Dörte Hansen - Altes Land
Buchdaten

Titel: Altes Land
Originaltitel: Altes Land
Autorin: Dörte Hansen
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Roman · Familienroman · Gesellschaftsroman
Worum geht es?
1945 kommt die fünfjährige Vera mit ihrer Mutter Hildegard als Flüchtling aus Ostpreußen ins Alte Land. Auf einem Bauernhof finden sie Unterkunft – aber nicht selbstverständlich ein Zuhause.
Vera bleibt.
Jahrzehnte später lebt sie noch immer in dem großen, kalten Bauernhaus, das ihr vertraut geworden ist, ohne dass die Frage nach Zugehörigkeit damit vollständig verschwunden wäre.
Dann taucht ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon auf. Anne hat Hamburg verlassen, nachdem ihre Beziehung zerbrochen ist. Auch sie kommt ins Alte Land nicht aus romantischer Sehnsucht nach dem Landleben, sondern weil ihr bisheriges Leben nicht mehr trägt.
Dörte Hansen verbindet die Geschichten dieser beiden Frauen zu einem Roman über Heimat, Flucht, Familie und die schwierige Frage, wann ein Ort tatsächlich zu einem eigenen Ort wird.
Warum dieses Buch geblieben ist
Altes Land misstraut einfachen Vorstellungen von Heimat.
Vera lebt beinahe ihr ganzes Leben an demselben Ort und bleibt trotzdem jemand, der einmal von außen gekommen ist.
Anne dagegen verlässt die Stadt, in der ihr bisheriges Leben stattgefunden hat, und landet ausgerechnet dort, wo die Familiengeschichte ihrer Mutter und Tante verwurzelt ist.
Beide Frauen stehen auf unterschiedliche Weise zwischen Bleiben und Weggehen.
Gerade darin liegt eine der stärksten Bewegungen des Romans.
Heimat erscheint nicht als etwas, das ein Mensch automatisch besitzt.
Man kann an einem Ort geboren werden und sich dort fremd fühlen.
Man kann irgendwo ankommen und jahrzehntelang bleiben, ohne vollständig dazuzugehören.
Und manchmal entsteht Zugehörigkeit gerade dort, wo man sie nicht gesucht hat.
Psychologische Lesespur
Vera erlebt früh einen radikalen Verlust von Sicherheit und Herkunft.
Die Flucht bringt sie in eine Umgebung, in der sie zunächst nicht selbstverständlich dazugehört. Sie lernt, sich einzufügen, zu bleiben und mit einem Ort zu leben, der ursprünglich nicht ihrer war.
Dabei entsteht eine Form von Zugehörigkeit, die widersprüchlich bleibt.
Das Haus wird Heimat und trägt zugleich die Erinnerung daran, dass Vera dort einmal als Fremde angekommen ist.
Bei Anne verläuft die Bewegung andersherum. Sie kommt nicht als Kind auf der Flucht, sondern als erwachsene Frau, deren bisherige Lebensordnung zerbrochen ist. Das Alte Land wird für sie zunächst Rückzugsort und Zwischenraum.
Beide Geschichten berühren damit dieselbe Frage aus verschiedenen Richtungen:
Wie entsteht Zugehörigkeit?
Vielleicht nicht allein dadurch, woher wir kommen.
Sondern auch dadurch, wo wir bleiben können, ohne uns ständig erklären zu müssen.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Heimat
Herkunft
Zugehörigkeit
Flucht
Familie
Mütter und Töchter
Bleiben und Weggehen
Dorfstrukturen
Verlust
Neuanfang
Besonders stark gehört Altes Land zu den Denkspuren Herkunft und Familie und Weggehen aus der Herkunft.
Ebenso wichtig ist Dorfstrukturen: Hansen zeigt das Land nicht als idyllischen Gegenentwurf zur Stadt, sondern als sozialen Raum mit eigenen Regeln, Zugehörigkeiten und Abgrenzungen.
Auch Krieg → Nachkrieg → Kinder führt durch den Roman. Veras Geschichte beginnt mit einer Erfahrung von Krieg und Flucht, deren Folgen nicht einfach mit dem Ankommen enden.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Dass Heimat und Herkunft zwei verschiedene Dinge sein können.
Herkunft bezeichnet, wo eine Geschichte beginnt.
Heimat entsteht komplizierter.
Vielleicht durch Zeit. Durch Gewohnheit. Durch Menschen. Durch einen Ort, dessen Geräusche und Wege irgendwann so vertraut geworden sind, dass man sie vermissen würde.
Und manchmal entsteht Heimat erst nach einem Verlust.
Vera verliert ihren ursprünglichen Ort und bleibt im Alten Land.
Anne verliert die Sicherheit ihres bisherigen Lebens und kommt dorthin.
Keine von beiden findet die romantische Heimat, die man sich gern als etwas Selbstverständliches vorstellt.
Sie finden etwas Unordentlicheres.
Einen Ort, an dem man bleiben kann.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders interessiert, was Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit miteinander zu tun haben, könnten diese Spuren weiterführen:
Die Bagage — Monika Helfer
Erzählt davon, wie stark ein Herkunftsort, seine sozialen Regeln und die Geschichten einer Familie über Generationen hinweg weiterwirken.
Pachinko — Min Jin Lee
Weitet die Frage über mehrere Generationen: Was bedeutet Heimat für Menschen, deren Herkunft und tatsächlicher Lebensort nicht mehr zusammenfallen?
Familienlexikon — Natalia Ginzburg
Zeigt eine andere Form von Heimat: die gemeinsame Sprache einer Familie, die Menschen und vergangene Lebenswelten über Erinnerung miteinander verbindet.
Denkspur: Weggehen aus der Herkunft
Versammelt Bücher über Menschen, die Herkunftsorte verlassen, verlieren oder innerlich überschreiten – und darüber, was sie trotzdem mitnehmen.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Herkunft und Familie · Weggehen aus der Herkunft · Dorfstrukturen
Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.
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2 – Ich und die Welt · Bucharchiv