwischen Sophia und ihrer Großmutter zeigt eine andere Möglichkeit familiären Klimas. Es darf gefragt und geschwiegen werden. Es gibt Streit, Eigenwilligkeit, Rückzug und Nähe. Nicht jede Spannung muss sofort aufgelöst werden, und nicht jede schwierige Empfindung bedroht das Gefüge.
Vielleicht liegt darin ein wichtiger Unterschied.
Ein gutes Familienklima ist nicht eines, in dem niemand fehlt.
Es ist auch nicht eines, in dem nichts Schmerzhaftes geschieht.
Vielleicht zeigt es sich eher darin, ob das Fehlende einen Namen haben darf, ohne dass alle anderen ihr Leben darum herum organisieren müssen.
Was Kinder mitnehmen
Kinder verlassen irgendwann ihre Herkunftsfamilie.
Das Familienklima bleibt zurück.
Zumindest äußerlich.
Denn selbstverständlich nimmt niemand morgens die Atmosphäre seiner Kindheit in einen Koffer und trägt sie in die erste eigene Wohnung. Und doch können bestimmte Regeln erstaunlich weit mitreisen.
Wie viel Nähe ist normal?
Wie viel darf ich verlangen?
Wann wird Streit gefährlich?
Wer kümmert sich um wen?
Muss jemand die Stimmung retten?
Darf ich sagen, dass mir etwas fehlt?
Auf solche Fragen antworten Menschen nicht nur mit Gedanken. Oft antworten sie mit dem, was ihnen vertraut vorkommt.
Vielleicht besteht deshalb eine wichtige Bewegung des Erwachsenwerdens darin, die Atmosphäre der eigenen Herkunft überhaupt erst als Atmosphäre erkennen zu können.
Nicht als Wahrheit darüber, wie Familien sind.
Nicht als persönliches Schicksal.
Sondern als eine bestimmte Art, miteinander zu leben, die einmal entstanden ist.
Dann kann auch der abwesende Vater langsam eine andere Größe bekommen.
Er muss weder entschuldigt noch verurteilt werden, damit sichtbar wird, was seine Abwesenheit bewirkt hat. Vielleicht war er selbst in Geschichten und Verhältnisse eingebunden, die lange vor diesem Kind begonnen hatten. Vielleicht gab es Gründe. Vielleicht gab es Versagen. Meist gibt es von beidem etwas.
Aber die entscheidende Frage liegt irgendwann nicht mehr nur bei ihm.
Sie liegt bei denen, die geblieben sind.
Und bei denen, die später gehen.
Denn ein Familienklima wird weitergegeben, solange es sich wie die einzige mögliche Luft anfühlt.
Erst wenn jemand bemerkt, dass er darin geatmet hat, kann vielleicht die Frage entstehen, wie sich andere Luft anfühlen würde.
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