Gustav Flaubert - Madame Bovary
Buchdaten

Titel: Madame Bovary
Originaltitel: Madame Bovary
Autor: Gustave Flaubert
Erscheinungsjahr: 1857
Genre: Roman · Gesellschaftsroman · Literarischer Klassiker
Worum geht es?
Emma wächst mit Vorstellungen von Liebe, Leidenschaft und einem außergewöhnlichen Leben auf. Als sie den Landarzt Charles Bovary heiratet, scheint sich zunächst etwas von diesen Erwartungen zu erfüllen.
Doch das gemeinsame Leben wird schnell gewöhnlich.
Charles ist zuverlässig, gutmütig und seiner Frau zugetan. Gerade das genügt Emma nicht. Sie sehnt sich nach Intensität, gesellschaftlichem Glanz und jener Form großer Liebe, die sie aus Büchern und romantischen Vorstellungen kennt.
Aus der Enttäuschung über ihre Ehe entsteht eine immer stärkere Fluchtbewegung. Emma sucht in Affären, Konsum und Fantasien nach einem anderen Leben – und entfernt sich dabei zunehmend von dem Leben, das sie tatsächlich führt.
Flaubert erzählt nicht nur von einer unglücklichen Ehe. Er erzählt von der gefährlichen Entfernung zwischen Wirklichkeit und Erwartung.
Warum dieses Buch geblieben ist
Emma Bovary ist leicht zu verurteilen.
Sie betrügt ihren Mann. Sie verschuldet sich. Sie vernachlässigt ihre Tochter. Sie jagt Vorstellungen hinterher, die immer wieder an der Wirklichkeit scheitern.
Interessanter ist jedoch die Frage, warum ihr das vorhandene Leben so unerträglich erscheint.
Charles liebt Emma.
Aber er sieht nicht, wie unglücklich sie ist.
Für ihn ist die Ehe weitgehend gelungen, während Emma darin zunehmend das Gefühl bekommt, in einem Leben festzusitzen, das mit ihren Vorstellungen nichts zu tun hat.
Genau diese Verschiebung macht den Roman bis heute bemerkenswert.
Eine Beziehung kann von außen funktionieren und für die Menschen darin vollkommen unterschiedliche Wirklichkeiten besitzen.
Emma leidet nicht nur darunter, dass ihr etwas fehlt.
Sie leidet an der Vorstellung, dass irgendwo ein anderes, größeres Leben auf sie warten müsste.
Psychologische Lesespur
Unter Emmas Unzufriedenheit liegt eine starke Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit.
Sie erlebt ihr Leben nicht nur danach, was tatsächlich geschieht, sondern immer auch im Vergleich mit dem Leben, das sie sich vorgestellt hat.
Dadurch kann das Vorhandene kaum bestehen.
Ein Liebhaber verspricht zunächst jene Intensität, die Charles nicht bietet. Doch sobald auch diese Beziehung alltäglich oder begrenzt wird, beginnt erneut die Sehnsucht nach etwas anderem.
Das Muster wiederholt sich.
Nicht unbedingt, weil Emma nicht lieben kann.
Sondern weil keine wirkliche Beziehung dauerhaft mit einer idealisierten Vorstellung konkurrieren kann.
Darin liegt eine der interessantesten psychologischen Bewegungen des Romans: Sehnsucht kann ein Leben öffnen. Sie kann aber auch verhindern, dass ein Mensch überhaupt noch wahrnimmt, was tatsächlich vor ihm liegt.
Emma versucht immer wieder, die Wirklichkeit ihrer Vorstellung anzupassen.
Und je weniger das gelingt, desto unerträglicher wird die Wirklichkeit.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Ehe
Sehnsucht
Enttäuschung
romantische Ideale
Affären
Langeweile
Konsum
gesellschaftliche Erwartungen
Selbsttäuschung
das ungelebte Leben
Besonders stark gehört Madame Bovary zur Denkspur Unglückliche Ehen.
Daneben führt der Roman zu Leise Lebensformen – beinahe als Gegenbild. Denn Emma kann gerade das Gewöhnliche, Begrenzte und Unspektakuläre ihres Lebens nicht als mögliche Lebensform annehmen.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Dass Menschen nicht nur an einem schlechten Leben unglücklich werden können.
Manchmal leiden sie daran, dass das wirkliche Leben mit dem vorgestellten nicht mithalten kann.
Emma Bovary möchte nicht einfach einen anderen Mann.
Sie möchte ein anderes Leben.
Liebe, gesellschaftlicher Aufstieg, schöne Dinge und außergewöhnliche Erfahrungen werden zu Versprechen, dass dieses andere Leben doch noch beginnen könnte.
Aber hinter jedem erreichten Wunsch erscheint bereits der nächste.
Damit stellt Flaubert eine unbequeme Frage:
Wie viel unseres Unglücks entsteht aus dem, was uns tatsächlich fehlt – und wie viel aus der Vorstellung davon, wie unser Leben eigentlich aussehen sollte?
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Erwartungen an Liebe und Ehe ein gemeinsames Leben verändern können, könnten diese Spuren weiterführen:
Anna Karenina — Leo Tolstoi
Auch hier treffen Ehe, gesellschaftliche Erwartungen und die Sehnsucht nach einer anderen Form von Liebe aufeinander.
Effi Briest — Theodor Fontane
Zeigt eine Ehe, die stark von gesellschaftlichen Erwartungen und Rollen geprägt ist – und eine junge Frau, deren eigenes Leben darin immer enger wird.
Tage des Verlassenwerdens — Elena Ferrante
Verschiebt die Perspektive auf das Ende einer Ehe und fragt, was mit dem eigenen Selbst geschieht, wenn eine gemeinsame Lebensordnung zerbricht.
Denkspur: Unglückliche Ehen
Versammelt Romane über Beziehungen, die durch Erwartungen, Rollen, Gewohnheiten und unerfüllte Vorstellungen zu Lebensformen werden, in denen Menschen zunehmend unglücklich sind.
Regal
5 – Leben
Denkspuren
Unglückliche Ehen · Leise Lebensformen
Essays zu diesem Buch
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5 – Leben · Bucharchiv