Jesper Juul – Pubertät: Wenn Erziehen nicht mehr geht
Worum geht es?
Jesper Juul schreibt über Pubertät nicht als Problemphase der Jugendlichen, sondern als Beziehungsumbau der Familie.
Der Titel ist bewusst provokant: Wenn Erziehen nicht mehr geht bedeutet nicht, dass Eltern machtlos werden. Es bedeutet, dass die klassische Elternrolle — erklären, anleiten, korrigieren, steuern — in dieser Phase ihre Wirksamkeit verliert.
Kinder brauchen in der Pubertät weniger Erziehung im traditionellen Sinn.
Sie brauchen Erwachsene, die präsent, klar und beziehungsfähig bleiben.
Juul verschiebt damit eine zentrale Frage:
Nicht mehr:
Wie bringe ich mein Kind dazu, auf mich zu hören?
Sondern eher:
Wie bleibe ich in Beziehung, während mein Kind sich von mir ablöst?
Warum dieses Buch geblieben ist
Juuls große Stärke liegt darin, Pubertät zu entdramatisieren.
Viele Eltern erleben Widerstand, Rückzug, Gereiztheit oder Provokation als Zeichen, etwas falsch gemacht zu haben.
Juul liest dieselben Phänomene anders.
Widerstand kann Entwicklung sein.
Abgrenzung kann gesund sein.
Konflikte können Ausdruck von Individuation sein.
Das passt stark zu deinem Quiet-Authority-Raum:
Autorität entsteht nicht durch Kontrolle.
Sondern durch innere Klarheit unter Beziehungsspannung.
Gerade Eltern mit hohem Verantwortungsgefühl geraten hier leicht in Übersteuerung:
mehr reden, mehr erklären, mehr regulieren.
Juul arbeitet fast in die Gegenrichtung.
Weniger kontrollieren.
Mehr tragen.
Weniger Machtkampf.
Mehr Selbstverantwortung.
Lesespuren im Buch
Dieses Buch kreist um zentrale Fragen von Beziehung und Entwicklung:
- Ablösung ohne Beziehungsabbruch
- Grenzen ohne Machtausübung
- Autorität ohne Härte
- Konfliktfähigkeit in Familien
- Elternschaft jenseits von Kontrolle
- Vertrauen in Entwicklung
Eine der stillen Kernideen bei Juul ist:
Pubertät testet nicht nur Jugendliche.
Sie testet auch die Reife der Eltern.
Oft zeigt sich gerade hier, wie sehr Erwachsene ihre eigene Sicherheit aus Gehorsam, Harmonie oder Dankbarkeit der Kinder beziehen.
Wenn das wegfällt, bleibt eine schwierigere Frage:
Wer bin ich als Elternteil, wenn mein Kind mich nicht mehr bestätigt?
Das ist fast schon Winnicott-Terrain.
Einordnung im P-System
👉 P3 – Anpassung / Gesellschaft
(soziale Rollen, Familiennormen, Autorität)
👉 P6 – Beziehung / Nähe / Zärtlichkeit
(Bindung im Jugendalter, Ablösung, Autonomie)
🏷 Tags
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