Annie Ernaux - Der Platz
Buchdaten

Titel: Der Platz
Originaltitel: La Place
Autorin: Annie Ernaux
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Autobiografische Erzählung · Memoir
Worum geht es?
Nach dem Tod ihres Vaters beginnt Annie Ernaux über sein Leben zu schreiben.
Er stammt aus einfachen Verhältnissen, arbeitet zunächst als Landarbeiter und Fabrikarbeiter und führt später gemeinsam mit seiner Frau ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Café. Bildung und gesellschaftlicher Aufstieg bleiben ihm weitgehend fremde Welten.
Seine Tochter dagegen geht einen anderen Weg.
Sie besucht weiterführende Schulen, studiert und wird Lehrerin. Mit der Bildung verändert sich nicht nur ihre gesellschaftliche Position. Auch ihre Sprache, ihre Gewohnheiten und ihre Vorstellungen vom Leben entfernen sich zunehmend von denen ihrer Eltern.
Der Platz erzählt deshalb von einem Vater und einer Tochter.
Aber zwischen ihnen liegt noch etwas anderes:
die soziale Entfernung zwischen zwei Lebenswelten.
Warum dieses Buch geblieben ist
Das Schmerzhafte an Der Platz ist, dass Weggehen gelingen kann.
Ernaux erreicht etwas, das für Menschen aus ihrer Herkunft nicht selbstverständlich war. Bildung eröffnet ihr eine andere Welt.
Doch genau dieser Erfolg verändert die Beziehung zu der Welt, aus der sie kommt.
Plötzlich gibt es Unterschiede, die vorher nicht existierten.
Wörter.
Geschmack.
Verhaltensweisen.
Bücher.
Vorstellungen davon, was peinlich, richtig oder kultiviert ist.
Der soziale Aufstieg schafft Möglichkeiten – und gleichzeitig Distanz.
Ernaux beschreibt diese Distanz ohne die beruhigende Vorstellung, man könne einfach zwischen beiden Welten wechseln. Denn wer gelernt hat, die eigene Herkunft mit den Augen einer anderen sozialen Welt zu betrachten, kann nicht vollständig zu seinem früheren Blick zurückkehren.
Damit stellt Der Platz eine schwierige Frage:
Was geschieht mit Zugehörigkeit, wenn man das Leben verlässt, für das die eigene Herkunft einen vorgesehen hatte?
Psychologische Lesespur
Eine psychologische Lesespur führt über Zugehörigkeit, Scham und Ablösung.
Ablösung wird häufig als individuelle Entwicklung verstanden: Ein Mensch wird selbstständiger, entwickelt eigene Vorstellungen und beginnt, sein Leben nach ihnen auszurichten.
Bei Ernaux wird sichtbar, dass diese Bewegung auch sozial sein kann.
Bildung verändert nicht nur das Wissen eines Menschen. Sie kann seine Sprache verändern, seine sozialen Bezugspunkte und schließlich die Art, wie er seine eigene Herkunft wahrnimmt.
Damit entsteht eine eigentümliche doppelte Zugehörigkeit.
Die alte Welt bleibt Teil der eigenen Geschichte.
Die neue Welt prägt zunehmend das eigene Leben.
Und trotzdem gehört man vielleicht keiner von beiden mehr vollkommen selbstverständlich an.
Scham kann an dieser Grenze entstehen: als Bewusstsein dafür, dass die eigene Herkunft in einer anderen sozialen Umgebung als ungebildet, unfein oder unpassend gelesen werden könnte.
Doch die Scham besitzt eine zweite Richtung.
Denn auch die eigene Distanz zur Herkunft kann beschämend werden.
Man hat sich entfernt.
Und weiß es.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Der Platz macht sichtbar, dass sozialer Aufstieg nicht nur bedeutet, etwas zu gewinnen.
Man gewinnt Möglichkeiten.
Bildung.
Berufliche Sicherheit.
Eine andere Sprache für die Welt.
Aber manche Veränderungen besitzen einen Preis, der in Erfolgsgeschichten kaum vorkommt.
Man beginnt vielleicht, die Menschen, aus deren Welt man stammt, anders zu sehen.
Und irgendwann bemerkt man, dass sie auch einen selbst anders sehen.
Das bedeutet nicht, dass Liebe verschwindet.
Vielleicht macht gerade ihre Fortdauer die Distanz so schmerzhaft.
Denn Ernaux erzählt nicht von einer Tochter, die ihren Vater hinter sich lassen möchte.
Sie erzählt davon, dass zwei Menschen einander verbunden bleiben, während ihre Lebenswelten immer weiter auseinanderdriften.
Vielleicht ist Herkunft deshalb kein Ort, zu dem man einfach zurückkehren kann.
Man kann ihn verlassen.
Man kann ihn erinnern.
Man kann versuchen, ihn zu verstehen.
Aber der Mensch, der zurückblickt, ist nicht mehr derselbe, der einmal von dort aufgebrochen ist.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Buch über:
Herkunft
über eine soziale Welt, deren Sprache, Werte und Möglichkeiten Teil des eigenen Lebens bleiben.
Sozialen Aufstieg
über Bildung als Weg in eine Welt, die den Eltern weitgehend verschlossen geblieben ist.
Väter und Töchter
über eine Beziehung, in der Zuneigung und zunehmende soziale Entfernung nebeneinander bestehen.
Scham
über den Moment, in dem die eigene Herkunft durch die Maßstäbe einer anderen gesellschaftlichen Welt betrachtet wird.
Zugehörigkeit
über die Schwierigkeit, zwischen Herkunftsmilieu und neuem sozialen Ort einen eigenen Platz zu finden.
Sprache
über Unterschiede, die nicht nur im Einkommen oder Beruf sichtbar werden, sondern darin, wie Menschen sprechen und welche Worte ihnen zur Verfügung stehen.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, was Menschen gewinnen und verlieren können, wenn sie ihre soziale Herkunft verlassen, könnten von hier weitere Lesespuren führen:
Jugend — Tove Ditlevsen
Zeigt den früheren Moment dieser Bewegung: ein junges Mädchen versucht über Literatur und Schreiben einen Weg in eine Welt zu finden, für die seine Herkunft keinen selbstverständlichen Zugang bietet.
Stoner — John Williams
Erzählt von einem Mann, den Bildung aus der bäuerlichen Welt seiner Eltern herausführt und dessen weiteres Leben dadurch eine unerwartete Richtung nimmt.
Die Bagage — Monika Helfer
Blickt auf Herkunft, soziale Zuschreibung und die Geschichten, die eine Familie über Generationen begleiten.
Denkspur: Weggehen aus der Herkunft
Verbindet Bücher über Menschen, die ihre Herkunft verlassen – und darüber, was von ihr bleibt, wenn das eigene Leben längst anders geworden ist.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Weggehen aus der Herkunft · Bildung als Ausweg · Herkunft und Familie
Essays zu diesem Buch
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