Jugend – Tove Ditlevsen


Buchdaten

Titel: Jugend
Originaltitel: Ungdom
Autorin: Tove Ditlevsen
Erscheinungsjahr: 1967
Genre: Autobiografischer Roman · Autofiktion

Worum geht es?

Toves Kindheit ist vorbei, doch das Leben, das vor ihr liegt, scheint zunächst ebenso klar vorgegeben wie zuvor.

Sie verlässt die Schule und beginnt zu arbeiten. Verschiedene Stellen führen sie in eine Erwachsenenwelt, in der Geld verdient werden muss und für literarische Ambitionen wenig Raum vorgesehen ist.

Doch Tove schreibt weiter.

Sie sucht nach Menschen, die ihre Gedichte ernst nehmen könnten, nach Möglichkeiten der Veröffentlichung und nach einem Zugang zu jener literarischen Welt, die von ihrem bisherigen Leben weit entfernt scheint.

Damit erzählt Jugend von einer eigentümlichen Zwischenzeit:

Tove gehört nicht mehr vollständig in die Welt ihrer Kindheit.

Aber in der Welt, in die sie möchte, ist sie noch nicht angekommen.

Warum dieses Buch geblieben ist

Jugend erzählt vom Weggehen, bevor man wirklich gegangen ist.

Tove lebt weiterhin innerhalb der materiellen und sozialen Bedingungen ihrer Herkunft. Sie muss arbeiten. Sie braucht Geld. Die Möglichkeiten eines jungen Mädchens aus ihrem Milieu sind begrenzt.

Und gleichzeitig existiert längst ein anderes Leben in ihrer Vorstellung.

Sie möchte schreiben.

Dieser Wunsch ist bemerkenswert hartnäckig. Denn zunächst gibt es kaum etwas, das ihn von außen bestätigt. Keine sichere Laufbahn. Keine Garantie, dass ihre Texte veröffentlicht werden. Keine Gewissheit, dass sie jemals zu jener literarischen Welt gehören wird, die sie sucht.

Damit verändert sich gegenüber Kindheit etwas Entscheidendes.

Das Schreiben war dort zunächst ein innerer Raum.

In Jugend soll aus diesem inneren Raum ein Platz in der wirklichen Welt werden.

Und genau darin liegt das Risiko.

Denn solange ein Wunsch nur im Inneren existiert, kann er geschützt werden.

Wer versucht, ihn zu leben, setzt ihn der Welt aus.

Psychologische Lesespur

Eine psychologische Lesespur führt über Ablösung, Zugehörigkeit und Selbstwerdung.

Herkunft vermittelt Menschen nicht nur Erinnerungen und Beziehungen. Sie vermittelt auch Vorstellungen davon, welche Leben realistisch erscheinen.

Wer diese Grenzen überschreiten möchte, verlässt deshalb nicht einfach einen Ort.

Er verändert seine Zugehörigkeit.

Tove beginnt, sich aus der sozialen Welt ihrer Kindheit herauszubewegen, ohne bereits eine neue sichere Zugehörigkeit gefunden zu haben.

Gerade diese Zwischenposition ist interessant.

Das alte Leben passt zunehmend weniger.

Das neue trägt noch nicht.

Psychologisch lässt sich darin vorsichtig eine Bewegung der Differenzierung erkennen: Eigene Wünsche werden zunehmend von den Erwartungen und Möglichkeiten der Herkunft unterscheidbar.

Doch Ablösung bedeutet bei Ditlevsen nicht, dass Herkunft bedeutungslos wird.

Man nimmt sie mit.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Jugend macht sichtbar, dass ein anderes Leben oft lange beginnt, bevor es von außen erkennbar wird.

Zunächst gibt es vielleicht nur eine Vorstellung.

Einen Wunsch.

Eine Tätigkeit, die niemand besonders ernst nimmt.

Und irgendwann entsteht daraus die Frage, ob man diesem inneren Entwurf tatsächlich folgen darf.

Gerade bei sozialer Herkunft ist diese Bewegung nicht selbstverständlich.

Denn Weggehen kann bedeuten, Möglichkeiten zu suchen, die in der eigenen Umgebung kaum vorgesehen waren.

Es kann aber auch bedeuten, vertraute Formen von Zugehörigkeit zu verlieren.

Vielleicht ist sozialer Aufstieg deshalb nie nur eine Bewegung nach vorne.

Er ist auch eine Bewegung zwischen Welten.

Tove weiß zunehmend, wohin sie möchte.

Aber sie weiß noch nicht, ob dort tatsächlich ein Platz für sie existiert.

Vielleicht ist genau das Jugend:

Nicht mehr selbstverständlich diejenige zu sein, die man bisher war.

Und noch nicht zu wissen, ob man diejenige werden kann, die man sein möchte.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Buch über:

Bildung als Ausweg
über Literatur und Schreiben als Möglichkeit, die Grenzen des eigenen Herkunftsmilieus zu überschreiten.

Weggehen aus der Herkunft
über eine Ablösung, die beginnt, lange bevor ein Mensch tatsächlich irgendwo anders angekommen ist.

Herkunft und Familie
über soziale und familiäre Bedingungen, die beeinflussen, welches Leben zunächst möglich erscheint.

Arbeit
über die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, während gleichzeitig ein anderes Leben angestrebt wird.

Zugehörigkeit
über die Unsicherheit, zwischen einer vertrauten alten und einer noch nicht erreichten neuen Welt zu stehen.

Selbstwerdung
über den Versuch, einer inneren Vorstellung vom eigenen Leben äußere Wirklichkeit zu geben.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, was geschieht, wenn ein Mensch aus seiner Herkunft herauswächst, ohne schon anderswo angekommen zu sein, könnten von hier weitere Lesespuren führen:

Kindheit — Tove Ditlevsen
Zeigt den Ursprung dieser Bewegung: ein Mädchen entdeckt in Sprache und Literatur erstmals die Möglichkeit eines anderen Lebens.

Jane Eyre — Charlotte Brontë
Erzählt unter völlig anderen Bedingungen davon, wie Bildung und Arbeit einer jungen Frau größere eigene Handlungsspielräume eröffnen.

Stoner — John Williams
Zeigt, wie Bildung einen Menschen unerwartet aus der Welt seiner Herkunft herausführen und zu einer neuen Lebensform werden kann.

Denkspur: Bildung als Ausweg
Verbindet Bücher über Menschen, für die Bildung nicht nur Wissen bedeutet, sondern die Möglichkeit eröffnet, ein anderes Leben überhaupt denken und betreten zu können.

Regal
2 – Ich und die Welt

Denkspuren
Bildung als Ausweg · Weggehen aus der Herkunft · Herkunft und Familie

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