Colm Toíbín - Brooklyn
Buchdaten

Titel: Brooklyn
Originaltitel: Brooklyn
Autor: Colm Tóibín
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Roman · Entwicklungsroman
Worum geht es?
Ende der 1940er Jahre verlässt die junge Eilis Lacey ihre irische Heimat, um in New York ein neues Leben zu beginnen.
In ihrer kleinen Heimatstadt gibt es kaum berufliche Perspektiven. Ein Priester organisiert ihr die Überfahrt und vermittelt ihr Arbeit in einem Kaufhaus in Brooklyn.
Die ersten Monate sind von Heimweh geprägt.
Eilis vermisst ihre Familie, ihre Schwester Rose und die vertraute Welt, aus der sie kommt. Erst nach und nach findet sie Anschluss, besucht Abendkurse und verliebt sich in den italienischstämmigen Tony.
Zum ersten Mal entsteht das Gefühl, irgendwo wirklich anzukommen.
Doch als ein Schicksalsschlag sie zurück nach Irland führt, verändert sich alles erneut.
In der alten Heimat eröffnen sich plötzlich Möglichkeiten, die es früher nicht gab. Familie, Freunde und eine neue Bekanntschaft lassen ein anderes Leben denkbar erscheinen.
Eilis steht vor einer Entscheidung, die sich nicht zwischen richtig und falsch treffen lässt.
Sondern zwischen zwei Leben, die beide möglich geworden sind.
Warum dieses Buch geblieben ist
Brooklyn erzählt keine dramatische Auswanderungsgeschichte.
Es geht nicht um spektakuläre Abenteuer oder außergewöhnliche Ereignisse.
Colm Tóibín interessiert sich für die leisen Veränderungen.
Für den Moment, in dem ein fremder Ort langsam vertraut wird.
Für die Erfahrung, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch eine Beziehung zur eigenen Vergangenheit.
Und für die Erkenntnis, dass jeder neue Anfang zugleich etwas zurücklässt.
Gerade deshalb wirkt der Roman lange nach.
Er zeigt, dass Zugehörigkeit wachsen kann – und dass sie sich manchmal auf zwei Orte gleichzeitig verteilt.
Psychologische Lesespur
Eilis verändert sich nicht durch einen einzigen Wendepunkt.
Sie verändert sich, weil sie über längere Zeit in einer anderen Welt lebt.
Mit jedem neuen Alltag verliert das Alte ein wenig von seiner Selbstverständlichkeit.
Als sie nach Irland zurückkehrt, bemerkt sie etwas Schmerzhaftes:
Sie gehört nicht mehr vollständig dorthin.
Gleichzeitig fühlt sich Amerika noch immer nicht ganz selbstverständlich an.
Der Roman beschreibt damit eine Erfahrung, die viele Menschen nach einem Ortswechsel kennen:
Man kehrt zurück – und merkt, dass nicht der Ort sich verändert hat.
Sondern man selbst.
Zwischen Herkunft und neuer Zugehörigkeit entsteht ein Zwischenraum.
Nicht als Mangel.
Sondern als Teil der eigenen Biografie.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Auswanderung
Heimat
Zugehörigkeit
Neuanfang
Liebe
Entscheidungen
Familie
Erwachsenwerden
Identität
Veränderung
Besonders stark gehört Brooklyn zur Denkspur Weggehen aus der Herkunft.
Eilis verlässt ihre vertraute Welt nicht aus Abenteuerlust, sondern weil ihr Leben dort kaum Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Erst die Entfernung verändert ihren Blick auf Herkunft und Zukunft.
Ebenso führt der Roman zu Leise Lebensformen.
Denn die großen Veränderungen geschehen nicht in dramatischen Szenen, sondern im Alltag. Arbeit, Freundschaften und kleine Gewohnheiten formen langsam ein neues Zuhause.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Dass Zugehörigkeit nicht unveränderlich ist.
Wir glauben oft, Heimat sei etwas Festes.
Doch manchmal entsteht sie dort, wo wir zunächst fremd waren.
Und manchmal merken wir erst bei einer Rückkehr, dass wir uns selbst verändert haben.
Brooklyn zeigt, dass jede Entscheidung für ein Leben auch eine Entscheidung gegen ein anderes ist.
Nicht weil eines falsch wäre.
Sondern weil jedes gelebte Leben zugleich viele ungelebte Möglichkeiten zurücklässt.
Diese Traurigkeit macht den Roman nicht pessimistisch.
Sie macht ihn menschlich.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders interessiert, wie Menschen zwischen Herkunft und einem neuen Leben ihren Platz suchen, könnten diese Bücher anschließen:
Ungefähre Landschaft – Peter Stamm
Auch hier verlässt eine Frau ihre vertraute Welt und sucht nicht nur einen anderen Ort, sondern eine andere Möglichkeit zu leben.
Altes Land – Dörte Hansen
Erzählt davon, wie Herkunft und Ankommen über Generationen hinweg miteinander verbunden bleiben.
Die Wand – Marlen Haushofer
Eine andere Form der Neuorientierung: Nicht Auswanderung, sondern radikale Isolation verändert den Blick auf das eigene Leben.
Denkspur: Weggehen aus der Herkunft
Versammelt Bücher über Menschen, die ihre vertraute Welt verlassen und entdecken, dass Herkunft nicht verschwindet, sondern sich verändert.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Weggehen aus der Herkunft · Leise Lebensformen
Essays zu diesem Buch
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2 – Ich und die Welt · Bucharchiv