Annie Ernaux - Die Jahre
Buchdaten

Titel: Die Jahre
Originaltitel: Les Années
Autorin: Annie Ernaux
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Autobiografische Literatur · Memoir · Gesellschaftschronik
Worum geht es?
Annie Ernaux erzählt ein Leben – und zugleich erzählt sie weit mehr als ein einzelnes Leben.
Aus Fotografien, Erinnerungen, Redewendungen, Gegenständen, politischen Ereignissen, Werbung, Musik, Familienessen und gesellschaftlichen Veränderungen entsteht ein Panorama der Jahrzehnte von der Nachkriegszeit bis ins frühe 21. Jahrhundert.
Dabei verzichtet Ernaux weitgehend auf das vertraute autobiografische "Ich". Stattdessen schreibt sie von "sie", von "wir", von einer Generation und von Erfahrungen, die persönlich sind und gleichzeitig von vielen geteilt werden.
Die Jahre wird dadurch zu einer ungewöhnlichen Form von Autobiografie:
Die Geschichte eines Menschen erscheint eingebettet in die Geschichte seiner Zeit.
Warum dieses Buch geblieben ist
Vielleicht ist das Erstaunlichste an Die Jahre, wie wenig ein Leben nur einem einzelnen Menschen gehört.
Wir erinnern uns an persönliche Ereignisse.
An Wohnungen. Beziehungen. Familienessen. Urlaube. Körper. Verluste.
Aber mitten in diesen Erinnerungen liegen Dinge, die Millionen andere Menschen ebenfalls kennen.
Lieder.
Produkte.
Fernsehbilder.
Politische Ereignisse.
Sätze, die plötzlich alle sagen.
Technologien, die selbstverständlich werden.
Ernaux zeigt damit, dass Erinnerung niemals vollständig privat ist.
Ein Mensch erinnert sich innerhalb einer Zeit.
Und diese Zeit hat längst mitgeschrieben.
Das verändert auch die Vorstellung von Identität. Denn wenn sich Sprache, gesellschaftliche Normen, politische Überzeugungen und Lebensformen verändern, verändert sich auch das, was ein Mensch über sich selbst denken kann.
Die Frage lautet dann nicht mehr nur:
Wer war ich?
Sondern:
Welche Zeit hat mich zu der Person gemacht, als die ich mich heute erinnere?
Psychologische Lesespur
Eine psychologische Lesespur führt über autobiografisches Gedächtnis und Identität.
Menschen tragen ihr Leben nicht wie ein unveränderliches Archiv in sich.
Erinnerungen werden aus der Gegenwart heraus betrachtet. Manche Erfahrungen gewinnen später eine Bedeutung, die sie damals noch nicht hatten. Andere verschwinden beinahe vollständig.
Ernaux macht diese Veränderlichkeit sichtbar.
Besonders interessant ist dabei ihr Zurücktreten vom autobiografischen "Ich".
Das eigene Leben erscheint nicht als isolierte Entwicklung einer einzelnen Persönlichkeit, sondern eingebettet in Familie, soziale Herkunft, Geschlechterrollen und historische Veränderungen.
Identität wird dadurch relational.
Wir werden nicht nur durch das geprägt, was uns persönlich geschieht.
Wir werden auch durch die Welt geprägt, in der bestimmte Dinge überhaupt denkbar, sagbar oder möglich sind.
Psychologie kann dafür Begriffe wie autobiografisches Gedächtnis oder Identitätsentwicklung anbieten.
Aber Ernaux zeigt etwas, das sich schwer in einen Begriff schließen lässt:
wie sehr ein einzelnes Leben gleichzeitig persönlich und kollektiv sein kann.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Die Jahre macht sichtbar, dass wir während unseres Lebens ständig Welten verlieren.
Nicht unbedingt durch Katastrophen.
Oft einfach dadurch, dass Zeit vergeht.
Gegenstände verschwinden.
Gewohnheiten verändern sich.
Menschen sterben.
Wörter werden altmodisch.
Technologien, die einmal neu waren, wirken plötzlich selbstverständlich und später veraltet.
Und irgendwann bemerkt man, dass eine Welt, die einmal Gegenwart war, nur noch in der Erinnerung existiert.
Vielleicht entsteht daraus auch der Impuls dieses Buches:
etwas festhalten zu wollen, bevor es verschwindet.
Aber Ernaux konserviert nicht einfach Vergangenheit.
Sie zeigt ihre Bewegung.
Denn während wir versuchen, uns an die Person zu erinnern, die wir einmal waren, betrachten wir sie bereits aus einer Welt, die sie noch nicht kannte.
So entsteht eine eigentümliche Distanz zum eigenen Leben.
Wir waren diese Menschen.
Und gleichzeitig sind wir es nicht mehr.
Vielleicht bedeutet Erinnern deshalb nicht nur, Vergangenes zurückzuholen.
Vielleicht bedeutet es auch, den Abstand zwischen unseren verschiedenen Leben wahrzunehmen.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Buch über:
Erinnerung
über die Frage, wie ein vergangenes Leben in Bildern, Gegenständen, Sprache und Szenen erhalten bleibt.
Zeit
über Jahrzehnte, die während des Lebens Gegenwart waren und allmählich Geschichte werden.
Identität
über ein Selbst, das sich verändert und trotzdem versucht, seine verschiedenen Lebensphasen miteinander zu verbinden.
Gesellschaft
über politische, technische und kulturelle Veränderungen, die Teil persönlicher Biografien werden.
Herkunft
über soziale Prägungen, die auch dann im eigenen Leben weiterwirken, wenn man sich längst aus dem Herkunftsmilieu herausbewegt hat.
Frauenleben
über weibliche Lebensmöglichkeiten, Körper, Beziehungen und Rollen, die sich im Laufe der Jahrzehnte verändern.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie persönliche Erinnerung und historische Zeit ineinandergreifen, könnten von hier weitere Lesespuren führen:
Kindheit — Tove Ditlevsen
Verdichtet eine vergangene soziale Welt in den Erinnerungen eines Kindes und zeigt, wie Herkunft Teil des späteren Selbst bleibt.
Pachinko — Min Jin Lee
Erzählt über mehrere Generationen, wie einzelne Lebensgeschichten von historischen Veränderungen durchzogen werden.
Homegoing — Yaa Gyasi
Verbindet Familiengeschichte und historische Zeit über Generationen und macht sichtbar, wie Vergangenheit in späteren Leben weiterwirkt.
Denkspur: Herkunft und Familie
Öffnet den Weg zu Büchern über das, was Menschen aus früheren Generationen und sozialen Welten in ihr eigenes Leben mitnehmen.
Regal
8 – Erinnerung / Zeit
Denkspuren
Herkunft und Familie · Weggehen aus der Herkunft · Starke Frauenlinien
Essays zu diesem Buch
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