Hermann Melville - Bartleby


Buchdaten

Titel: Bartleby, der Schreiber
Originaltitel: Bartleby, the Scrivener: A Story of Wall Street
Autor: Herman Melville
Erscheinungsjahr: 1853
Genre: Erzählung · Literarischer Klassiker

Worum geht es?

Ein erfolgreicher Anwalt an der Wall Street stellt einen neuen Schreiber ein: Bartleby.

Zunächst arbeitet dieser still, zuverlässig und außergewöhnlich viel. Doch eines Tages bittet der Anwalt ihn, eine Abschrift zu überprüfen.

Bartleby lehnt ab.

Nicht laut. Nicht aggressiv. Nicht mit einer ausführlichen Begründung.

Er würde lieber nicht.

Von diesem Moment an beginnt Bartleby, immer weitere Tätigkeiten zu verweigern. Schließlich schreibt er überhaupt nicht mehr. Trotzdem verlässt er das Büro nicht.

Der Anwalt versucht zu verstehen, zu helfen, zu verhandeln und Lösungen zu finden. Doch Bartleby entzieht sich zunehmend allem, was von ihm erwartet wird.

Melville macht aus dieser einfachen Ausgangssituation eine rätselhafte Erzählung über Arbeit, Anpassung, Verweigerung und die Grenzen dessen, was Menschen voneinander verstehen können.

Warum dieses Buch geblieben ist

Bartleby rebelliert nicht.

Er argumentiert nicht gegen die Arbeitswelt.

Er formuliert kein alternatives Lebensmodell.

Er verweigert sich einfach.

Gerade deshalb ist seine Haltung so irritierend.

Eine Ordnung kann mit Widerstand umgehen. Wer widerspricht, erkennt zumindest an, dass es etwas gibt, dem widersprochen werden kann.

Bartleby macht etwas anderes.

Er beteiligt sich zunehmend nicht mehr.

Damit bringt er nicht nur den Arbeitsablauf durcheinander. Er bringt auch den Anwalt aus dem Gleichgewicht, weil dessen gewohnte Kategorien nicht mehr funktionieren.

Ist Bartleby faul?

Krank?

Verzweifelt?

Widerspenstig?

Hilfsbedürftig?

Melville gibt darauf keine befriedigende Antwort.

Bartleby bleibt unlesbar.

Und vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Kraft.

Psychologische Lesespur

Es wäre leicht, Bartlebys Verhalten mit einem psychologischen Begriff zu versehen.

Doch damit würde man möglicherweise genau das beseitigen, was die Erzählung so beunruhigend macht.

Wir wissen nicht, warum Bartleby aufhört.

Wir sehen nur seinen Rückzug.

Mit jeder Verweigerung wird sein Handlungsspielraum kleiner. Er fordert nichts ein und entwirft keine Zukunft. Er zieht sich aus den Erwartungen seiner Umgebung zurück, bis fast nur noch seine körperliche Anwesenheit übrig bleibt.

Interessant ist deshalb auch die Reaktion des Anwalts.

Er möchte Bartleby verstehen, weil Verstehen Handlungsmöglichkeiten schaffen würde.

Wenn er wüsste, was mit Bartleby los ist, könnte er vielleicht helfen.

Doch Bartleby verweigert ihm auch diese Möglichkeit.

Damit stößt der Anwalt an eine Grenze, die in Beziehungen schwer auszuhalten ist:

Ein anderer Mensch kann vor uns stehen – und uns trotzdem unzugänglich bleiben.

Lesespuren

Dieses Buch ist eine Erzählung über:

Verweigerung
Arbeit
Anpassung
Rückzug
Außenseitertum
Einsamkeit
Unlesbarkeit
Autonomie
Hilflosigkeit
die Grenzen des Verstehens

Besonders stark gehört Bartleby, der Schreiber zur Denkspur Außenseiter.

Bartleby steht nicht einfach außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Zunächst befindet er sich mitten in ihr – an einem Schreibtisch an der Wall Street.

Er wird erst dadurch zum Außenseiter, dass er beginnt, die Handlungen nicht mehr auszuführen, durch die seine Zugehörigkeit zur Arbeitswelt definiert wird.

Daneben berührt die Erzählung Leise Lebensformen, allerdings als Gegenfrage: Ist Bartlebys Rückzug tatsächlich eine selbstgewählte Lebensform – oder ist am Ende kaum noch ein Leben übrig, das gestaltet werden könnte?

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass nicht jeder Mensch erklärt werden kann.

Wir sind daran gewöhnt, Verhalten mit Gründen zu verbinden.

Jemand arbeitet, weil er etwas erreichen möchte.

Jemand kündigt, weil er unzufrieden ist.

Jemand protestiert, weil er etwas verändern möchte.

Bartleby entzieht sich dieser Logik.

Seine Verweigerung führt nirgendwohin.

Vielleicht macht sie uns gerade deshalb so unruhig.

Denn solange Widerstand ein Ziel besitzt, können wir ihn verstehen.

Schwieriger wird es bei einem Menschen, der scheinbar nichts mehr von der Welt verlangt.

Melville lässt dieses Rätsel bestehen.

Bartleby bekommt keine Erklärung, die ihn für uns wieder lesbar machen würde.

Vielleicht ist genau das die Zumutung dieser kleinen Erzählung:

dass ein Mensch uns begegnen kann, ohne dass wir je erfahren, warum er geworden ist, wie er ist.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders interessiert, was geschieht, wenn Menschen sich Erwartungen, Arbeit oder gesellschaftlicher Anpassung entziehen, könnten diese Spuren weiterführen:

Der Fremde — Albert Camus
Meursault bleibt seiner Umgebung ebenfalls schwer lesbar und gerät gerade deshalb in Konflikt mit den Erwartungen seiner Gesellschaft.

Stoner — John Williams
Zeigt einen ganz anderen Umgang mit Arbeit und einem unspektakulären Leben: keinen Rückzug aus der Welt, sondern ein stilles Bleiben innerhalb einer selbst gewählten Tätigkeit.

Das Sommerbuch — Tove Jansson
Öffnet die Gegenperspektive auf ein leises Leben, das nicht aus Verweigerung, sondern aus Aufmerksamkeit, Beziehung und Freiheit entsteht.

Denkspur: Außenseiter
Versammelt Bücher über Menschen, die außerhalb gesellschaftlicher Erwartungen stehen, nicht dazugehören oder sich einer eindeutigen Einordnung entziehen.

Regal
2 – Ich und die Welt

Denkspuren
Außenseiter · Leise Lebensformen

Essays zu diesem Buch
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